EM in der Ukraine: Hinfahren, Mund aufmachen, gewinnen

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Bundespräsident Gauck trifft sich aus Protest nicht mit seinem ukrainischen Kollegen. Auch Kanzlerin Merkel denkt über einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine nach. Was brächte ein Sportboykott? Sinnvoller wäre es, vor Ort Stellung zu beziehen. 

Bundestrainer Löw: Ein offenes Wort zur rechten Zeit Zur Großansicht
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Bundestrainer Löw: Ein offenes Wort zur rechten Zeit

Teilnehmen oder wegbleiben? Die Olympischen Spiele 2008 wurden in Peking ausgetragen, und Deutschland war selbstverständlich dabei. Wer bei einem großen Sportfest in China mitfeiert, dürfte auch keine Skrupel haben, in der Ukraine Fußball zu spielen.

Die Diskussion um den Boykott großer Sportereignisse, wie sie jetzt um die EM im Sommer in der Ukraine geführt wird, ist nicht neu. Und sie war vorhersehbar. Die Debatte wird in schöner Regelmäßigkeit aufgeführt. 2014, wenn die Winterspiele im russischen Sotschi ausgerichtet werden, wird sie im Vorfeld der Spiele genauso aufkommen wie 2022, wenn das Emirat Katar die Fußball-Welt empfängt. Am Ende werden wieder alle Sportler hinfahren, als wäre nichts gewesen.

Ein Boykott werde nichts ausrichten, er sei sinn- und erfolglos - auf diese Sichtweise haben sich die deutschen Sportfunktionäre von IOC-Vizepräsident Thomas Bach bis DFB-Spitzenmann Theo Zwanziger festgelegt. Und wahrscheinlich haben sie Recht.

Der Boykott der Sommerspiele von Moskau 1980 durch die Bundesrepublik und die USA trug nichts zur nachhaltigen Besserung der Menschenrechtslage in der Sowjetunion bei. Die Retourkutsche des Ostblocks 1984 in Los Angeles hat die USA nicht in ihren Grundfesten erschüttert. Die Boykotte haben lediglich die Hoffnungen vieler Athleten auf den Höhepunkt ihres Sportlerlebens zerstört.

Die Formel 1 hat vorgemacht, wie es nicht geht

Genauso wenig zielführend ist es, an einem Turnier teilzunehmen und so zu tun, als fänden Menschenrechtsverletzungen in einer Parallelwelt statt, zu der der Sport keinerlei Verbindung habe. So wie es der DFB 1978 vorlebte, als die WM von der Militärdiktatur Argentiniens ausgerichtet wurde und sich Bundestrainer Helmut Schön, Kapitän Berti Vogts und die anderen jedes Wort zu Folter und Mord versagten. Oder wie es die Formel 1 in beschämender Weise zuletzt beim Großen Preis im Unruhestaat Bahrain praktizierte. Wegducken, weggucken. Dann wird der Sportler tatsächlich zum Komplizen des Regimes.

Jedes Großereignis stützt zunächst einmal das Ausrichterland und seine Regierung. Darauf setzt der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch genauso, wie es die chinesischen Machthaber vor vier Jahren oder die argentinischen Generälen in den siebziger Jahren taten. Dieser Grundsatz gilt jedoch dann nicht mehr uneingeschränkt, wenn Sportfunktionäre und Athleten die große Bühne nutzen, um ihre Meinung zu sagen.

Ein offenes Wort vor Ort von Joachim Löw oder Kapitän Philipp Lahm zum Thema Menschenrechte, wenn die Weltpresse anwesend ist - das ist nicht nur für den Überbringer der Botschaft relativ gefahrlos. Es würde auch ein deutliches Signal aussenden: Wir sind zwar hier, um erfolgreich Fußball zu spielen. Aber wir sind nicht einverstanden damit, was in diesem Land passiert.

Fechterin Duplitzer als Beispiel

Die Fechterin Imke Duplitzer hat dies in Peking gewagt und gesagt, was zu sagen war. Sie hat vor ihrem Wettkampf scharfe Kritik am chinesischen Regime geübt, sie hat demonstrativ auf die Eröffnungsfeier verzichtet. Ihre Wettkämpfe hat sie trotzdem bestritten.

Nicht viel weniger darf man auch von deutschen Fußball-Nationalspielern verlangen. Löw hat ein Team von aufgeschlossenen, durchaus intelligenten jungen Männern gebaut, eine Mannschaft aus mündigen Profis. In der Ukraine können sie beweisen, dass das nicht nur für ihr Verständnis von modernem Offensivfußball gilt.

Der DFB hat sich unter der Ägide des ehemaligen Präsidenten Theo Zwanziger das Image eines Verbandes gegeben, der sich in gesellschaftlichen Fragen positioniert, für Toleranz und Demokratie, gegen Homophobie und Fremdenhass. In der Ukraine hat die deutsche Delegation die beste Gelegenheit zu zeigen, wie ernst es dem DFB mit alldem ist.

Am 13. Juni spielt Deutschland gegen die Niederlande in Charkow. Der Stadt, in der die Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko einkaserniert ist. Es wäre der geeignete Ort, Stellung zu beziehen.

Nicht boykottieren. Aber hingehen und den Mund aufmachen. Dann wird die EM in jedem Fall ein Erfolg.

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1.
dumasua 30.04.2012
die verstehen nur eine Sprache - das ist der Boykott. Hinfahren, sich gut bei der Mafia amüsieren und zwischen Bier und Chips ein wenig über Menschenrechte plaudern - das ist doch bigotte Heuchelei, darauf vertrauen doch Diktatoren. Im übrigen überlegt Merkel ja auch nur, wer weiss, was dabei raus kommt...Ich frage mich nur, warum die Empörung über Ungarn nicht gleich gross ist...
2. Protestzopf für alle!
madame_no 30.04.2012
Zitat von sysopBundespräsident Gauck trifft sich aus Protest nicht mit seinem ukrainischen Kollegen. Auch Kanzlerin Merkel denkt über einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine nach. Was brächte ein Sportboykott? Sinnvoller wäre es, vor Ort Stellung zu beziehen. EM in der Ukraine: Hinfahren, Mund aufmachen, gewinnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,830587,00.html)
Dass sich die Politiker nicht bereitstellen, um für dieses Regime das tolle Angeber-Foto zu liefern, finde ich super! Danke Herr Gauck, der Wulff-Rausschmiss hat sich doch schon gelohnt :-) ABER wie wäre es denn, wenn z.B. alle Spielerfrauen mit einer Timoschenko-Blondzopf-Perücke auf den Rängen säßen? Optisch eine perfekte Art, deutlich seine Meinung zu zeigen !!! Plus T-Shirt "Free Timoschenko - Free Speech" oder so ...
3.
turo 30.04.2012
Zitat von sysopBundespräsident Gauck trifft sich aus Protest nicht mit seinem ukrainischen Kollegen. Auch Kanzlerin Merkel denkt über einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine nach. Was brächte ein Sportboykott? Sinnvoller wäre es, vor Ort Stellung zu beziehen. EM in der Ukraine: Hinfahren, Mund aufmachen, gewinnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,830587,00.html)
Ein sehr einfach gestrickter SPON Artikel. Und ein grottenschlechter . Nein, hier geht es um ein Menschenleben und nicht um Worte. Das ukrainische Volk muss wissen, das IhrbStaatsoberhaupt nicht so mit der Gesunbdheit und dem Leben einer Oppositionspolitikerin umgehen kann. Junokowitsch muss seinem Volk erklären, warum die Gäste aus aller Welt nicht kommen.
4.
mr.ious 30.04.2012
Zitat von sysopBundespräsident Gauck trifft sich aus Protest nicht mit seinem ukrainischen Kollegen. Auch Kanzlerin Merkel denkt über einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine nach. Was brächte ein Sportboykott? Sinnvoller wäre es, vor Ort Stellung zu beziehen. EM in der Ukraine: Hinfahren, Mund aufmachen, gewinnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,830587,00.html)
Nachdem sich der Bundespräsident schon aus genau dem Grund nicht mit seinem ukrainischen Kollegen trifft, soll jetzt aber trotzdem "stellvertretend" oder wie, jemand hinfahren der sowieso hinfährt und auch was sagen, stellvertretend ? Da ist ja wohl totales fremd-zickzack schicken, oder wie auch immer man den Tenor dieses Kommentars verstehen soll. Nun scheint dieses Thema diskutiert zu werden, und damit ist schon mal sehr viel vorhanden. Zumindest was demokratisches Beispiel angeht. Allerdings muß man nicht all zu strategische Überlegungen heranzuehen, um einzusehen, daß solch Forderungen ja auch ganz schnell überhaupt keinen Sinn mehr machen, wenn die Frau zu Ärzten darf. Irgendwie geht es ja um sie alleine. Da habe ich mich Gestern z.B. auch gefragt, was sie denn ist, wenn sie regieren würde, wenn sie jetzt die Oposition in Person ist, wie es ihre Tochter ja angeblich sagt ?
5.
derknecht 30.04.2012
in Bahrain wäre vielleich auch etwas mehr TamTam veranstaltet worden, wäre das Land nicht so mit Öl gesegnet und würde dieses nicht für Dollar exportieren. Was könnte es nun bei der Ukraine sein. Vor genau einem Monat wurde durch die Nato von der Ukraine noch eine klare Stellungnahme bzgl des Raketenschilds gefordert. Denke mal dass da ein Zusammenhang besteht. Um Menschenrechte gehts doch gar nicht. Oder welchen Journalisten bzw. Chefredakteur interessieren die Menschen aktuell in Libyen? Lange keine Artikel mehr gesehen wie sich da die Verhältnisse "verbessert" haben.
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Fußball-EM in der Ukraine: Hoeneß kritisiert ukrainische Regierung

Fläche: 603.700 km²

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Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef einer Übergangsregierung: Arsenij Jazenjuk

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