Handball-WM Frankreichs neue Mitte

Frankreichs Handballer gehören bei der WM zu den talentiertesten. Zugleich ist der französische Kader vielfältiger als bei den anderen großen Handballnationen. Warum eigentlich?

Frankreich-Star Dika Mem
AFP

Frankreich-Star Dika Mem

Aus Köln berichtet


Manchmal sieht es so aus, als könnte Melvyn Richardson über dem Hallenboden schweben. Wenn er bei vollem Tempo abhebt, scheinen Sekunden zu vergehen, bis Richardson den Ball ins Tor schleudert. Als würde er dort oben in der Luft den gegnerischen Torwart in aller Ruhe ausgucken.

Seine Torquote bei der Handball-WM ist entsprechend sagenhaft. Der 21-Jährige warf 14-mal aufs Tor, 13 Versuche landeten im Netz, bei Frankreichs wichtigen Siegen in der Hauptrunde gegen Island (fünf Treffer) und Spanien (vier) erreichte Richardson eine Trefferquote von 100 Prozent.

In der Luft: Melvyn Richardson
REUTERS

In der Luft: Melvyn Richardson

Dabei ist Richardson erst seit Kurzem zur Mannschaft gestoßen. Nationaltrainer Didier Dinart berief ihn nach dem vierten WM-Spiel in den Kader, dabei wurde der rechte Rückraum im vergangenen Jahr mit Montpellier Sieger der Champions League und 2016 als bester Nachwuchsspieler der U20-Europameisterschaft ausgezeichnet.

Die Konkurrenz ist eben riesig bei den Franzosen, die am Mittwochabend um 18 Uhr auf Kroatien treffen, gerade bei den Talenten. Dika Mem zum Beispiel. Der wurfgewaltige Rückraum vom FC Barcelona, 21, athletisch und kräftig, ein Versprechen für die Zukunft - 23 Treffer hat er bereits bei dieser Endrunde erzielt, nur Kentin Mahé, 27, gelangen mehr (29 Treffer).

Das talentierteste Team

Nedim Remili, 23, ist ein technisch starker Spieler mit wuchtigen Attacken aus dem Rückraum, dazu noch mit einem guten Auge für den Mitspieler ausgestattet. Oder Ludovic Fabregas, 22, ein Konditionswunder - in den bisher sieben Spielen stand er bereits über fünf Stunden auf der Platte, kein anderer musste länger durchhalten.

Zusammen bilden sie das talentierteste Team der WM. Ihre Biografien aber sind ganz verschieden, das verrät schon ihr Hintergrund: Mem ist der Sohn eines Kameruners, der Vater von Remili hat Wurzeln in Algerien, Fabregas wuchs an der Grenze zu Spanien auf, Mahé kommt aus der französischen Hauptstadt, und Richardsons Vater, der frühere Weltklasse-Handballer Jackson Richardson, stammt aus Réunion. Die Liste könnte noch weitergehen.

Dika Mem
REUTERS

Dika Mem

Es scheint jedenfalls so, als wäre der Handball in Frankreich im Mittelpunkt der Gesellschaft angekommen, zumindest bildet das aktuelle Nationalteam eine wohl einmalige Vielfalt im Vergleich zu anderen europäischen Handballnationalteams ab. Die deutsche Auswahl hat mit Patrick Wiencek, dessen Eltern aus Polen stammen, einen einzigen Spieler mit Migrationshintergrund im aktuellen WM-Kader. Der DHB würde das gerne ändern, vor allem an seiner Mitgliederbasis.

Die Schule ist die Basis

Nach der erfolgreichen Heim-WM 2007 stieg die Anzahl der Mitglieder auf 847.406. Mittlerweile steht der Verband wieder bei 756.907 Mitgliedern. Auch deswegen wollte Deutschland wieder eine WM ausrichten, deswegen steht die DHB-Auswahl unter Erfolgsdruck - ein gelungenes Turnier soll wieder mehr junge Menschen zum Handball führen. DHB-Vorstandschef Mark Schober sagte zuletzt dem Sport-Informationsdienst, bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund "liegt ein großes Potenzial, das wir dringend nutzen müssen".

Nikola Karabatic
DPA

Nikola Karabatic

Und damit wären wir wieder bei den Franzosen. Für Philippe Bana, Frankreichs Technischer Handballdirektor, gibt es zwei Erklärungen für die Vielfalt der Auswahl. Einer der Gründe sei Superstar Nikola Karabatic und dessen Ära in der französischen Nationalmannschaft. Der Star aus dem Rückraum sei ein Vorbild für jeden Nachwuchshandballer, und der inzwischen 34-Jährige könnte das entscheidende Signal gesetzt haben, dass es Migrantenkinder in der französischen Nationalmannschaft weit bringen können. Karabatic wurde im früheren Jugoslawien geboren. "Vielleicht sind viele seinem Weg gefolgt", sagt Bana.

Entscheidend sei aber auch die Rolle der Schulen, sie scheint die Schatzkammer des französischen Nachwuchshandballs zu sein. "Mit über 200.000 aktiven Spielern ist Handball der populärste Schulsport", sagt Bana. Seit den Sechzigerjahren habe der Schulsport talentierte Spieler hervorbringen können, in Dörfer und in Städten, und aus allen Schichten. In Deutschland wurde zuletzt weniger Handball unterrichtet.

25 Millionen Euro vom Staat

Den Höhepunkt der Entwicklung in Frankreich habe es in den Neunzigerjahren gegeben, als noch mehr Kinder Handball spielten. Dorthin will der Verband in Zusammenarbeit mit der Regierung zurück: Das grundsätzliche Interesse der Jugend und die Erfolge der Nationalmannschaft (zwei Olympiasiege, drei EM-Siege und vier WM-Triumphe seit 2000) hätten dem Verband zuletzt eine staatliche Förderung von 25 Millionen Euro eingebracht, sagt Bana. Der Sport ist in Frankreich viel zentralistischer organisiert als anderswo.

Deutschlands Patrick Wiencek (l.)
AFP

Deutschlands Patrick Wiencek (l.)

Dazu gibt es 60 Nachwuchstrainer, die von der Regierung bezahlt werden, die Profiklubs betreiben mittlerweile 20 Leistungszentren und es gibt weitere 40 Stützpunkte, die der Verband für die Talentförderung nutzt. Allein die Leistungszentren der Profivereine mit Topklub Paris Saint-Germain an der Spitze verdeutlichen, dass der Handball auch in den französischen Städten und Banlieues Präsenz zeigt, wo die Gesellschaft noch diverser ist.

Dazu passt die Entwicklung der aktuell aufregendsten Spieler der Franzosen: Richardson gelang aus dem Umland von Marseille der Sprung auf die große Sportbühne, Mem kommt aus einer Pariser Vorstadt.

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ius 25.01.2019
1. Die Antwort ist relativ einfach.
"Jugendliche mit Migrationshintergrund" werden im Handball auf keiner Ebene zu Auswahlspielern erhoben, sondern werden rigoros ausgesiebt. Karabatic wäre niemals zu einem deutschen Handball-Nationalspieler geworden. Nach der Kreis- bzw. Bezirksauswahlmannschaft wäre Schluß gewesen. "Bio-Deutsche" habe Vorrang, so wie es auch vor einigen Jahrzehnten im Fußball war. Handball gilt gewissermaßen als elitäre Sportart mit traditionellen Leistungszentren. Gerade Kinder- und Jugendliche aus dem früheren Jugoslawien sind auch in Handballvereinen aktiv, schaffen den Durchbruch aber nur im Fußball und Basketball aufgrund bestehender Ressentiments im Handballsport.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.