Frischer Fisch Schwertfisch-Träume auf den Malediven

Wenn Angler in Urlaub fahren, ist das Wasser nicht weit. Dumm nur: Oft muss neben Ruten, Rollen und Ködern auch noch eine komplette Familie mit. Um Frau und Kinder zufriedenzustellen und den eigenen Fangträumen zu genügen, sind ausgefuchste Strategien gefragt.

Von Horst Köder


Jedes Jahr derselbe Mist im Juli: Die Taschen werden gepackt, der Familienurlaub steht an. Mutti will Sonne, Strand und "ein wenig shoppen", die halbwüchsige Tochter liebäugelt mit dem ersten Besuch in der Kinderdisco, der Sohnemann durchläuft gerade seine nihilistische Phase, brummt ständig "keinen Bock" und würde am liebsten zu Hause bleiben. Und Papa? Der versucht, die Bedürfnisse seiner Liebsten unter einen Hut zu kriegen und natürlich noch die eigenen Wünsche: Wasser. Angeln. Fische. Natur. Ruhe. Je nachdem, mit welchem Typ Angler es die Familie zu tun hat, greifen bei Auswahl, Vorbereitung und Durchführung des Urlaubs unterschiedliche Strategien.

Indonesischer Junge mit Fisch: Angelausrüstung statt Badehose
AFP

Indonesischer Junge mit Fisch: Angelausrüstung statt Badehose

Der Fanatiker:
Lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wessen Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Bucht einfach drei Wochen Norwegen. Fjord, Boot, Hütte. Plumpsklo. Aber ein Tiefkühlschrank mit den Ausmaßen eines Altglascontainers. Für die gefangenen Fische, die Autarkie in Sachen Ernährung soll gewährleistet sein. Hat den Familien-Kombi inklusive Dachgepäckträger mit seiner Angelausrüstung vollgepackt, Fahrräder, Jacken und Proviant bleiben daheim. Als letztes musste der CD-Spieler der Tochter ("statt Kinderdisco") dem neuen Echolot weichen. Im Handschuhfach finden sich statt Straßenkarten die ausgedruckten Excel-Tabellen mit dem minutiösen Urlaubsplan. Verhältnis Angeln zu Familie: 8 zu 1. Schläft in Gummistiefeln, damit er morgens schneller aus der Hütte ist. Knipst mit seiner neuen Digitalkamera drei Zwei-Gigabyte-Speicherkarten voll. Schickt am Tag nach der Rückkehr Fotos, Excel-Tabellen und selbstverfasste Reiseerinnerungen unaufgefordert an die Fachzeitschriften "Blinker", "Fisch und Fang" und "Rute und Rolle". Abdruck honorarfrei. Quält seine Familie noch Monate später mit Dia-Abenden über den "tollen Urlaub". Der nächste ist schon gebucht. Ziel: Norwegen. Drei Wochen. Fjord, Boot, Hütte. Plumpsklo. Vielleicht hat der Sohn dann ja auch mal "Bock" aufs Angeln. Typischer Spitzname: Dorsch-Ede.

Der Schlaumeier:
Wirkt bei der Urlaubswahl im Hintergrund, hat trotzdem alles im Griff. Die Familie entschied sich dank geschickt ausgelegter Hochglanz-Kataloge für die Karibik, die mit Big-Game-Angeln auf Schwertfisch und andere Giganten lockt. Liest zur Einstimmung noch mal Hemingways "Der alte Mann und das Meer" und muss am Ende fast heulen. Packt nur eine Badehose und ein Hawaii-Hemd ein, sonst füllt er seine Koffer mit seiner sündhaft teuren High-Tech-Ausrüstung. Sollte nach bösen Wortwechseln an der Flughafen-Sicherheitskontrolle ("Das Dynamit ist nur für die ganz großen Fische") schon nach Guantánamo ausgeliefert werden. Täuscht nach dem ersten Tag am Strand eine Sonnenallergie vor und verabredet sich am Hafen mit Pépe, dem ein altes Boot gehört. Angelt die Traumfische seines Lebens und verpasst nur zweimal knapp einen Weltrekord. Spendiert seiner Frau jeden Abend umwerfende Caipirinhas, die Tochter darf in die Disco, der Sohn hat keinen Bock auf nix. Die Familie ist glücklich. Nächstes Urlaubsziel: Malediven. Oder Kenia.

Der Traditionalist:
Aufgewachsen in Paderborn. Oder Hamm. Fährt seit 40 Jahren an die Nordsee, erst mit seinen Eltern, dann mit seiner Freundin, nun mit seiner Familie. Hat zwischendurch einmal die Berge ausprobiert, aber das gefiel ihm nicht. Kaum Wasser, zu viele Bayern, zu viele Forellen. Angelt seit Urzeiten mit seiner Teleskop-Brandungsrute mit Wattwurm auf Schollen. Selbst gegraben bei Ebbe, versteht sich. Die Würmer, nicht die Schollen. Liebt das Angeln, aber ebenso die Familie. Deshalb lässt er sich die Wattwanderung mit Kind und Kegel nicht entgehen. Die Gummistiefel machen so schön "Plöpp", wenn man sie aus dem Schlick zieht. Abends nach den Tagesthemen blättert Mutti (Jugendliebe) noch ein wenig in der "Brigitte", er schmökert noch im "ADAC Reise-Spezial". Will deshalb nächstes Jahr seinen Horizont erweitern und mal im Ausland urlauben. Dänemark. Nordsee.

Der Drückeberger:
Verleugnet seine Leidenschaft fürs Angeln und schleicht sich heimlich ans Wasser, wenn seine Frau mit ihrem Kegelclub "Die wilden Hummeln" unterwegs ist. Zahlt komplett, besitzt aber trotzdem kein Mitspracherecht beim Urlaubsziel. Dieses Jahr geht's an die Mecklenburgische Seenplatte, ein erstklassiges Revier. Schmuggelt seine einzige Rute, eine auf 20 Zentimeter zusammenschiebbare Teleskop, in seinem Kulturbeutel mit. Träumt vom Hecht des Lebens, überwindet sich aber trotz zahlreicher Vorsätze nicht zum Outing. Schaut lieber abends im Fernsehen auf RBB eine Dokumentation über die Mecklenburgische Seenplatte. Natürlich nur, weil seine Frau schon schläft. Nächstes Urlaubsziel: Egal, Hauptsache mit schönem Gewässer zum Angeln in der Nähe.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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