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Football und Gewalt: Kaputte Helden

Von und

Wenn es hart wird auf dem Platz, die Helme aufeinander krachen - das ist Football. Ein Spiel, das Gewalt belohnt. Doch viele Stars fallen auch privat durch Aggressionen auf. Gehirnverletzungen könnten ein Grund sein. Sie bedrohen Amerikas Nationalsport.

Rice und seine damalige Verlobte Palmer: Aus dem Aufzug geschleift
AP

Rice und seine damalige Verlobte Palmer: Aus dem Aufzug geschleift

Der Schlag, der Janay Palmer bewusstlos zu Boden sinken ließ, kam von ihrem Verlobten. Es war der 15. Februar 2014, als die junge Frau mit ihrem Partner Ray Rice, damals Footballprofi in der NFL, einen Aufzug im Revel Casino von Atlantic City bestieg. Das Paar stritt, dann streckte Rice seine damalige Verlobte Palmer mit einem einzigen Schlag nieder. Eine Überwachungskamera zeichnete die Szene auf.

Als das Klatschportal TMZ das Überwachungsvideo am 8. September veröffentlichte, wurde aus dem Sportstar Rice ein Geächteter. "Der Fall Rice zog auf einmal die Aufmerksamkeit auf sich, weil es Fotos und ein Video gab. Doch dass Rice seine damalige Freundin bewusstlos geschlagen hatte, war Monate vorher bekannt", sagt Gregg Easterbrook, Journalist und Autor des Buches "The King of Sports", in dem er über die Bedeutung von Football und den Reformbedarf des US-amerikanischen Nationalsports schreibt.

Palmer hatte den Fahrstuhl aus eigener Kraft betreten; wenig später schleifte Rice sie wie ein betäubtes Stück Schlachtvieh hinaus, eindeutiger geht es nicht. Aber um wirklich zu begreifen, musste die Sportwelt erst das Video aus dem Aufzug sehen, das den Schlag zeigt.

Die unscharfen Aufnahmen veränderten alles. Sie machten den brutalen Angriff in den USA zum nationalen Thema, und seitdem gibt es eine Debatte, die größer ist als der Fall Rice.

Es geht um Football. Um Gewalt. Um die Verbindung zwischen beiden. Es geht darum, was Football mit der Gesundheit der Spieler macht, ob er ihre Gehirne zerstört. Und letztlich geht es auch um die Frage, ob der Sport zu retten ist.

Im Football ist es ein Vorteil, aggressiv zu sein. Es gilt als Auszeichnung, besonders waghalsig und draufgängerisch zu spielen. "Seit sie zehn waren, wurden diese Kerle darauf getrimmt, ultra-aggressiv zu sein und alles, was ihnen im Leben begegnet, als Hindernis zu begreifen, das sie umhauen müssen", sagt der Autor Easterbrook. Gewalt ist attraktiv; wer auf YouTube nach "Football" und "violent hit" sucht, wird schnell fündig.

Footballspieler werden für ihre Aggressivität geliebt, sie werden angehimmelt, und sie sind es nicht gewohnt, dass man ihnen widerspricht. Auch deshalb wissen sie sich manchmal nicht anders zu helfen als mit Gewalt.

Footballprofis, die gewalttätig geworden sind

Jonathan Dwyer, Arizona Cardinals: Der Running Back wird wegen schwerer Körperverletzung und acht weiterer Vergehen angeklagt. Er soll seine Ehefrau im July bei zwei heftigen Streits angegriffen und beleidigt haben. Sein Team schloss ihn von allen Aktivitäten aus.

Adrian Peterson, Minnesota Vikings: Der Running Back soll seinen Sohn im Mai dieses Jahres mit einem Stock misshandelt haben. Erhält zwei Jahre Gefängnisstrafe auf Bewährung. Die Vikings trennen sich von dem Wiederholungstäter.

Quincy Enunwa, New York Jets: Der Wide Receiver wird verhaftet, nachdem er er seine Freundin in einem Hotel in New Jersey angegriffen haben soll. Zur Strafe erhält er eine 90-tägige Vertragssperre.

Ray McDonald, San Francisco 49ers: Der Verteidiger ist schon mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten. Im August dieses Jahres wird er wegen des Verdachts auf häusliche Gewalt in San José verhaftet, die Untersuchungen werden jedoch eingestellt, weil seine Verlobte mit den Ermittlern nicht kooperieren möchte.

Greg Hardy, Carolina Panthers: Der Defensivspieler wird festgenommen, nachdem er seine Ex-Freundin beleidigt und bedroht hat. Sein Team suspendiert ihn vorläufig, eine weitere Anhörung ist für den 17. November geplant.

Ray Rice, Baltimore Ravens: Der Running Back wird verhaftet, weil er seine damalige Verlobte Janay Palmer in einem Kasino in Atlantic City bewusstlos geschlagen hat. Sein Klub suspendiert ihn, nachdem das Video seines Übergriffs öffentlich geworden ist. Mittlerweile ist Rice auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber.

Josh McNary, Indianapolis Colts: Dem Linebacker wird Vergewaltigung und Körperverletzung zur Last gelegt. Der 26-Jährige soll im Anschluss an einen Kneipenabend eine 29-Jährige gegen ihren Willen in einem Apartment festgehalten haben.

James Harrison, Pittsburgh Steelers: Harrison wird wegen einfacher Körperverletzung festgenommen, nachdem er in der Wohnung seiner Freundin eine Schlafzimmertür eingetreten hat. Die Anklage wird fallengelassen, Harrison muss ein Aggressions-Management-Training absolvieren.


Die unsichtbare Krankheit

Häusliche Gewalt sei ein "gesellschaftliches Problem", sagt Easterbrook. "Jeder Fall ist einer zu viel, aber die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt, die von NFL-Spielern ausgeht, ist relativ gering."

Der Football habe ein gravierenderes Problem: Gehirnerschütterungen und deren mögliche Auswirkungen auf die Persönlichkeit der Spieler.

Und der Verdacht erhärtet sich, dass es eine Verbindung zwischen häuslicher Gewalt und Hirnschäden gibt. Dass die ständigen Erschütterungen und Verletzungen die Gehirne einiger Footballprofis so sehr verändern, dass sie aggressiver werden und es deshalb immer wieder zu Gewalt kommt.

Der US-amerikanische Neurochirurg und Experte für Gehirnerschütterungen, Brian Hunt, hat anhand jahrzehntelanger Beobachtungen eine eigene Theorie entwickelt. Er sagt: "Gehirnerschütterungen können die Entwicklung des Gehirns von Kindern und Jugendlichen beeinflussen und zu Fehlfunktionen führen. Sie können dafür verantwortlich sein, dass der Frontallappen im Gehirn nicht mehr richtig arbeitet, der Betroffene seinen Sport nicht mehr richtig ausüben kann oder sogar die Kontrolle verliert und seine Frau oder Kinder schlägt."

Der Frontallappen ist der evolutionär jüngste Teil des Gehirns und zugleich der, der am weitesten vom Hirnstamm entfernt ist. Er sei aufgrund seiner exponierten Lage besonders anfällig für Erschütterungen und Traumata, erklärt Hunt. Das Problem: Er ist auch der Bereich, mit dem der Mensch sein Verhalten lernt, dazu gehört die Kontrolle von Emotionen. "Bei vielen Männern ist der Frontallappen erst mit etwa 28 Jahren voll entwickelt. Wird das Gehirn in der Kindheit und Jugend durch den Sport zu sehr in Mitleidenschaft gezogen, können sich kognitive Fähigkeiten unter Umständen nicht richtig ausbilden", sagt Hunt.

Im Alltag falle das oft nicht auf, die Fehlfunktion trete erst in Extremsituationen oder aber unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen auf. "Ein nicht gesundes Gehirn ist sehr anfällig für äußere Einflüsse, doch oft merken die Betroffenen und ihr Umfeld solange nicht, dass etwas nicht stimmt, bis etwas passiert", sagt Hunt. Bis die Veränderungen im Verhalten sichtbar werden - bis der Mensch ein anderer ist.

Eine derartige Verletzung des Gehirns ist anders als ein Knochenbruch oder ein Bänderriss. Sie ist oft unsichtbar, womöglich ein Leben lang, und gerade deshalb so gefährlich. Das Leiden nennt sich chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE). CTE wurde bei verstorbenen Footballprofis wie Mike Webster, Junior Seau, Jovan Belcher und Chris Henry nachgewiesen, bislang lässt sich die Erkrankung eigentlich nur nach dem Tod sicher feststellen. Der frühere deutsche Eishockey-Nationalspieler Stefan Ustorf hat seine Karriere nach etlichen schweren Gehirnerschütterungen und wegen quälender Kopfschmerzen beendet - der Berliner Arzt Ingo Schmehl hatte eine Narbe in seinem Gehirn festgestellt. Ustorf lebt sehr wahrscheinlich mit CTE.

Ehemalige NFL-Profis mit CTE

Als er mit Football fertig war, war Mike Webster ein Wrack. 17 Jahre in der NFL hatten Spuren bei Nummer 52 hinterlassen: Bandscheibenvorfälle, gerissene Sehnen, gebrochene Wirbel. Es war der Preis für eine beeindruckende Karriere für die Pittsburgh Steelers und Kansas City Chiefs. Viermal wurde war Webster Meister, wurde ins Team der besten NFL-Spieler aus 75 Jahren gewählt, in die NFL-Ruhmeshalle aufgenommen.

Wie sehr sein Körper gelitten hatte, zeigte sich erst, als Websters Karriere vorbei war. Er vergaß, wo sein Haus war, fand den Supermarkt nicht mehr. Er litt an Schlaflosigkeit, hatte Wutausbrüche, verlor sein Vermögen, lebte zeitweise im Auto. 2002 starb er im Alter von 50 Jahren. Als Webster obduziert wurde, fand der Pathologe CTE. Es war der erste derartige Befund bei einem ehemaligen NFL-Spieler – der Beginn einer Entwicklung, die die NFL und Football verändern sollte.

Junior Seau war einer der größten NFL-Stars seiner Zeit. 20 Jahre spielte der Linebacker in der Liga, für die San Diego Chargers, Miami Dolphins und New England Patriots. Als er Suizid beging, war Seau 43. Schon seit Jahren hatten Freunde und Angehörige beobachtet, wie sich sein Verhalten veränderte. Er verzockte Zehntausende Dollar, trank exzessiv, war launisch, wirkte geistig abwesend, hatte völlig unerklärliche Wutausbrüche.

Die Untersuchung seines Gehirns zeigte, dass Seau CTE hatte. In Seaus Karriere war nie eine Gehirnerschütterung festgestellt worden.

Tom McHale spielte neun Jahre in der NFL, für Miami, Philadelphia und Tampa Bay. McHale besuchte die renommierte Uni Cornell, machte nach seinem Karriereende seinen Traum wahr und eröffnete sein eigenes Restaurant. Er galt als freundlich, hilfsbereit, klug. Doch allmählich änderte er sein Verhalten. Er zog sich zurück, war abweisend, wirkte entfremdet, entfernte sich von seinen Angehörigen. Tom McHale starb am 25. Mai 2008 an einer Überdosis Drogen. Er war der sechste ehemalige NFL-Spieler, bei dem CTE diagnostiziert wurde. Sein Gehirn sah nicht wie das eines 45-Jährigen aus, sondern wie das eines 72-jährigen Ex-Boxers.

Chris Henry spielte als Wide Receiver für die Cincinnati Bengals. Am 16. Dezember 2009 wurde er bei einem Autounfall so schwer verletzt, dass er einen Tag später starb. Die Obduktion seiner Leiche ergab, dass Henry CTE hatte.

Henry gilt als als erster aktiver Spieler, bei dem die Krankheit festgestellt wurde. Bei seinem Tod war er erst 26 Jahre alt. „Die Tatsache, dass er mit Mitte 20 schon erkrankt war“, schrieb die „New York Times“ zu seinem Tod, „wirft Fragen auf, wie viele derzeitige Spieler betroffen sind, ohne es zu wissen.“ http://www.nytimes.com/2010/06/29/sports/football/29henry.html

Tatsächlich hatte Henry – hier im September 2009 mit Frau und Kindern - während seiner fünf Jahre in der NFL sich einen Ruf als enfant terrible erarbeitet. Er hatte wegen Alkohol am Steuer, Prügeleien und Drogenmissbrauchs juristischen Ärger. Nicht nur die „New York Times“ mutmaßte, diese Verhaltensprobleme seien möglicherweise zumindest in Teilen durch CTE verursacht worden.

Am 1. Dezember 2012 erschoss Jovan Belcher, Linebacker bei den Kansas City Chiefs, seine Freundin. Dann fuhr er zum Trainingszentrum des Klubs und beging auf dem Parkplatz Suizid. Belchers Leiche wurde etwa ein Jahr später exhumiert. Sein Gehirn wies Charakteristika auf, die auf ein CTE-Leiden hinweisen. http://espn.go.com/espn/otl/story/_/id/11612386/jovan-belcher-brain-showed-signs-cte-doctor-says-report.

Das andere Ich

Wie kann CTE nachgewiesen werden? Für eine eindeutige Diagnose muss das Gehirn des Toten unter dem Mikroskop untersucht werden. Wenn ein Patient zu Lebzeiten CTE hatte, zeigt das Bild größere Flächen in Beige und Blassgelb, unterbrochen von dunklen, braunen Flecken, wie Ortschaften auf einer Landkarte.

Braune Verfärbungen: Die Veränderungen des Gehirns durch CTE
Diese Flecken sind Cluster, krankhafte Ansammlungen des Proteins Tau. Die Medizin kennt sie in ähnlicher, aber schwächerer Form von Alzheimererkrankungen - und sie sind ein sichtbarer Beweis für CTE.

Die Blutversorgung der betroffenen Gehirnregionen wird gestört, schließlich sterben die Nervenzellen selbst ab. Mediziner gehen davon aus, dass unterschiedliche Faktoren wie Genetik und die körperliche Verfassung eine Rolle bei der Entwicklung von CTE spielen.

Zudem ist noch unklar, wie viele und wie viele schwere Stöße es braucht, um CTE auszulösen. "Ein Spieler muss nicht ohnmächtig sein oder eine diagnostizierte Gehirnerschütterung haben. Auch ständige heftige Bewegungen können zu den Symptomen führen", sagt Hunt.

Forscher haben Gehirne von 128 ehemaligen Footballspielern, darunter Schüler, Studenten und Profis, untersucht. 101 von ihnen hatten CTE. "Je höher das Niveau, auf dem man Football spielt, und je länger man spielt, desto größer das Risiko", sagt die Neuropathologin Ann McKee, eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen auf diesem Forschungsfeld. In einer Studie begutachtete sie mit Kollegen Gehirne von 85 Menschen, die immer wieder Schlägen und Stößen ausgesetzt waren. Von 35 ehemaligen Footballprofis wies nur ein Gehirn keine CTE-Spuren auf.

Der Frontallappen: Evolutionär jüngster Teil des Gehirns

Der Frontallappen: Evolutionär jüngster Teil des Gehirns

Das Heimtückischste an dieser Krankheit ist, dass Symptome oft erst Jahre oder Jahrzehnte nach dem Karriereende auftreten. Angehörige und enge Freunde erzählten den Forschern, was sie bei den Betroffenen beobachtet hatten: Lücken im Kurzzeitgedächtnis, Aggressivität, Depression, aufbrausendes Verhalten, Stimmungsschwankungen, fehlende Konzentrationsfähigkeit, Kopfschmerzen, Impulsivität, Suizidgefährdung, Sprachschwierigkeiten, Gedächtnisverlust, Apathie, Demenz, Paranoia.

Junior Seau beispielsweise spielte 20 Jahre in der NFL. Er galt als Inbegriff des Musterprofis und liebevollen Familienvaters. Doch dann entglitt ihm sein Leben, er verspielte viel Geld, entfremdete sich von seiner Familie. Er war nicht mehr er selbst. Genauso wie Webster, dessen Sohn Colin Journalisten erzählte, jemand habe seinen Vater einmal gefragt: "Sind Sie nicht Mike Webster?" Der einstige Football-Held habe geantwortet: "War ich mal." Webster war der erste dokumentierte Fall von CTE bei einem früheren Footballprofi. Er war der Hinweis darauf, dass der Sport schwere Hirnschäden verursachen kann.

Allianz der Vertuscher

Die NFL versperrte sich lange Zeit der Wahrheit: "Noch vor fünf Jahren hat die NFL bestritten, dass Gehirnerschütterungen ein ernstes medizinisches Problem sind, sie bestritt, dass Football Gehirnerschütterungen auslöst, sie bestritt einen Zusammenhang zwischen Schlägen auf den Kopf und neurologischen Leiden. Sie hat bestritten, was für alle anderen offensichtlich war", sagt der Journalist Easterbrook.

Über Jahrzehnte war die Sportwelt der Ansicht, CTE sei ein Problem des Boxens, einer Sportart, in der Schläge auf den Kopf völlig offensichtlich sind. Bei entsprechenden Symptomen wurde vom "Boxer-Syndrom" gesprochen. Aber Football? Klar, nach einem großen Hit waren Spieler verwirrt, aber was soll's, sie trugen ja Helme.

Noch vor wenigen Jahren war es selbst bei Gehirnerschütterungen eine Standardformulierung von Teamärzten, Spielern und Kommentatoren, jemand "got his bell rung", habe "seine Glocke geläutet" bekommen. Eine mehr als verharmlosende Formulierung. Dass ein Spieler wie Star-Quarterback Steve Young von den San Francisco 49ers aus Angst um seine Gesundheit 1999 seine Karriere nach der siebten Gehirnerschütterung beendete, war eine Ausnahme. Als verletzt galt man nur dann, wenn Knochen brachen oder Blut floss.

"Arrogante Männer, die sich für Götter auf Erden halten"

Die NFL ist ein Milliardenunternehmen, und das Business boomt. Hässliche Schlagzeilen über Hirnschäden stören das Geschäft. "NFL-Teambesitzer sind habgierige Bastarde, wenn es um Geld geht", sagt Easterbrook.

Mediziner wie Brian Hunt sind in der NFL und auch in der Eishockeyliga NHL deshalb nicht sehr beliebt: "Die Verantwortlichen wollen meine Warnungen nicht hören", sagt Hunt: "Sie weigern sich anzuerkennen, dass sie Profisportler beschäftigen, deren Gehirne nicht mehr richtig funktionieren." 1994 gründete die NFL auf Druck der Öffentlichkeit eine Kommission zu der Problematik, doch für Außenstehende wirkt die Arbeit des Gremiums wie der Versuch, die Argumente derjenigen zu widerlegen, die einen Zusammenhang zwischen dem Sport und Hirnschäden sehen. Wirklich ernst genommen wurde das Problem nicht.

Artikel, die die NFL-Kommission veröffentlichte, kamen zu dem Schluss, Gehirnerschütterungen seien geringfügige Verletzungen und Footballspieler nicht regelmäßig wiederholten Stößen gegen den Kopf ausgesetzt. Das stand im Widerspruch zu allem, was andere Forscher herausgefunden hatten.

Kritik an den Kritikern

Dennoch kritisierte die Liga weiter. Forscher wie McKee hätten ihrer Ansicht nach keine sicheren Antworten auf zwei entscheidende Fragen: Verursacht Football CTE? Und wie viele Spieler sind betroffen? Tatsächlich geben McKee und ihre Mitstreiter zu, dass die Autopsien bei bereits vorbelasteten Spielern vorgenommen wurde. Wenn Angehörige vermuten, der Tote könnte an CTE gelitten haben, sind sie eher bereit, das Gehirn für eine Obduktion zur Verfügung zu stellen.

Auch der Lebenswandel der Verstorbenen wurde bei den Untersuchungen außer Acht gelassen - und der beinhaltet in einem per se aggressiven Milieu nicht selten Partys, Alkohol- und Drogenkonsum, Anabolikamissbrauch.

Das spielt der Strategie der NFL in die Karten. "Die Gehirnerschütterungskrise hat die NFL unvorbereitet getroffen, weil die Liga lange Zeit dachte, sie sei zu beliebt, unangreifbar und stehe über aller Kritik", sagt Gregg Easterbrook. Die Teambesitzer seien "arrogante Männer, die sich für Götter auf Erden halten". Easterbrook sagt, es gehe der Liga nicht um Wohl und Sicherheit der Spieler: "Die Haltung der Teambesitzer in dieser Frage war immer rückwärtsgewandt, fast primitiv. Sie sehen die Spieler als Spielzeuge an, sie sagen: 'Ich zahle diesem Typen eine Million Dollar dafür, dass er einem Ball hinterherjagt. Es ist mir egal, was mit seinem Körper geschieht. Ich will nur, dass das Spiel spannend ist und das Publikum jubelt.'"

Erst 2009 und nur ein einziges Mal gab die NFL durch einen Sprecher in der "New York Times" zu, dass "Gehirnerschütterungen zu langfristigen Problemen führen können".

Vier Jahre später, Ende August 2013, einigte sich die Liga darauf, insgesamt 765 Millionen Dollar an mehr als 4500 ehemalige Spieler zu zahlen. Diese hatten die NFL verklagt, weil sie die Verbindung zwischen Football und Hirnschäden verschwiegen habe. Für die NFL war es offenbar attraktiver, mehr als eine dreiviertel Milliarde Dollar zu zahlen, als in einem Prozess die Hosen herunterlassen zu müssen. "Die Liga war klug, die Einigung mit den Ex-Profis zu unterschreiben, bevor es den Nachweis gibt, der Football jenseits aller Zweifel mit CTE verknüpft. Wenn es irgendwann juristisch einwandfreie Beweise gibt, dass Football CTE verursacht, wäre die NFL finanziell viel verwundbarer als jetzt", sagt Easterbrook.

Dass die NFL aus Kalkül und nicht aus Ignoranz handelt, belegen Unterlagen, die im Zuge der Einigung bekannt wurden. Demnach geht die Liga davon aus, dass etwa ein Drittel aller Spieler kognitive Schäden erleidet und etwa an Alzheimer erkrankt. Ex-Spieler zwischen 50 und 59 haben laut von der NFL im Zuge der Einigung eingebrachten Daten ein 14- bis 23-fach höheres Risiko als andere Personen dieser Altersgruppe, Alzheimer zu bekommen; bei den 60- bis 64-Jährigen liegt das Risiko sogar 35-mal höher.

Schon 2009 hatte eine von der NFL beauftragte Studie ergeben, dass ehemalige Spieler zwischen 30 und 49 Jahren ein 19-fach höheres Risiko haben, Alzheimer und andere vergleichbare Krankheiten zu bekommen als Männer dieser Altersgruppe insgesamt. Die Liga distanzierte sich von den Ergebnissen und kritisierte die eigens in Auftrag gegebene Erhebungsmethode, eine Telefonumfrage.

Das Geschäft mit Aggressivität

Die NFL weiß, dass das Problem in der Grundanlage dieses Spiels liegt; die Beliebtheit der Liga beruht auf dem Willen der Profis, sich dem Football vollkommen hinzugeben. "Du musst deinen Körper opfern. Du musst Jahre opfern. Wenn wir 40, 50 Jahre alt sind, werden wir wahrscheinlich nicht laufen können. Das ist das Opfer, das man bringt, um dieses Spiel zu spielen." Als Junior Seau dies sagte, stand er noch auf dem Platz. Rückblickend erscheinen seine Worte auf bittere Art prophetisch. Mit 43 Jahren beging er Suizid, wie viele andere CTE-Opfer.

Niemand wird gezwungen, in der NFL zu spielen. Ein Argument lautet: Die Profis werden gut bezahlt, die gesundheitlichen Gefahren sind nun mal Berufsrisiko. Doch Kritiker wie Easterbrook sagen, mit ihrer Einstellung zu Gewalt vermittle die Liga ein Sportlerbild, an dem sich Millionen Spieler orientieren, die nie auch nur einen Cent mit Football verdienen werden.

In den USA spielen rund 2,8 Millionen Kinder zwischen sechs und 14 Jahren, 1,1 Millionen Highschool-Schüler und etwa 50.000 Studenten Football. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz davon wird jemals eine Profikarriere haben. Und trotzdem setzen sich die jungen Spieler derselben Gefahr aus wie die Profis.

Selbst Kinder im Alter von sieben oder acht Jahren sind laut einer Studie der Unis Virginia Tech und Wake Forest bei einem Zusammenprall Fliehkräften in Höhe von bis zu 80 g ausgesetzt. 100-g-Stöße bei College-Spielern sind demnach normal und selbst Werte über 150 g keine Seltenheit - genauso wie in der NFL, in der es pro Spiel durchschnittlich zu gut hundert großen Kollisionen kommt.

Zum Vergleich: Wenn Formel-1-Piloten scharf bremsen, wirken etwa 5 g, in extremen Achterbahnen 6. Ein Video zeigt, was bei einem 20-g-Zusammenprall geschieht.

Schätzungen zufolge werden bei Highschool-Spielern in den USA jährlich knapp 70.000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Die Existenzfrage

Wenn Football so schädlich sein kann, so gewalttätig ist: Sollte der Sport dann gespielt werden? Sind es das Geschäft und die Unterhaltung der Fans wert, dass Spieler mit Mitte vierzig körperlich und geistig Wracks sind? Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn brutaler Sport so beliebt ist?

Um zu überleben, braucht Football Veränderungen. Solche, die die Regeln im Wettkampf betreffen und die Art des Trainings. Seit die Gefahren von Football nicht mehr zu leugnen sind, wurde eine Reihe von neuen Regeln erlassen, die den Sport nicht nur für Profis sicherer machen sollen.

  • In Kalifornien ist es verboten, in den Klassen 5 bis 12 während der Saison mehr als drei Stunden pro Woche mit Vollkontakt zu trainieren; nach der Saison ist gar kein Kontakt mehr erlaubt. Weitere Staaten (Alabama, Arizona, Connecticut, Illinois, Maryland, Michigan) haben ähnliche Regeln erlassen. In Texas dürfen Schüler nur 90 Minuten pro Woche Vollkontakt-Training haben.
  • Die NFL hat ein Programm gestartet, das Jugendlichen Techniken beibringen soll, um Kopfverletzungen zu minimieren.
  • In der NFL ist es seit 2013 verboten, den Gegner zuerst mit dem Helm zu treffen.
  • Seit 2011 ist es NFL-Teams in Trainingslagern nur noch erlaubt, pro Tag ein Vollkontakt-Training in Montur durchzuführen.
  • Während der Saison darf es maximal 14 solcher Trainings geben, nicht mehr als eine pro Woche und elf in den ersten elf Wochen der Saison.
  • Der Startpunkt für Kick-offs wurde von der 30- zur 35-Yard-Linie vorverlegt. Dadurch gibt es weniger Kollisionen im Vollsprint.

Easterbrook sieht den Sport trotz dieser Bemühungen in seiner Existenz bedroht: "Im Football könnte eine Atombombe hochgehen: Wenn öffentliche Highschools, wo der meiste Football gespielt wird, kein Football mehr anbieten, weil sie das Risiko nicht tragen wollen oder die Versicherung nicht zahlen können, verliert die NFL ihre Gratis-Nachwuchsliga", sagt er. Bräche die Talentsichtung an Schulen und Unis weg, verlöre die NFL ihre Basis.

Schon jetzt gibt es Anzeichen dafür: Zwischen 2010 und 2012 gingen die Teilnehmerzahlen von Pop Warner, dem größten Nachwuchs-Footballprogramm der USA, um zehn Prozent zurück - aus Angst vor Gehirnerschütterungen.

Football und die NFL können dauerhaft nur bestehen, wenn die Gehirne der Spieler besser geschützt werden, durch schärfere Regeln oder bessere Helme. Der wichtigste Schritt aber wäre, dass alle Beteiligten, Trainer, Spieler, Eltern, Klubbesitzer und Fans, sich das eingestehen. "Die Beweislast liegt bei der NFL", schreibt die "New York Times".

"Football wird immer gefährlich sein", sagt Gregg Easterbrook. Die Frage ist, ob es einen Weg gibt, mit dieser Gefahr zu spielen und trotzdem man selbst zu bleiben.

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1.
Max Super-Powers 30.01.2015
Sehr ausführlicher und kompetent geschriebener Artikel. Allerdings sollte man vielleicht noch ergänzen (so ich es denn nicht überlesen habe) dass im Football auch der Gebrauch von anabolen Steroiden sowie Testosteronpräparaten fast schon Usus ist. Dass diese die Aggressivität steigern, ist schon seit langem empirisch bewiesen.
2.
hanluni 30.01.2015
schade,dass die Fotos nur schwarze Spieler zeigen,denn dieses Phänomen wird ja auch weisse Spieler betreffen.
3. Ursache und Wirkung
jimmy cliff 30.01.2015
Dieser Sport führt nicht nur zu Hirnverletzungen, sie sind vielmehr Grundvorraussetzung für Ausübung und Interesse dafür. Diese Pussy-Version des Rugby...
4.
Vorlan 30.01.2015
Es gibt fast jährlich neue Regeln um eben die Spieler zu schützen. Sei es das bestimmte Angriffe bestraft werden (z.B. absichtliches Helm an Helm). Das es nicht komplett geht - bei einem Kontaktsport - sollte jedem klar sein. Genau so gut könnte man fordern das beim Boxen Gehirnerschütterungen doch bitte abgestellt werden sollen. Realistisch ist sowas einfach nicht. Aber das die Regelungen auch helfen beweist das Gehirnerschütterungen während der Saison weiter zurückgehen. So sind lt. der NFL gut 25% weniger in der letzten Saison vorgekommen. Betroffene Spieler werden gleich aus dem Spiel genommen und Tests unterzogen ggf. auch ärztlich behandelt. Und wieviel Personen wirklich durch den Sport aggressiver wurden ist sowieso die Frage. Der Sport wird keinen Bücherwurm mit Überbiss und schwerem Asthma ansprechen sondern Männer die auf den Sport stehen und von Grund auf vielleicht auch aggressiver eingestellt sind. Typen die Frauen verprügeln oder sonstwie kriminell werden gibt es auch abseits des Football das ist nun wirklich keine Seltenheit. Oder hat der Bürofutzi der Abends seine Frau mit einem Gürtel schlägt auch paar Order zu viel auf den Kopf bekommen? Wohl eher nicht. Er ist einfach von Anfang an ein aggressives Arschloch gewesen. Es gibt Berufe die ziehen bestimmte Menschentypen (Egoisten, Machtgeile, Aggressive, Neugierige, Kreative usw.) einfach an und das wird mit ziemlicher Sicherheit auch einer sein. Oder die Person hat es nicht anders gelernt. So wurde Adrian Peterson als Kind selbst häufig versohlt und für ihn war es vollkommen normal sein Kind auch so zu "erziehen". Da wird der Football wohl die kleinste Rolle gespielt haben.
5. Ein Spiel, das Gewalt belohnt.
olewahr 30.01.2015
Wenn es nach der aktuellen, progressiven Politik gehen würde, wäre Football wohl schon längst verboten worden. Zu männlich, zu brutal..Wo kämen wir auch hin, wenn Männer einfach machen, was ihnen Spaß macht!?
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