Von Jonathan Sachse
"Ich habe Sportler aus vielen Bereichen betreut: Fußballer, Boxer, Leichtathleten", hatte der Angeklagte Eufeminao Fuentes am zweiten Prozesstag zu Protokoll gegeben. Die Richterin Julia Patricia Santamaría schwieg.
"Wenn sie wollen, kann ich alle Codes auf den Blutbeuteln meiner Kunden identifizieren", bot Fuentes einen Tag später im Madrider Gerichtssaal an. Die Antwort der Richterin: "Nein. Darum werde ich Sie nicht bitten."
Es waren zwei Schlüsselmomente, die das Kernproblem der 23 Prozesstage in Madrid zusammenfassen: Es war ein Prozess der verpassten Gelegenheiten. Fuentes war angeklagt wegen eines "Verbrechens gegen die öffentliche Gesundheit", wie es in der Anklageschrift hieß. Ein Leitfaden, der strikt eingehalten wurde. Mit diesem Tunnelblick hangelte sich Richterin Julia Patricia Santamaría von Zeuge zu Zeuge und verkündigte heute das 384-seitige Urteil.
Eufemiano Fuentes und Helfer Ignacio Labarta wurden verurteilt. Bei beiden sah das Madrider Gericht es als erwiesen an, dass die Gesundheit der behandelten Athleten gefährdet wurde. Für Fuentes verkündigte das Gericht ein Jahr Haftstrafe und vier Jahre Berufsverbot als Sportmediziner. Fuentes Schwester Yolanda sowie die ehemaligen Teamchefs Vicente Belda und Manolo Saiz sind freigesprochen.
Bewährung, Berufsverbot, Geldstrafe
Hinter Gittern wird Fuentes trotzdem nicht sitzen müssen. Die spanische Gesetzgebung sieht für Verurteilungen unter zwei Jahren keine tatsächliche Haft, sondern eine Strafe auf Bewährung vor. Somit wird neben einem Berufsverbot lediglich eine Geldstrafe im vierstelligen Bereich für den Dopingdoktor fällig.
Unabhängig vom Geschehen rund um den Madrider Gerichtssaal waren es in den vergangenen Monaten vereinzelte Medien, die mehr Licht in den Kundenkreis von Fuentes brachten. Die spanische Zeitung "El País" belegte mit Dokumenten eine Zusammenarbeit des verurteilten Doktors mit dem Fußballverein Real Sociedad San Sebastian. Für diesen Club soll der damalige Präsident José Luis Astiazarán über viele Jahre Dopingmittel bei Fuentes gekauft haben. Astiazarán ist mittlerweile zum Vizepräsident des spanischen Fußballverbandes aufgestiegen.
Der medizinische Leiter der Fifa, Jiri Dvorak, verkündete noch im Januar im Schweizer Fernsehen, dass die Juristen des Weltverbandes keine Hinweise im Bericht der "Operacion Puerto" gefunden hätten, die auf eine Zusammenarbeit zwischen Fußballern und Fuentes hindeuten würden. Die Fifa teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, dass sie keine neuen Ermittlungen plane. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wollte nicht bestätigen, dass Ermittlungen mit Fußballbezug aufgenommen wurden.
Neues Anti-Doping-Gesetz wird wohl wenig ändern
Welche Athleten aus welchen Sportarten tatsächlich von Fuentes behandelt worden sind, wird wohl nie aufgeklärt werden können. Das liegt auch an mysteriösen Abläufen bei der Archivierung der Beweisstücke. Im Laufe der vergangen Jahre sind 51 der 223 Blutbeutel verschwunden, die von der Guardia Civil im Jahr 2006 konfisziert wurden. Dies bestätigte der Leiter des Anti-Doping-Labors von Barcelona, in dem die Blutbeutel seit Jahren gelagert werden.
Die übrigen Blutbeutel werden nach aktuellem Stand ebenfalls nicht zur Aufklärung beitragen: Richterin Santamaría verweigerte mit dem heutigen Urteil der Wada einen Zugriff auf die Blutbeutel. So könnte es passieren, dass die härtesten Beweisstücke nach einem endgültigen Prozessende zerstört werden. Dies möchte die spanische Anti-Doping-Behörde AEA verhindern, möglicherweise wird das Fuentes-Urteil deshalb angefochten.
Eine vollständige Aufklärung scheitert aber auch am mangelnden Interesse des spanischen Sports. Auch wenn dieser seine vermeintlich härtere Linie im Anti-Doping-Kampf zu betonten versucht. Schließlich möchte sich Spanien die Olympischen Sommerspiele 2020 ins eigene Land holen.
Dem abgeschlossenen Fuentes-Prozess soll im Sommer ein neues Anti-Doping-Gesetz folgen. Bleibt es beim jetzigen Entwurf, wird sich nicht viel ändern. Darin werden Sportler und Dopinghelfer weiterhin nicht strafrechtlich verfolgt werden können, wie es in Frankreich und Italien der Fall ist.
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