Flush Hour: Zeitreise in eine andere Pokerwelt

Poker ist überall. Und überall wird No Limit Hold'em gespielt. Seven Card Stud hingegen wirkt aus der Zeit gefallen - auch wenn es früher populär war. In den Achtzigern in Wien zum Beispiel. Lasse König hat dort eine Taxifahrt gemacht - mit einer Legende, die ganz oben war und dann ganz unten.

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Wien im Dezember: Schillernde Pokerszene

Egal, welche Wendung das Schicksal des "dicken Hansi" auch wieder genommen hatte, das Taxi war immer da. Ein Fixpunkt in einem Achterbahnleben, vier Türen, silber, ein Stern auf der Kühlerhaube. Egal, ob der "dicke Hansi" ganz oben war oder ganz unten, dieses Taxi kam nicht aus der Bahn. Es ließ sich steuern, es ließ sich lenken. Und hinten drin saßen Menschen, denen der "dicke Hansi" seine Geschichte erzählen konnte.

Diese Dezembernacht in Wien ist matt erleuchtet, das Taxi rauscht über den "Gürtel" und der Mann am Steuer erzählt von der Sache mit dem BMW. Hansi trägt einen grauen Pullover und einen grauen Bart, seine Stimme ist tief, "ich habe den BMW gesehen und ihn gekauft", sagt er. Es ist eine weitere Anekdote in dieser Nacht. Aus den guten Zeiten, in denen Hansi viel Geld verdiente und sich all das kaufen konnte, was er haben wollte. Autos, Wohnungen.

Hansi hat mich aus dem Casino in Simmering mitgenommen. Ich wollte nach einem erfolgreichen Turnierabend ein Taxi rufen lassen, aber der Herr am Empfang ging nur zu einem Cashgame-Tisch und kam mit dem Mann im grauen Pullover zurück. "Das ist unser Hausfahrer", sagte der Anzugträger. Der Fahrer klapperte mit den Autoschlüsseln, draußen stiegen wir in seinen silbernen Mercedes. Und dann fing der "dicke Hansi" auch schon an, zu erzählen. Es wurde eine Zeitreise durch das Wien der achtziger und neunziger Jahre. Eine Reise in eine andere Pokerwelt.

Stud ist sein Spiel. Limit Hold'em nicht.

Die Pokerszene im Wien der Achtziger ist nicht groß, aber sie ist schillernd. Gespielt wird Draw-Poker in den Kaffeehäusern und Seven Card Stud im noblen Casino in der Kärntnerstraße. Die Menschen in den Pokerrunden kennen sich gut, es ist ein elitärer Kreis und Poker noch lange nicht das Jedermann-Phänomen wie heute. Der "dicke Hansi" ist regelmäßig in der Kärntnerstraße und er gewinnt oft in diesen langen Nächten. Gespielt werden hohe Partien mit Blinds von umgerechnet 40 und 80 Euro. Stud ist sein Spiel. Am Tag fährt er Taxi.

1993 öffnet das Concord Card Casino im Wiener Stadtteil Simmering, es gibt dort 14 Seven-Card-Stud-Tische. Und sonst nichts. Stud ist die am meisten verbreitete Poker-Variante, aber das soll sich bald ändern. Denn es deutet sich ein neuer Trend an: Limit Hold'em. Die Variante wurde lange verschmäht, doch 1994 werden immer mehr Tische im CCC Simmering für Limit geöffnet. Dienstags gibt es eine regelmäßige Runde, "Porno Hannes" ist dabei, "Ronny" oder die "Thai-Charly". Und auch der "dicke Hansi" mischt mit.

Aber Hold'em ist nicht sein Spiel. Er verliert, Zehntausende an einem Abend. Dann fährt er wieder zwei Tage Taxi. Aber los kommt er nicht von dem Spiel. Macht weiter. Und verliert weiter. Früher, da habe er ein Auto gesehen und gekauft, erzählt er im Taxi, natürlich in bar. Er habe sich auch Wohnungen zugelegt. Der "dicke Hansi" spricht von viel Geld, Millionen, auch wenn es Schilling sind. Irgendwann verliert er das Gewonnene und noch viel mehr, bis alles weg ist. Alles, bis auf das Taxi.

Dann hört er auf. Es ist ein kalter Entzug, aber er funktioniert. Seit längerer Zeit hat der Mann, den sie den "dicken Hansi" nennen, nicht mehr am Pokertisch gesessen. Er fährt jetzt Taxi für die Casinos, in denen er spielte. Und wenn er nicht gebraucht wird, steht er an einem Cashgame-Tisch und schaut den anderen beim Spielen zu.

Einige bringt er dann nach Hause und erzählt seine Geschichte. Manchmal fährt er auch einen Umweg, wenn er noch eine Anekdote zu Ende bringen will. Das Taxometer stellt er dann aus. Der "dicke Hansi" sagt, er sei jetzt glücklich.

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Flush-Hour-Fans

Post für Lasse
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