Flush Hour: Unbezahlbarer Spaß

Von Lasse König

Sachpreisturniere sind in der Pokerszene so beliebt wie die FDP. Was ist schon attraktiv daran, stundenlang zu spielen und am Ende mit nutzlosen Dingen belohnt zu werden? Aber muss es wirklich immer nur um Geld gehen? Ein Plädoyer für den Spaß.

Flasche (l.), Fußballer: "Ich sitz' hier so lange für eine Pulle Sekt?" Zur Großansicht
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Flasche (l.), Fußballer: "Ich sitz' hier so lange für eine Pulle Sekt?"

Der Faltige hustet. Die faltigen Finger seiner linken Hand halten seine Mahagoni-Zigarettenspitze, Qualm hüllt sein faltiges Gesicht in einen Schleier. Seit zwei Minuten sitzt er jetzt schon so da, das dünne Ärmchen auf den Pokertisch gestützt und den Humphrey-Bogart-Hut im Nacken. "Bin nicht schlecht", nuschelt der Faltige und mustert mich verächtlich. Ich habe einen König auf der Hand, auf dem Board liegen zwei Könige und eine 2. Er zieht langsam an seiner Zigarette, dann hustet er wieder.

Es ist ein Mittwoch im Mai, und im Keller einer Bar im Hamburger Westen kann man die Luft schneiden. An drei Pokertischen sitzen an diesem Abend 26 Menschen, es riecht nach Qualm und Schweiß und Parfüm. Chips klackern monoton, der immergleiche Sound des Poker. Rrrrrrrtsch. Rrrrrrrtsch. Der Faltige hockt an meinem Tisch, schwarzer Hut, schwarzes Sakko, schwarze Hose. Ein dürres Männchen von vielleicht 60 Jahren, das Künstler sein könnte oder auch ein Obdachloser, der früher mal Künstler war. Ganz sicher raucht er zuviel.

Gutschein für den Schnellimbiss nebenan

Er starrt immer noch auf das Board, auf dem jetzt drei Könige und eine 2 liegen - und wirft nach langem Überlegen eine Dame offen weg. Der Faltige glotzt mich triumphierend an, dann greift er in seinen mickrigen Chipstapel und klackert. Rrrrrrrtsch. Rrrrrrrtsch. Das Turnier läuft gerade fünfzehn Minuten, alle Spieler hatten mit 20.000 Chips begonnen, der Faltige hat jetzt nur noch die Hälfte. Vielleicht war er früher auch mal bei einem Hedgefonds. Ein bisschen tut er mir leid, er könnte im Gegensatz zu mir mit dem Siegerpreis sicher etwas anfangen. Für den Ersten gibt es nämlich ein Ticket für ein Turnier in Tschechien zu gewinnen, wo ja auch Zigaretten billig sind. Ich würde ohnehin keinen Urlaub bekommen.

Das hier ist ein Sachpreisturnier, wie es jede Woche Hunderte überall in Deutschland gibt. Sachpreisturniere sind die einzigen legalen Turniere außerhalb von Casinos. Doch der Preis dafür ist hoch: Die Preise sind niedrig. Es gibt kein Geld zu gewinnen und die Sachpreise dürfen auch nicht aus dem Antrittsgeld der Spieler bezahlt, sondern müssen gesponsert werden. Manchmal kann man Tickets für die WSOP oder Reisen nach Las Vegas oder Fernseher oder Daddelkonsolen gewinnen - manchmal gibt es auch Essensgutscheine für den Schnellimbiss um die Ecke.

Hier, in der Bar in Hamburg, gibt es neben dem Ticket für Tschechien eine Sonnenbrille für den Zweiten, der Dritte bekommt ein Freiticket für ein anderes Sachpreisturnier, der Vierte einen Getränkegutschein - und der Fünfte eine Flasche Sekt. Urlaub für Tschechien bekomme ich nicht, Sonnenbrillen habe ich genug - und ab Platz drei wirken die Preise für 25 Euro Einsatz so attraktiv wie Hautausschlag.

Wie masochistisch muss man sein, um sich das anzutun?

Warum bin ich eigentlich hier, frage ich mich deshalb nach zwei Stunden, als der Faltige schon lange raus ist, aber immer noch 22 Menschen den Traum vom Sieg träumen. Das hier wird sehr lange dauern, und erstmals rechne ich den möglichen Wiederverkaufswert der Sonnenbrille bei eBay in einen Stundenlohn um. Ich komme auf 8 Euro, etwas weniger als die Gewerkschaftsforderung für den Mindestlohn. Hatte nicht der Pokerfreund Michael recht, als er die Attraktivität von Sachpreisturnieren mit ZsaZsa Gabor verglich ("Ey, aber zu heutigen Zeiten!")? Wie masochistisch muss man sein, um sich das anzutun?

Die Frage ist, warum sich Woche für Woche Zehntausende in Deutschland diese Fragen nicht stellen.

Man kann in Hamburg auch außerhalb von Casinos um Geld spielen. Es gibt regelmäßig so genannte Cashout-Turniere, über die aber nicht öffentlich informiert wird, sondern über E-Mail-Verteiler. Die Gesetzeslage in Deutschland zwingt die Spieler hinter Milchglas oder an abgelegene Orte, selbst wenn das buy-in bei diesen Turnieren den Preis für einen Kinoabend nicht übersteigt. Es passiert zwar selten etwas, aber irgendwo im Raum sitzt auch immer die Angst auf einem Stuhl - vor der Polizei.

In deutschen Casinos dagegen beginnen Turniere sehr selten mit einem buy-in unter 100 Euro. Sehr häufig steigen die Blinds auch noch so schnell, dass nach spätestens 90 Minuten der Gang zum Lottoladen vielversprechender ist. Wer einmal in Wien war oder in Tschechien fragt sich, wann so was wie in Ägypten und Tunesien endlich in Hamburg oder Berlin oder Köln passiert - die friedliche Revolution für neue (Turnier-)Strukturen.

Sachpreisturniere sind ein Kompromiss. Angstfrei und geldpreisfrei - und jetzt sitze ich auch noch am Finaltisch. Ich habe fünf Stunden gepokert und mich viereinhalb davon gefragt, warum ich hier überhaupt mitmache. Aber warum eigentlich nicht? Ich habe mich köstlich über den Banker amüsiert, der wirklich gute Witze erzählt hat. Ich habe gelacht über den Mann mit dem Pullover in der Jeans, der mit jedem mittleren Paar jeden Einsatz callte. Ich habe den Kopf geschüttelt über den Sakkoträger, der in drei Stunden eine einzige Hand gespielt und mit einem Fullhouse gegen ein höheres Fullhouse verlor.

Ich hatte stundenlang Spaß. 25 Euro wirken plötzlich gar nicht mehr so viel.

Als es nur noch sechs Spieler sind, ist es kurz vor zwei Uhr nachts. Mein Stack ist geschrumpft wie Eis in der Sonne und es droht dann doch die Demütigung. Wer jetzt rausfliegt, bekommt gar nichts. Ich weiß allerdings nicht, ob das nicht besser wäre als die Flasche Sekt. Dann sind drei Spieler All-in, zwei verabschieden sich und ich habe den Getränkegutschein sicher. Ganz in Ruhe trinke ich an der Bar noch ein Bier - und muss nicht mal was dafür bezahlen.

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