Gefeuerter Kanu-Trainer Capousek "Das System in China ist faul"

Josef Capousek sollte Chinas Kanuten zu Gold führen - doch kurz vor den Olympischen Spielen flog er raus. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der frühere deutsche Nationaltrainer über den Einfluss der Armee auf Chinas Spitzensport und die Hintergründe seiner Entlassung.


SPIEGEL ONLINE: Herr Capousek, Sie sind am Montag überraschend als chinesischer Nationaltrainer abgelöst worden. Warum?

Capousek: Die Entscheidung kommt so überraschend nicht. Es gab schon vorher Anzeichen. So wurden mir im Februar von heute auf morgen die Kanadier abgenommen, der Verband setzte einen anderen Trainer ein, obwohl dies vertragswidrig war. Bei der Olympiaqualifikation in Japan waren wir sehr erfolgreich. So viele Boote hat China noch nie für die Olympischen Spiele durchbekommen. Aber die Offiziellen haben sich überhaupt nicht gefreut. Kein Wort, gar nichts.

Kanu-Trainer Capousek: "Paddeln sie schlecht, bin ich daran schuld"
DPA

Kanu-Trainer Capousek: "Paddeln sie schlecht, bin ich daran schuld"

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Streit mit den Funktionären?

Capousek: Es gab öfter Probleme mit Provinzfunktionären über meine Arbeitsweise, das Training und die Behandlung von Sportlern. Beim Weltcup in Ungarn brachen zum Beispiel Meinungsverschiedenheiten über eine Kanutin im Frauen-Vierer auf. Die Offiziellen haben sie eindeutig favorisiert, ich weiß nicht, warum. Doch das Boot fuhr schlecht, ich habe das Mädchen später in Duisburg ausgewechselt, was wiederum Unzufriedenheit auslöste. Da merkte ich schon: Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Das Boot war in Deutschland aber erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Chinesen gestört?

Capousek: Ich habe mich mit Funktionären angelegt, auch mit Trainern aus der Armee …

SPIEGEL ONLINE: .. unter den Sportlern und Trainern sind einige Soldaten …

Capousek: … ich setzte eine Trainerin aus dem Militär ab, die nicht ausreichend qualifiziert war. Mein Nachfolger als Cheftrainer ist Mitglied der Armee-Sportgruppe, also ein mehr oder weniger politischer Funktionär, der damit auch die Akkreditierung für die Olympischen Spiele bekommt. Nun ist es alles einfach: Gewinnen meine Leute Medaillen, dann kann er den Ruhm einheimsen. Paddeln sie schlecht, bin ich daran schuld.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich solch eine Entscheidung so kurz vor den Spielen auf die Mannschaft aus?

Capousek: Sportlich gesehen ist solch eine Veränderung absolut Blödsinn. Die Mannschaft ist schockiert. Ich habe in meinen dreieinhalb Jahren als Chefcoach versucht, mit den Sportlern auf gleicher Ebene zu arbeiten, nicht von oben nach unten. Ich wollte ihnen Selbstvertrauen und Mitspracherecht geben. Das kam bei den Funktionären überhaupt nicht gut an. Das entspricht nicht dem chinesischen Stil.

SPIEGEL ONLINE: Fürchtete der chinesische Verband, die Kanuten könnten mit Ihnen womöglich keine Goldmedaille gewinnen?

Capousek: In meinem Vertrag ist das Ziel festgeschrieben, wenigstens eine Goldmedaille zu holen. In der chinesischen Vertragsversion steht nicht "Ziel", sondern "Aufgabe". Bei der Kündigung haben sie mir erklärt, die Chancen für eine Goldmedaille seien schlecht. Wie können sie das sagen? Einige meiner Boote sind in letzter Zeit in die Weltspitze gefahren.

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