Frauenboxen: "Ich bin ein Killer, ich kämpfe wie ein Mann"

Von Ina Bösecke

Susi Kentikian ist die kleinste Profiboxerin der Welt, aber eines der größten Talente ihres Sports. Heute Abend kämpft die 19-Jährige um die Weltmeisterschaft im Fliegengewicht. Die härtesten Schläge musste sie einstecken, bevor sie Boxerin wurde.

Susi Kentikian fühlt sich wohl in ihrem Gym, das merkt man gleich, wenn man die Hallen der "Universum Boxpromotion" betritt. Außerhalb des Rings wirkt sie entspannt und liebenswürdig. Die kleinste Preisboxerin der Welt (1,55 Meter) lacht viel, wenn sie erzählt und wirkt in ihrer Natürlichkeit noch fast wie ein Kind. Kentikian flachst mit ihren männlichen Kollegen, posiert vor imaginären Kameras, gibt ihrem Trainer einen Klaps auf den Arm. Als das Pressetraining für die "ProSieben Fight Night" beginnt, steigt sie gekonnt auf professionelles Posing um. Auch die Worte für die Journalisten sind sorgsam gewählt. In Deckung sollte man, wenn sie in den Ring steigt.

Dann bekommt die 19-jährige Armenierin Stielaugen, das Lächeln gefriert im Gesicht. Kentikian wird bei Boxveranstaltungen als "Killer-Queen" vorgestellt, weil sie häufig kurzen Prozess mit ihren Gegnerinnen macht. Elf ihrer vierzehn Profikämpfe beendete sie vorzeitig durch K.o. "Ich setze immer nach, bis die Gegnerin aufgibt. Wenn ich im Kampf sehe, dass sie Nasenbluten hat, konzentriere ich mich drauf, genau da noch einmal zu treffen." Das klingt brutal. Aber wenn Kentikian nicht schlägt, schlägt die Gegnerin. So ist das im Boxen – und manchmal auch im Leben.

Da werden zum Teil noch viel härtere Schläge ausgeteilt, wie auch Susi Kentikian weiß. Als ihre Familie 1992 Armenien verließ, weil dort die Einberufung des Vaters zum Militärdienst im damals umkämpften Berg-Karabach drohte, war sie fünf Jahre alt. Der schönste Teil ihrer Kindheit lag damit hinter ihr. Der Tortur der Flucht folgten nervenaufreibende Aufenthalte in deutschen Asylbewerberheimen. Lange Zeit verbrachte die Familie zwar geduldet, aber ohne Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg. Die Angst vor Abschiebung war immer präsent. "Wir sind einige Male von der Polizei nachts aus dem Bett geholt und zum Flughafen gebracht worden", erinnert sie sich. Seit 2004 besitzt die Familie eine Aufenthaltsgenehmigung – aber so etwas vergisst man nicht.

Die Sehnsucht nach dem Gefühl

Kentikian sagt, sie sei froh, dass sie in ihrer Kindheit nicht verwöhnt wurde. Sonst käme sie heute nicht so gut durch die Runden. Sie war zwölf, als sie ihre Begeisterung fürs Boxen entdeckte. "Ich konnte alles rauslassen, die ganze Energie. Wenn man so viele Probleme hat wie wir, dann braucht man so was." Dies Gefühl hatte sie nie bei den Schwimm- und Gymnastikkursen, für die sie die Eltern anmeldeten. Auspowern, das schätzt Kentikian am Boxsport. Und: "Es gefällt mir, wenn die Leute mir zuschauen." Das mögen viele Boxer. Manche steigen sogar jenseits der vierzig noch einmal in den Ring, um sich den Kick zurückzuholen - was selten gut geht. "Ich glaube, ich werde nie die Sehnsucht nach diesem Gefühl verlieren, die dich vor großen Kämpfen erfasst; du fühlst dich im Zentrum des Universums", sagte Sugar Ray Leonard vor Jahren. Der Boxchamp versuchte gleich mehrere Male ein Comeback, die fast alle in die Hose gingen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Susi Kentikian gilt als eines der größten Talente im Frauenboxen und wird als Nachfolgerin von Regina Halmich gehandelt. Die seit elf Jahren ungeschlagene Weltmeisterin im Fliegengewicht ist auch für Kentikian ein Vorbild, schon weil sie so viel für den Nachwuchs getan hat. Als Halmich anfing gab es viel Skepsis gegen boxende Frauen, die Auftritte waren als "letzte Freakshow" verschrien. Pfiffe und Buhrufe, wenn Boxerinnen in den Ring steigen, kennt Kentikian nur vom Hörensagen. Bei ihr applaudiert das Publikum. Deshalb ärgert es sie auch, wenn sie nicht das zeigen kann, was sie kann - weil viele ihrer Gegnerinnen einfach zu schwach für sie sind. "Ich mache ständig Sparring mit Männern. Mit Frauen ist es zu leicht für mich, das fordert mich nicht. Im Ring bin ich ein echter Killer, ich kämpfe wie ein Mann." Aber auch eine Frau, die wie ein Mann boxt, wird nicht wie ein Mann bezahlt. Boxerinnen erhalten oft nur ein Fünftel der Gage ihrer männlichen Kollegen.

Heute kann sie vom Profiboxen leben. Lange Zeit musste sie neben Schule und Training putzen gehen, um ihren Beitrag zur Haushaltskasse der Familie zu leisten. Wenn sie heute Abend (ab 20.15 Uhr, live auf Pro7) gegen Carolina Alvaraz aus Venezuela antritt, wird sie ihren ersten Titelkampf (nach Version der WBA) bestreiten. Sollte sie ihn gewinnen, dürfte die nächste Börse höher ausfallen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Boxen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite