French-Open-Sensation Cecchinato Märchenheld mit dunkler Vergangenheit

Marco Cecchinato steht als ungesetzter Spieler im Halbfinale der French Open. Erfolge gegen Top-10-Spieler und Ex-Primus Novak Djokovic haben ihn schlagartig berühmt gemacht. Doch seine Biografie hat eine Schattenseite.

Marco Cecchinato
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Marco Cecchinato

Aus Paris berichtet


Wohl kaum ein Publikum in der Tenniswelt genießt einen derart legendären Ruf wie das in Paris. Es kann gnadenlos sein, es vergisst und verzeiht nicht. Es kann den Spielern das Leben zur Hölle machen. Auf der anderen Seite lechzt es nach romantischen, herzerwärmenden Geschichten. Geschichten, wie die von Gustavo Kuerten.

1997 trat der damals noch weitgehend unbekannte Brasilianer als ungesetzter Spieler bei den French Open an. Der Nobody aus Florinapolis schlug auf dem Weg ins Endspiel in teils hochdramatischen Partien unter anderem die ehemaligen Turniersieger Thomas Muster und Jevgeni Kafelnikov. Der Sieg im Finale ist vielen bis heute in Erinnerung geblieben, die Zuschauer schlossen Kuerten, Spitzname "Guga", ins Herz. Wegen seines sympathischen und authentischen Auftretens und wegen seiner stilistisch wunderschön anzusehenden einhändigen Rückhand.

Dass sich Geschichten im Sport manchmal wiederholen, kann man derzeit an selber Stelle begutachten. Mit Marco Cecchinato steht in diesem Jahr ebenfalls ein unbekannter Spieler im Halbfinale der French Open. Der Italiener, ebenfalls ungesetzt, hatte vor dem Turnier noch kein einziges Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen. In der ersten Runde schien sich die traurige Serie fortzusetzen, gegen den Rumänen Marius Copil lag Cecchinato bereits 0:2 in Sätzen zurück, ehe er das Match noch zu seinen Gunsten drehte.

"Ich glaube, mein Leben hat sich verändert"

Anschließend folgte ein fast unerklärlicher Triumphzug: Erfolge gegen Top-Ten-Spieler wie David Goffin und Pablo Carreno Busta sowie den Turniersieger von 2016: Novak Djokovic. Dabei profitierte der 25-Jährige nicht nur von der Formkrise des Serben, ganz im Gegenteil: Mit seinem unberechenbaren Spiel brachte Cecchinato den zwölffachen Grand-Slam-Sieger zur Verzweiflung. Nicht nur seine sehenswerte - ebenfalls einhändig gespielte - Rückhand sorgte für Begeisterung, auch die unglaubliche Präzision seiner gewinnbringenden Stopps.

"Ich glaube, mein Leben hat sich verändert. Nach Roland Garros brauche ich etwas Pause, um das alles zu realisieren", sagte Cecchinato nach dem größten Sieg seiner Karriere. Tatsächlich ist der Hype um ihn groß. Italienische Fans strömen in die Stadien, auf Pressekonferenzen ist er plötzlich ein gefragter Mann. Cecchinato gibt sich redselig, auch sein Lächeln ist ähnlich einnehmend wie das von Kuerten.

Wenn er aber auf ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit angesprochen wird, verweigert er die Antwort. Vor weniger als zwei Jahren wurde der (noch) Weltranglisten-72. wegen illegaler Spielabsprachen auf der zweitklassigen Challenger-Tour vom italienischen Verband für 18 Monate gesperrt. Nur wegen eines Formfehlers wurde die Strafe anschließend aufgehoben. Reden will er lieber über den Sieg gegen Djokovic: "Als ich den Ball auf der Linie gesehen habe, war es der glücklichste Moment meines Lebens."

Italiens Sehnsucht nach einem Grand-Slam-Erfolg

Doch mit den Erfolgen wächst auch der Druck. In Italien sehnt man sich nach großen Erfolgen. Bei den Männern wartet der Verband seit 1976 auf einen Erfolg bei einem der vier Majors. Adriano Panatta gewann vor 42 Jahren in Roland Garros, seither steckt das italienische Tennis in der Krise. Cecchinato stand lange im Schatten von Fabio Fognini. Der 31-Jährige, dessen Ehefrau Flavia Pennetta 2015 die US Open gewonnen hatte, gilt als hochveranlagt, doch mittlerweile sorgt er fast nur noch mit verbalen Entgleisungen für Aufsehen. Nun soll Cecchinato seine Landsmänner befrieden.

Dafür muss er zunächst einen weiteren Top-Star ausschalten. Mit Dominic Thiem wartet einer der besten und konstantesten Sandplatzspieler der vergangenen Jahre auf Cecchinato. Der Österreicher, der zum dritten Mal in Folge im Halbfinale von Paris steht, setzt, wie Sandplatz-König Rafael Nadal, auf einen extremen Spin und spielt deutlich aggressiver als Djokovic. Immerhin weiß Cecchinato die Zuschauer in seinem Rücken. Auf dem größten Platz der Anlage, dem 15.000 Zuschauer fassenden Court Philippe Chatrier, könnte am Ende auch das einen Ausschlag geben.

Cecchinato, der nach dem Turnier auf Rang 27 der Weltrangliste vorrücken wird, geht trotz seiner Erfolge in Paris als klarer Außenseiter in das Duell mit Thiem. Auch in einem möglichen Endspiel wäre er das. Die Rolle scheint ihm zu liegen. Gustavo Kuerten ist in diesem Jahr wie immer vor Ort. Nicht selten ist er derjenige, der dem späteren Sieger die Trophäe überreicht. Für Cecchinato und das Pariser Publikum wäre es ein märchenhafter Abschluss.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
kopi4 08.06.2018
1.
Wenn er tatsächlichen heute auch noch gewinnt- was ich nicht glaube- wird es mit der Übergabe der Trophäe dennoch nix. Rafael Nadal wälzt seit mehr als 10 Jahren wie eine Dampfwalze durch das Turnier, mittlerweile ist es eine Nachricht wert wenn er mal einen Satz verliert. Das er ein Finale in Paris gegen Cecchinato verlieren könnte: undenkbar.
themistokles 08.06.2018
2.
" Vor weniger als zwei Jahren wurde der (noch) Weltranglisten-72. wegen illegaler Spielabsprachen auf der zweitklassigen Challenger-Tour vom italienischen Verband für 18 Monate gesperrt. " Und warum darf so jemand bei Profi-Turnieren starten? Manchmal glaube ich , die jeweiligen Verbände WOLLEN unbedingt besch*** werden..
betzebub 08.06.2018
3. @2
"Und warum darf so jemand bei Profi-Turnieren starten?" Weil es eben manchmal nicht so heiß gegessen wird, wie von den Medien gekocht. Nachdem was ich gehört habe, hat der Italiener seinerzeit vor einem Spiel eine Nachricht an einen Kumpel geschrieben, dass er sich nicht gut fühlt und sein Kumpel deshalb lieber nicht auf ihn wetten solle. Da kann man dann einen Riesenwettskandal draus machen, muss man aber nicht...
jar.koz. 08.06.2018
4. Plural
Jetzt mal kein Genderwahn, sondern altbewährte deutsche Grammatik: Der Plural von "Landsmann" ist "Landsleute", nicht "Landsmänner".
cegonha55 08.06.2018
5. Die Stadt von Guga
Der Name der Stadt von Guga ist Floianópolis, und nicht Florinapolis. Allgemein wird die Stadt auch "Floripa" genannt.
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