Flush Hour: Spiel des Lebens

Ist Poker Sport? Die Frage ist mindestens so alt wie Helmut Schmidt, aber nicht annähernd so klug. Denn wie kann man so lange nach einer Antwort suchen, die ohnehin feststeht? Natürlich ist Poker Sport, weiß Lasse König. Fußballer, Schwimmer und Läufer sollten sich warm anziehen.

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Pokertisch, Spieler: Jeder kann an die Spitze kommen

Immer, wenn ich früher Bewerbungen geschrieben habe, stand ich vor einer Entscheidung: Soll ich Latein beim Punkt Fremdsprachen erwähnen oder lieber erst im Vorstellungsgespräch - dann, wenn nach zwei Kaffee und der ersten Sympathie kumpelhaft über Dinge gesprochen wird, die man in seinem Leben vielleicht anders gemacht hätte?

Ich weiß mittlerweile auch nicht mehr, warum es mir so peinlich war, die Sprache nicht zu erwähnen, nur weil sie tot ist. Latein hat Charme, auch wenn er morbide ist (morbidus=krank). Außerdem ist es mit Latein wie mit der Zeitung: Beide mögen nicht mehr aktuell sein, sie haben aber immer noch einen hohen Nutzwert. Dank Latein konnte ich beim Jurastudium immerhin zwei Semester überleben. Dank Latein habe ich schnell Italienisch gelernt. Dank Latein war das Philosophische Quartett für mich eine Talkrunde wie früher Hans Meiser.

Disportare heißt übrigens "sich zerstreuen" oder "auseinander tragen". Womit wir auch schon beim Poker wären.

Einer der ersten Leserbriefe zu dieser Kolumne war kein sehr netter, gesendet von einer Nina aus München. Sie beschwerte sich überhaupt nicht, dass es jetzt eine Pokerkolumne bei SPIEGEL ONLINE gebe. Ihre Kritik war die Einordnung. "Warum bitte läuft das in der Rubrik Sport?", ätzte Nina. Ja, wo denn sonst, antwortete ich.

Mud Wrestling: 93.200 Suchergebnisse

Und da war sie wieder, die Diskussion: Ist Poker Sport? Ständig flammt sie neu auf, was bei Diskussionen noch nie ein Zeichen für Qualität war (man erinnere sich nur an die sogenannte "Killerspielverbotsdiskussion"). Eine Antwort hat noch niemand gefunden. Poker und Sport ergeben zusammen 34.000.000 Suchergebnisse bei Google. Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, weil doch Mud Wrestling und Sport nur 93.200 ergeben? Und hat nicht Franck Ribéry letztens mit einem Angebot von Real Madrid gepokert?

Ich kann da nur mit dem Kopf schütteln. Die Frage, ob Poker Sport ist, ist so alt wie Helmut Schmidt, aber nicht annähernd so klug. Denn wie kann man so lange nach einer Antwort suchen, die ohnehin feststeht? Natürlich ist Poker Sport. Wie erwähnt heißt das lateinische Verb "disportare" übersetzt "sich zerstreuen" oder "auseinander tragen". Aus disportare wurde irgendwann Sport und aus dem Auseinandertragen die Auseinandersetzung und der Wettkampf. Wer will leugnen, dass Poker wunderbar in diese Definition passt?

Für Pokerspieler ist diese Erkenntnis nicht neu, aber ich möchte hier auch die Zweifler überzeugen - dass nicht Fußball, Golf, Tennis oder Schwimmen das Maß aller Dinge sind, sondern der Sport Poker. Es wird auch höchste Zeit.

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