Frauen-Handball in Buxtehude: Seriöse Kauffrauen

Von Stefan Boysen

Seit 22 Jahren prägen Buxtehudes Handballerinnen die Frauen-Bundesliga. Dank solidem Wirtschaften hat sich der Abstiegskandidat zu einem Meisterschafts-Anwärter entwickelt. Doch wie das "Handball-Magazin" berichtet, stößt der Club an seine Grenzen, er braucht eine neue Halle.

BSV-Rechtsaußen Klein (l.): Mit Buxtehude von unten nach oben gekommen Zur Großansicht
picture alliance / Eibner-Presse

BSV-Rechtsaußen Klein (l.): Mit Buxtehude von unten nach oben gekommen

Es kommt nicht häufig vor, dass Sportler lieber verlieren als zu gewinnen. Doch am 14. Mai 2011 war es so weit. Es war der denkwürdige Schlussakt der aufregendsten Saison in der Geschichte des deutschen Frauen-Handballs, und die Mannschaft des Buxtehuder SV lag am Boden, weil ihr in den letzten Minuten des Final-Rückspiels eine haushohe Führung durch die Hände glitt und sie schlussendlich nur mit fünf Toren gewann.

Wegen der Auswärtstorregel ging der Titel an den Thüringer HC, die Buxtehuderinnen weinten bittere Tränen. Ob sie die Partie nicht vorzugsweise verloren hätte, um von diesem sportlichen Drama verschont zu bleiben? "Rein emotional gesehen: Ja", sagt Isabell Klein. Sie ist die Kapitänin des Buxtehuder SV. 1989 stieg der BSV in die Bundesliga auf und spielt seitdem ununterbrochen in der höchsten deutschen Liga. Isabell Klein ist lange genug im Verein, um sich auch an die weniger guten Zeiten zu erinnern.

Vor viereinhalb Jahren stieß sie dazu. Mittlerweile ist der BSV eine Spitzenmannschaft; ein Team, das in diesem Jahr zum ersten Mal die Deutsche Meisterschaft nach Buxtehude holen kann - und in der vergangenen Saison beinahe geholt hätte, wenn der letzte Wurf in der letzten Sekunde statt am Pfosten im Tor gelandet wäre. "Das ist das Schöne und zugleich Traurige am Spitzensport", sagt die 27-Jährige. "Es sind Nuancen, die über Sieg und Niederlage entscheiden."

Bis heute zerbrechen sich Menschen in der 30 Kilometer südwestlich von Hamburg gelegenen 40.000-Einwohner-Stadt den Kopf, ob diese Spielzeit nun ein großer Erfolg war oder als historisch verpasste Chance in die Clubchronik eingeht. Dass nicht nur der nationale Titel an den THC ging, sondern auch der Pokalsieg nach einem Finalsieg gegen Buxtehude, macht die Debatte noch bedeutungsschwerer.

Trainer Leun: "Wir müssen lernen, wie man Finals spielt und sie gewinnt"

Auch für Dirk Leun war es "eine riesige Enttäuschung, die Meisterschaft in den Händen zu halten und dann noch abzugeben". Buxtehudes Trainer hat den Schmerz nach eigenem Bekunden verwunden. Er ist der Erkenntnis gewichen, "dass wir erst lernen müssen, wie man Finals spielt und sie gewinnt".

Einen Schritt nach dem anderen: Leun hat die Maxime des Buxtehuder SV verinnerlicht. Der Club steht für Kontinuität und Stabilität in allen Bereichen. "Es spricht doch für sich, dass wir seit 22 Jahren in der Bundesliga spielen", sagt Manager Peter Prior, der für seriöses Haus halten mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln steht.

Das schließt nicht aus, dass sich der Verein, der bis auf die Niederländerin Diane Lamein mit deutschen Spielerinnen aufläuft, im Rahmen seiner Möglichkeiten professionalisiert. Etwa in der Person von Steffen Birkner, der hauptamtlich die A-Juniorinnen trainiert. Oder in Form der Kooperation mit dem Zweitligisten TSV Travemünde. Zusammen mit der BSV-Reserve, die in der 3. Liga spielt, verfügt Buxtehude über hervorragende Strukturen, Talente an ein hohes Niveau heranzuführen.

Der Club braucht eine größere Halle

Der nächste Schritt auf der Entwicklungsstufe für den Verein wäre der Bau einer Arena - verbunden mit besseren Trainingsbedingungen, mehr Sitzplätzen für das Publikum und einer Präsentation von Sponsoren. Seit zwei Jahren laufen die Planungen, die nicht mehr zeitgemäße Sporthalle des Schulzentrums Nord zu verlassen und eine neue Heimat zu beziehen.

Der Neubau soll acht Millionen Euro kosten und von einer privatrechtlichen Stiftung finanziert werden. Für Trainer Leun wäre die neue Halle "ein Meilenstein". Prior hofft, dass in diesem Jubiläumsjahr - der Gesamtverein wird 150 Jahre alt - die Zusage kommt.

Die jetzige Halle genügt nicht den Anforderungen des europäischen Verbandes EHF, in der vergangenen Saison musste der Club in der Champions League nach Hamburg umziehen. Die Folge: Der Verein machte 50.000 Euro Minus, "weil wir längst nicht alle Zuschauer rüberziehen konnten", sagt Prior.

Doch noch ist die neue Halle Zukunftsmusik. Vorerst soll der sportliche Aufwärtstrend weitergehen. So wie im Pokal, wo man im Achtelfinale beim Thüringer HC gewann. "Dieses Mal haben wir es ohne zittrige Hände zu Ende gespielt", sagt Prior. Ein Beleg dafür, dass die Mannschaft in ihrem Lernprozess vorangekommen ist? Leun sieht sie einen "großen Schritt weiter" und beruft sich auf die Lehren, die man aus den Enttäuschungen ziehen konnte. Er wehrt sich nicht gegen die Feststellung, dass Buxtehude jetzt ein Meisterschaftskandidat ist.

Zwar seien der Thüringer HC und Leipzig "rein nominell besser aufgestellt". Wenn es seiner Mannschaft aber gelinge, in der entscheidenden Phase des Titelrennens im April und im Mai näher an die Leistungsgrenze heranzurücken als die Konkurrenten, "dann können wir einen ausschalten. Oder beide."

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Meister der Handball Bundesliga der Frauen*
Jahr Meister Vizemeister
2012 Thüringer HC Buxtehuder SV
2011 Thüringer HC Buxtehuder SV
2010 HC Leipzig Bayer Leverkusen
2009 HC Leipzig Bayer Leverkusen
2008 1. FC Nürnberg HC Leipzig
2007 1. FC Nürnberg Bayer Leverkusen
2006 HC Leipzig Bayer Leverkusen
2005 1. FC Nürnberg DJK/MJC Trier
2004 FHC Frankfurt/Oder 1. FC Nürnberg
2003 DJK/MJC Trier Buxtehuder SV
2002 HC Leipzig TV Lützellinden
2001 TV Lützellinden HC Leipzig
2000 TV Lützellinden HC Leipzig
*seit 2000