Flush Hour: Wer zuletzt lacht, der heißt Barbarez

In der Bundesliga fürchteten ihn Torhüter und Schiedsrichter, weil er viele Tore schoss und viele Gelbe Karten bekam. Seit zwei Jahren spielt Sergej Barbarez mit Karten. Ein Pokeranbieter schickte ihn nach Las Vegas, Lasse König forderte ihn heraus. Jetzt nahm Barbarez das Duell an. 

Pokern mit Barbarez: "Dreh die Zauberkarte um" Fotos
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Ich hatte nicht mehr an eine Antwort geglaubt. Der Fehdehandschuh, den ich in den Ring geworfen hatte, war schon mit Schimmel überzogen und ich kurz davor, eine weitere Abrechnung zu schreiben. 16 Monate war es her, dass ich mich erstmals über die vielen ehemaligen Sportgrößen aufgeregt hatte, die von Pokeranbietern als Imageträger angeworben werden:

Boris Becker tut es. Thomas Brdaric tut es. Sergej Barbarez tut es. Reiner Calmund tut es. Jeder, der es im Sport zu (irgend-)was gebracht hat, steigt aufs Pokern um. Ganz früher haben sie nach der Karriere einen Lottoladen aufgemacht oder eine Kneipe, heute ist Pokern die Lieblingsbeschäftigung der Frührentner. Bestimmt sitzt Rudi Gutendorf irgendwo in einer Hütte und spielt mit Otto Pfister Heads-up.

Niemand meldete sich. Nicht Brdaric, nicht Basler, natürlich auch nicht Becker - bis vor einer Woche plötzlich im Postfach der Name von Sergej Barbarez auftauchte. "Können wir gern machen, bin aber noch in Las Vegas, nicht neidisch werden. Gruß." Nicht neidisch werden? In Gedanken wünschte ich ihm sechs Profis am Tisch, eine eiskalte Klimaanlage und ein frühes Aus bei einem Freeze-out-Turnier. Dann sagte ich zu.

Am Mittwoch haben wir uns dann im Aceclub in Hamburg getroffen. Er kam pünktlich, hatte aber Parkplatzprobleme. Ich wollte erst sagen, dass ich mit der Bahn gekommen sei, "nicht neidisch werden, Gruß, Lasse". Aber er hatte für die Verabredung ein Pokerturnier in einem Casino abgesagt und wirkte doch ganz sympathisch.

Nach vier Stunden, einem Heads-up, einem kleinen Interview und einer Pokerrunde zu acht war klar: Barbarez ist sympathisch. Er sprach offen, nahm sich nicht zu ernst, lachte viel und am Ende sogar als Letzter. Auch wenn es zunächst nicht danach aussah.

König: Herr Barbarez, wie lief es in Las Vegas?

Barbarez, 39, trägt ein beiges Kapuzenshirt, vor ihm liegen wie vor mir 5000 Chips. Wir spielen ein Heads-up und das unter erschwerten Bedingungen: Der ehemalige Fußballprofi muss nicht nur pokern, sondern auch auf gemeine Fragen antworten. Allerdings auch nur so lange, bis einer keine Chips mehr hat. Die erste Frage wirkt zwar harmlos, aber wenn man gleich über diverse Niederlagen in Las Vegas reden muss, kann man schon mal aus dem Konzept kommen.

Barbarez: Es lief super. Ich war eine Woche dort und habe einige Turniere gespielt. Gleich beim zweiten bin ich unter die letzten Drei gekommen. 15.000 Dollar gab es.

Er lächelt. Ich nicht. 15.000 Dollar. "Bin gerade in Vegas, nicht neidisch werden."

Barbarez: Nach Tag eins war ich Chipleader, es war eine schöne Show. Die Amerikaner spielen alle durch die Bank sehr aggressiv, darauf musste ich mich erst mal einstellen. Aber das hat wunderbar funktioniert.

Bisher hatte ich einige Vorurteile über Barbarez, gespeist aus Berichten aus der Hamburger Pokerszene. Dort hieß es, der große Blonde sei "nicht gerade ein überragender Spieler" und bei Turnieren "selten wirklich erfolgreich". Zumindest Zweites hat er gerade widerlegt - es ist sein erster kleiner Triumph an diesem Abend. Dafür gewinne ich die ersten vier Hände. Sein Chip-Stapel schrumpft langsam, aber er schrumpft.

König: Wir müssen trotzdem kurz über gesponserte ehemalige Sportgrößen reden. Boris Becker ist das Gesicht von Pokerstars. Sie werden von Everest unterstützt und zum Main Event 2009 oder zur 3-Länder-Tour nach Warnemünde geschickt. Ich fand es schade, dass die, die das Leben ohnehin schon reich gesegnet hatte, auch noch den Traum geschenkt bekamen, den andere vergeblich träumen.

Barbarez: Ich war 2009 bei einem Neben-Event der WSOP, nicht beim Main Event. Ich habe mich selbst für die 3-Länder-Tour qualifiziert, am Abend davor. Und die vergangene Woche Vegas habe ich auch selbst bezahlt. Everest unterstützt mich, aber bei weitem nicht so, wie behauptet. Ich würde nie ein Turnier spielen mit 5000 Euro Buy-in, das ist mir zu schade.

König: Auch wenn Sie es sich wohl leisten könnten.

Barbarez: Darum geht es nicht. Ich bin Anfänger, auch wenn ich schon seit zweieinhalb Jahren spiele und merke, dass ich immer besser vorankomme. Aber Poker ist für mich vor allem Spaß, ich will kein Pokerprofi werden.

Barbarez schaufelt seine letzten 1800 Chips mit Ass 5 in die Mitte und nebenbei noch weitere Missverständnisse beiseite. Der angebliche Lebemann ist sparsam und Poker ist ihm nicht so wichtig wie gedacht. Bücher, die er geschenkt bekam, hat er nicht gelesen. Trotzdem hat er schnell gemerkt, dass an dem Ort, an dem er mit Poker anfing, keine großen Meister geboren werden - Barbarez begann bei Facebook, hatte zwischendurch 150.000.000 virtuelle Dollar auf seinem virtuellen Pokerkonto und irgendwann die Nase voll. Gegen meine 66 trifft er das Ass auf dem Flop. Immerhin: So bleibt Zeit für weitere Fragen.

König: Viele DFB-Nationalspieler pokern, überhaupt soll das Spiel unter Fußballern sehr beliebt sein. Warum ist das so?

Barbarez: Es ist auf jeden Fall kein Gerücht, dass viele Fußballer gern pokern. Ich bin ja selbst damit zum ersten Mal in Berührung gekommen, als ich noch in Leverkusen gespielt habe. Ich habe es sofort gemocht. Vielleicht liegt es daran, dass es viele Parallelen gibt. Auch im Fußball braucht man eine Strategie - und muss in der Lage sein, diese während des Spiels ändern zu können.

König: Sie haben mehr als 300 Bundesliga-Spiele gemacht als Fußballprofi, waren in der Saison 2000/01 Torschützenkönig. Außerdem haben Sie fast so viele Gelbe Karten (85) bekommen wie Tore geschossen (95). Poker verlangt hingegen viel Demut - und ausgerechnet Sie sollen die Fähigkeit haben, auch mal verlieren zu können?

Barbarez: Doch, das kann ich. Wenn ich zwölf Stunden Poker auf gutem Niveau spiele und dann ausscheide, kann ich damit leben. Beim WSOP Side Event im vergangenen Jahr lag ich acht Stunden lang vor allen anderen Everest-Profis, bis ich alle Chips in einer einzigen Hand verlor. Aber auch dort war ich zufrieden.

König: Wie gehen Sie damit um, dass es jeder dem ehemaligen Fußballprofi im Poker zeigen will? Oder mit dem Druck, als Amateur in einem Turnier plötzlich als Führender in den zweiten Tag zu gehen?

Barbarez: Zum ersten Punkt: Ich werde zwar erkannt, aber in Casinos in Hamburg verhält sich jeder fair zu mir. Und Druck? Ich habe meine eigene Strategie vor Turnieren: Ich rechne immer damit, auszuscheiden. So bin ich locker, denn das Geld ist ohnehin bezahlt und alles was danach kommt eine Zugabe. Unter Druck setzen kann mich niemand, nur ich selbst. Auch das war im Fußball schon nicht anders.

Sergej Barbarez wird auch Anfang Dezember bei der 3-Länder-Tour in Wien ganz ohne Druck spielen. Möglicherweise wird es sein vorerst letzter Auftritt - der ehemalige HSV-Aufsichtsrat hat seinen Trainerschein gemacht und will demnächst in der Bundesliga als Co-Trainer eine neue Karriere starten. Im Heads-up verliert er mit Ass 3 gegen meine Fünfen. Ob er das Turnier in Wien selbst bezahlt, kann ich ihn nicht mehr fragen. Er hat keine Chips mehr.

Der Abend im Aceclub hat aber gerade erst angefangen. Ich bin entspannt, weil ich das Duell gewonnen habe. Barbarez ist entspannt, weil er Poker als Spaß sieht. Und sechs Freunde von mir sind entspannt, weil es endlich losgeht. Eine Runde mit Sergej Barbarez und vielleicht endlich die Antwort auf die Frage: Wie gut pokert der Mann, wenn er keine Fragen beantworten muss?

Die Auflösung gibt es oben in der Bilderstrecke oder hier.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. "plfft"
sponleser872 26.11.2010
das geräusch der bratwurst, die da vom grill fiel. btw, ich hab den özil vor 6 jahren mal im schnick-schnack-schnuck, best of 5 hardmode, genatzt. wollnse nicht mal darüber was schreiben?
2. Ich lach noch später
Steerpike67 26.11.2010
Zitat von sponleser872das geräusch der bratwurst, die da vom grill fiel. btw, ich hab den özil vor 6 jahren mal im schnick-schnack-schnuck, best of 5 hardmode, genatzt. wollnse nicht mal darüber was schreiben?
Waahaa ... sehr guter Kommentar! Made my day!
3. o
Ragnarrök 26.11.2010
Zitat von sponleser872das geräusch der bratwurst, die da vom grill fiel. btw, ich hab den özil vor 6 jahren mal im schnick-schnack-schnuck, best of 5 hardmode, genatzt. wollnse nicht mal darüber was schreiben?
gg Mit ihrem Beitag ist das Wichtigste gesagt.
4. Barbarez?
BSEsel 26.11.2010
Hat der nicht 2001 im Trikot des HSV in der 90. Minute Schalke 04 fast zur Meisterschaft geköpft? Hat dann aber doch nicht ganz geklappt, da gab es doch noch den Herrn Andersson, der hat ein paar Minuten später den ganzen Ruhm geerntet...
5. Welch Analogie
luru66 26.11.2010
Zitat von sysopIn der Bundesliga fürchteten ihn Torhüter und Schiedsrichter, weil er viele Tore schoss und viele Gelbe Karten bekam. Seit zwei Jahren*spielt Sergej Barbarez mit Karten. Ein Pokeranbieter schickte ihn nach Las Vegas, Lasse König forderte ihn heraus. Jetzt nahm Barbarez das Duell an.* http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,731286,00.html
Barbarez war schon immer ein Hallodri, aber auch einer, der die entscheidenden Spielzüge und Tore in den entscheidenden Spielen machen konnte. Seitdem der HSV 2006 meinte, ihn ziehen lassen zu können, kam der Verein nicht mehr auf den grünen Zweig. Ich freu mich auf ihn als Trainer.
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Flush-Hour-Fans

Post für Lasse
Sie haben keine Ahnung vom Poker oder mehr als genug? Sie haben mal Phil Hellmuth abgezockt oder im Verbalduell mit Mike Matusow triumphiert? Sie haben todsichere Hände verloren oder einfach eine Frage an Lasse König? Dann schreiben Sie ihm doch einfach.