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Depressionen bei Profisportlern: "Der Fall Enke hat viel verändert"

Ein Interview von

Leistungssportler gelten als geistig stark und gesund. Stimmt nicht, sagt der Psychiater Frank Schneider, sie seien genau so verletzlich wie jeder andere. Professionelle Athleten sind vor allem dann gefährdet, wenn der Stress durch Leistungsdruck oder Existenzangst groß ist.

Hannover-Torwart Miller: Elf Wochen stationäre Behandlung Zur Großansicht
DPA

Hannover-Torwart Miller: Elf Wochen stationäre Behandlung

Frank Schneider ist in Aachen Universitätsprofessor für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, seit Dezember 2003 leitet er die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Depressionen im Sport. Der Ratgeber für Sportler, Trainer, Betreuer und Angehörige". Er ist spezialisiert auf depressive Leistungssportler.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, haben Profisportler ein größeres Risiko, an einer Depression zu erkranken als andere Menschen?

Schneider: Nein. Sportler sind Menschen wie Sie und ich. Sie haben die gleichen Voraussetzungen, depressiv zu werden, wie jeder andere auch. Laut aktuellen Studien hat ein Viertel der Menschen weltweit das Risiko, einmal im Leben an einer Depression zu erkranken. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich und sehr individuell, aber eines kann man mit Sicherheit sagen: Niemand wird depressiv, weil er dreimal hintereinander verloren hat oder kurz vor seinem Vertragsende steht.

SPIEGEL ONLINE: Was sind dann die häufigsten Auslöser für eine Depression?

Schneider: Die Forschung geht von einem komplexen Modell aus, das sich sowohl aus genetischen Faktoren als auch aus psychosozialen Stressoren und der Wechselwirkung dieser beiden Dinge zusammensetzt. Menschen ohne biologische Veranlagung können demnach gar keine Depressionen bekommen, auch psychosozialer Stress wie eine schmerzhafte Niederlage oder ein Rauswurf alleine reicht nicht aus. Es ist immer eine ungünstige Kombination aus beidem, die krank macht.

SPIEGEL ONLINE: Leiden Profisportler durch den enormen Trainingsaufwand und ständigen Leistungsdruck nicht zwangsläufig unter einem höheren Stresslevel als der Durchschnittsbürger?

Schneider: Stress ist immer subjektiv, auch der Fließbandarbeiter wird sich von seinem Job gestresst fühlen. Manche Menschen brauchen sogar Stress, um zu Hochform aufzulaufen. Es gibt aber für viele Berufsgruppen spezifische und wiederkehrende Stressoren, so auch für Profisportler. Bei ihnen sind das zum Beispiel Versagensängste nach Niederlagen, finanzieller Druck oder die Tatsache, dass viele mit 30 Jahren schon in Rente gehen müssen. Am heftigsten aber sind Verletzungen.

SPIEGEL ONLINE: Weil der Sportler dagegen selbst nur wenig tun kann?

Schneider: Das Gefühl von Hilflosigkeit ist fatal. Eine Verletzung bedeutet, dass man eigentlich weitermachen möchte, dafür auch bezahlt wird, aber nicht antreten kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Profisportler auch deshalb schwieriger, sich bei psychischen Problemen in Behandlung zu geben?

Schneider: Sie haben das Problem, dass sie Hinz und Kunz kennt. Ihre Existenz hängt davon ab, dass sie körperlich und geistig fit sind. Bei vielen Menschen herrscht das Bild des strahlenden, starken, jungen Athleten vor, der nie etwas verkehrt macht, erfolgreich ist, viel Geld verdient. Aber das ist ein Ammenmärchen. Profisportler sind genau so verletzlich wie wir alle, zudem haben sie oft viel größere körperliche Sorgen als der Durchschnitt. Genau das wollen sie aber nicht zeigen, sie setzen sich selbst unter Druck.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich seit dem Suizid von Robert Enke daran etwas geändert hat?

Schneider: Auf jeden Fall, dies hat sehr viel verändert. Seitdem werden psychische Erkrankungen generell in der Bevölkerung ernster genommen und weniger stigmatisiert. Die Schwelle für Profisportler, sich Hilfe zu suchen oder sogar an die Öffentlichkeit zu gehen, ist gesunken. Auch weil die Medien wissen, dass sie anders mit dem Thema umgehen müssen und es gesellschaftlich akzeptiert ist, wenn jemand zwei, drei Monate ausfällt, um sich behandeln zu lassen. Das haben die Beispiele von Hannovers Torwart Markus Miller oder Eintracht Frankfurts früherem Verteidiger Martin Amedick gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Es gab eine Zeit, da sind Profisportler mit Verkleidung in Ihre Klinik gekommen, um nicht erkannt zu werden. Passiert das immer noch?

Schneider: In den vergangenen zwölf Monaten wollte eigentlich niemand mehr anonym hier sein. Derzeit haben wir auch zwei Leistungssportler aus dem Bundesgebiet, die sich stationär bei uns behandeln lassen und damit völlig offen umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft die Behandlung einer akuten Depression ab?

Schneider: Als erstes steht eine klare Diagnose. Die Depression ist ein Krankheits-Chamäleon, Erkrankungen der Schilddrüse, der Leber oder des Herzens können genauso aussehen, ein Unerfahrener kann das kaum unterscheiden. Ist eine Depression erkannt, ist sie gut behandelbar. Es ist keine chronische Krankheit, die ein ganzes Leben lang bleiben muss, mit der geeigneten Psycho-, Pharmako- und weiteren Therapien kann der Erkrankte meist vollständig geheilt werden. Aber das sieht der Betroffene in der Depression zunächst nicht. Wenn jemand selbstmordgefährdet ist, ist die ganze Welt schwarz.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Rente mit 30
spiegel-kommentar 21.01.2014
Existenzängste sind gut nachvollziehbar, aber ein Profisportler sollte sich eben auch klarmachen, dass er mit 30 nicht in Rente gehen kann, sondern sich anschließend weiterbilden muss, um für die nächsten 37 Jahre bis zur Rente weiter arbeiten zu können. Dazu bekommt er ja eine recht komfortable Bezahlung, bei der dafür genug Geld übrig sein sollte. Ein Bäcker, der mit 30 Mehlastauballergie bekommt, muss sich ja auch um seine weitere berufliche Zukunft sorgen. Nur dass er das nicht beim unterschreiben des ersten Profivertrages weiß... Jammern auf höchstem Niveau. Wenn jede Krankenschwester die Versagensängste hätte, die ein Fußballer bei einer Niederlage hat, dann würde ich nicht mehr ins Krankenhaus gehen. Und sorry, bei finanziellem Druck bei Jahreseinkommen im 6-7-stelligen Bereich fange ich an laut zu lachen. Vielleicht sollten Fußballer einfach mindestens mal einen Hautpschulabschluss haben, damit sie Ein- und Ausgaben verrechnen können.
2. Mich wunderts
tiger56 21.01.2014
das der Artikel Anlaß zur Neiddebatte liefert. Diese Haltung ist es - die es den Sportlern schwer macht sich zu Öffnen. Vrrgessen: Nicht jeder Leistungssortler ist depressiv wie nicht jeder Bäcker depressiv ist. Merkwürdiger Kommentar
3.
malmor 21.01.2014
Schade, dass sie offenbar völlig außer Acht lassen, dass es durchaus noch andere Sportarten als König Fussball gibt. Sportarten, in denen es zusätzlich zu den täglichen körperlichen Sorgen, dem alltäglichen Stress und Wettkampfbelastungen noch ganz reelle Existenzprobleme gibt. Die Frage einer Ausbildung nach Jahren im Sport stellt sich hier gar nicht, sie ist obligatorisch. Nur unteschätzt man eben leicht, was es für einen Sportler bedeutet nach einer aktiven Karriere noch einmal ganz von vorne anzufangen, ohne die große mediale Unterstützung die ein Fussballer bisweilen dafür bekommt. Und addieren sie einmal die Ängste und den Druck eines Profisporlters mit dem Gehalt einer Krankenschwester, dann sind sie relativ nah an der Realität in Deutschland.
4. Sorry was
tiger56 21.01.2014
hat das Gehalt einer Krankenschwester mit dem Druck eines Sportlers in dem Zusammenhang zu tun?. Das auch Pflegekräfte eine Depression entwickeln können - wäre nichts neues.
5. Es reicht
nageleisen 21.01.2014
Zitat von sysopDPALeistungssportler gelten als geistig stark und gesund. Stimmt nicht, sagt der Psychiater Frank Schneider, sie seien genau so verletzlich wie jeder andere. Professionellen Athleten sind vor allem dann gefährdet, wenn der Stress durch Leistungsdruck oder Existenzangst groß ist. http://www.spiegel.de/sport/sonst/frank-schneider-zu-depressionen-bei-profisportlern-a-942248.html
Im Fall Enke haben die Medien eine Diagnose gestellt. Welcher Arzt hat ihm die Diagnose Depression attestiert. Die Frage ist berechtigt und bislang konnte kein Journalist den Arzt nennen, der ihm diese Diagnose bestätigt hat. Weitere Fragen, wie: Wurde er mit Antidepressiva behandelt? Unter welchen Symptomen litt er? Wenn die Therapie mit Pharma-Drogen, so toll wirkt, wie dieser Professor uns das glauben machen will, warum ist Herr Enke in den Genuss von so einer Therapie nicht gekommen? Laut anderen Medienberichten ist er an Neuro-Borreliose erkrankt: http://www.welt.de/sport/article4846675/Robert-Enke-kaempft-um-seine-letzte-Chance.html http://www.bild.de/sport/fussball/russland/russland-spiel-fast-abgeschrieben-borreliose-verdacht-9771894.bild.html Ich selber hatte diese tückische Krankheit hinter mir. Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte so wie Herr Enke ins Gras gebissen. Hätte ich mich auf die völlig inkompetenten Ärzte, bezogen auf diese Erkrankung verlassen, so wäre ich heute nicht mehr. Worüber nicht berichtet wird, dass z.B. die Patienten, bei denen diese Erkrankung in den 2 Stadium vorangeschritten ist, mehrheitlich fehldiagnostiziert werden. Die Diagnosen MS, Fibromyalgie, CFS, Depression, Alzheimer sind einzige Fehldiagnose, die an die Betroffenen herausgelassen werden. Die Borreliose-Tests sind mehr als unzuverlässig, das zur Folge hat, dass die Betroffenen eine Ärzteodyssee hinter sich haben, bis sie überhaupt eine Diagnose bekommen. In den Medien wird darüber nicht berichtet. Stattdessen so ein Artikel über eine mutmaßliche Erkrankung, die beim Herrn Enke von den Medien diagnostiziert worden ist. Und jetzt meldet sich ein Professor zu Wort und möchte das Schicksal vom Herrn Enke für seine „vielversprechende“ Behandlung missbrauchen.
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Themenpaket: Depressionen im Leistungssport

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa


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