Frankreich-Rundfahrt Spanier Beltrán gedopt, Razzia im Mannschaftshotel

Die Tour de France hat ihren ersten Dopingfall: Manuel Beltrán wurde positiv auf Epo getestet. Für ihn ist das Rennen vorbei, die Polizei führte ihn in Handschellen ab, dann durchsuchten Fahnder das Teamhotel. Schon vor Beginn der Rundfahrt hatten bis zu 20 Fahrer auffällige Blutwerte.

Aus Aurillac berichtet Jörg Schallenberg


Nach der ersten Etappe am vergangenen Samstag gab es in Plumelec eine ungewöhnliche Szene zu beobachten: Weit vom Ziel entfernt, auf einem Feld hinter den Teambussen, saß Manuel Beltrán auf seinem Fahrrad. Der Liquigas-Profi hatte einen kleinen Rucksack auf dem Rücken und wirkte ein wenig verloren. Da kam ein Dopingkontrolleur angelaufen und winkte hektisch in Richtung des Spaniers. Beltrán war zur Dopingkontrolle ausgelost worden - und wurde bis dahin vergeblich gesucht.

Der 37-Jährige wehrte sich noch kurz, folgte dem "Chaperon" dann aber zurück zum Zielbereich - immer bemüht, den TV-Kameras zu entgehen. Jetzt kam heraus: Beltrán hatte an jenem Tag Epo im Blut und ist damit der erste Dopingfall der 95. Frankreich-Rundfahrt. Am Abend wurde er von der Tour ausgeschlossen - während die Polizei das Mannschaftshotel durchsuchte. Ein Sprecher des Teams bestätigte entsprechende Informationen der "L'Equipe". Zudem erklärte der Sprecher, Beltrán sei von den Ermittlern abgeführt worden. Sollte die B-Probe den Test bestätigen, werde Beltrán fristlos gekündigt, sagte der Sprecher weiter.

Zudem droht dem Fahrer eine zweijährige Sperre. Er hatte schon mehrfach unter Dopingverdacht gestanden: Bei der Tour de France 1999 war Beltrán positiv auf Corticosteroide getestet worden. Aufgrund eines Attestes wurde er damals jedoch nicht bestraft. 2005 wies die französische Zeitung "L'Equipe" Beltrán als Dopingsünder bei den Rundfahrten 1998 und 1999 auf. Zu dieser Zeit waren keine Sanktionen mehr möglich. Jetzt ist das anders. Und die Strafe für Beltrán wird auch die Tour treffen.

Denn nun geht bei der Tour de France das böse Gefühl um, dass alles wieder so kommen könnte wie im vergangenen Jahr - als Fahrer festgenommen, Spitzenreiter ausgeschlossen und Hotels durchsucht wurden. Schon vor Bekanntwerden des Falls hatte eine Pressemitteilung der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD für Unruhe gesorgt. Sie besagt, dass bei Kontrollen vor Beginn des Rennens bei mehreren Fahrern ungewöhnliche Blutwerte festgestellt worden sind.

Philippe Sagot, Generalsekretär der AFLD, präzisierte gegenüber der Nachrichtenagentur AP: "Bei etwa 20 Fahrern sind erhöhte Werte festgestellt worden. Es handelt sich nicht um Regelverletzungen, aber einige Ergebnisse sind sehr nah am Grenzwert, insbesondere was die Hämatokritwerte betrifft."

Dieser Wert gibt, grob gesagt, den Anteil der roten Blutkörperchen im Blut an. Ein erhöhter Wert kann ein Hinweis auf Blutdoping sein. Die Tests waren durchgeführt worden, um Blut- und Hormonwerte aller Fahrer vor der Tour festzustellen. Die Resultate sollen auch in den Blutpass eingetragen werden, den der Radsport-Weltverband UCI erstellt und der ein genaues Profil der Werte jedes Radprofis festhalten soll.

AFLD-Mann Sagot sieht bislang keinen Anlass, gegen Fahrer vorzugehen, empfiehlt aber den auffälligen Profis, "ihren Teamarzt zu konsultieren, da ein Gesundheitsrisiko bestehen könnte". Im Wintersport ist es in ähnlichen Situationen möglich, Schutzsperren gegen Athleten auszusprechen.

Bislang ist nicht bekannt, um welche Fahrer es sich handelt. Den Betroffenen sollen die Ergebnisse an diesem Wochenende übermittelt werden, teilte die AFLD mit. Eine Reihe von Teamchefs, darunter auch von Milram, Gerolsteiner und Columbia, erklärten am Freitag, bislang keine Nachricht von der Anti-Doping-Agentur erhalten zu haben.

Die Wirkung der Mitteilung könnte dennoch verheerend sein - zumal die vorsichtig optimistische Stimmung bei den Rennställen und den Veranstaltern schnell umschlagen könnte, wenn das Dopingthema erneut die sportliche Seite der Tour de France in den Schatten stellen sollte - wonach es durch Beltráns positive Probe bereits wieder aussieht. Dass bei der mittelschweren Etappe am Freitag von Brioude nach Aurillac gleich vier Fahrer aufgaben, sorgte bereits für Spekulationen. Denn die bei den Tests auffälligen Fahrer sollen laut der Zeitung "Le Monde" während des Rennens verstärkt im Ziel kontrolliert werden.

Mit dem Tagessieger Luis Leon Sanchez vom Team Caisse d'Epargne fuhr zudem in Aurillac ein Profi als Erster über die Ziellinie, der ebenso wie sein Kapitän Alejandro Valverde verdächtig ist, früher Kunde des Dopingarztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein. Sanchez startete bis 2006 für das Team Liberty Seguros, bei dem laut Jörg Jaksche - der damals ebenfalls dort fuhr - systematisch gedopt wurde.

Auf handschriftlich verfassten Kundenlisten von Fuentes, die von der spanischen Polizei beschlagnahmt wurden, finden sich offenbar für die Fahrer von Liberty Seguros sehr eindeutige Kürzel. Jaksche bestätigte im SPIEGEL, dass J.J. für ihn stand. Diese Liste enthält auch die Initialen L.L., was für "Luis Leon" stehen könnte - die Vornamen von Sanchez. Auch die Abkürzung A.C. steht übrigens dort, was dem früheren Liberty-Seguros-Profi und Tour-de-France-Sieger von 2007, Alberto Contador, im vergangenen Jahr einige unangenehme Fragen bescherte.

Und dieses Jahr? Das kommende Wochenende wird ebenfalls eine Menge Fragen für die Teams bringen. Fragen, von denen sie so sehr gehofft hatten, sie in diesem Jahr nicht beantworten zu müssen. Es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die Namen der auffälligen Fahrer bis zum Ende der Tour geheim bleiben. Das Rennen geht weiter, in welche Richtung, bleibt abzuwarten.



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