Box-Weltmeister Gennady Golovkin Die verkannte Kampfmaschine

Am Wochenende wird in Las Vegas der beste Boxer der Welt gesucht. Saúl Álvarez trifft auf Gennady Golovkin. Golovkin begann seine Karriere in Deutschland, galt aber als unvermarktbar - eine Fehleinschätzung.

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"Von diesem Kampf werden noch meine Kinder ihren Enkeln erzählen", sagt Oscar De La Hoya über die Mittelgewichts-Weltmeisterschaft zwischen Saúl "Canelo" Álvarez und Gennady Golovkin, die in der Nacht zu Sonntag in Las Vegas stattfinden wird. De La Hoya muss das sagen, schließlich ist er der Promoter des Events und möchte möglichst viel an der TV-Übertragung verdienen.

In den vergangenen Jahren folgten auf derartig vollmundige Ankündigungen im Box-Business meist sportliche Enttäuschungen: Floyd Mayweather jr. dominierte Manny Pacquiao im "Kampf des Jahrhunderts" nach Belieben, weil Pacquiao seinen Zenit schon überschritten hatte und zudem angeschlagen in den Ring stieg. Die beiden Duelle zwischen Sergey Kovalev und Andre Ward wurden durch Wards "Stinker"-Stil unansehnlich und Mayweathers "Milliardenkampf" gegen UFC-Champion Conor McGregor war ohnehin in erster Linie eine Show-Veranstaltung, die nur auf maximalen Profit für alle Beteiligten abzielte.

Álvarez und Golovkin haben das Zeug, die hohen Erwartungen tatsächlich zu erfüllen. Beide gelten als offensive Kampfmaschinen, die den Schlagabtausch suchen, anstatt ihm aus dem Weg zu gehen. Sie sind zwei der besten Boxer ihrer Generation in ihrer "Prime", wie die Amerikaner sagen, also auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. Deswegen wird das Duell schon im Vorfeld mit der epischen Ringschlacht zwischen "Marvelous" Marvin Hagler und "Hitman" Tommy Hearns verglichen, die als "The War" in die Boxgeschichte einging.

Schon als Amateur ein Ausnahmetalent

Nach spektakulären Champions wie damals Hagler und Hearns oder heute Álvarez und Golovkin sehnt man sich im schwächelnden deutschen Boxen, in dem Weltklassekämpfer seit dem Rücktritt Wladimir Klitschkos fehlen und auch nicht in Sicht sind. Das Bittere daran: Golovkin hat seine Profikarriere in Deutschland begonnen und lange in Stuttgart gelebt, wurde aber regelrecht verjagt.

Der Kasache war schon als Amateur ein Ausnahmetalent, wurde 2003 Weltmeister im Mittelgewicht und gewann bei den Olympischen Spielen 2004 die Silbermedaille. Von 350 Amateurkämpfen verlor er nur fünf. Kein Wunder, dass sich Promoter auf der ganzen Welt um ihn bemühten, als er Profi wurde. Den Zuschlag bekam die Hamburger Universum Box-Promotion, der zu diesem Zeitpunkt größte Boxstall Europas.

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Universum produzierte Weltmeister am Fließband und hätte sehr leicht auch Golovkin zum Champion machen können, doch die Verantwortlichen hatten andere Pläne. Felix Sturm sicherte sich im April 2007 zum dritten Mal den WM-Titel im Mittelgewicht. Als deutscher Weltmeister war er eins der Zugpferde des Hamburger Stalls und wichtig für den gut dotierten TV-Vertrag mit dem ZDF, der Universum rund 20 Millionen Euro jährlich eingebracht haben soll.

Golovkins Wunsch auf einen WM-Kampf wurde immer wieder abgelehnt

Promoter Klaus-Peter Kohl und sein Team wussten, dass Golovkin stärker war als Sturm und den Deutschen jederzeit hätte besiegen können. Doch das wäre schlecht fürs Geschäft gewesen. Deshalb wurde der Kasache aufs Abstellgleis geschoben, aber in der WBA-Weltrangliste so hoch platziert, dass gefährliche Gegner an ihm vorbeimussten, um Sturm herausfordern zu können. Golovkin wurde zum Rammbock und musste als Vorkämpfer im Rahmenprogramm mit ansehen, wie der Deutsche den WM-Titel verteidigte, der eigentlich ihm zugestanden hätte.

Dabei boxte Sturm gegen handverlesene Opfer wie den Japaner Koji Sato, den er im April 2009 durch technischen K.o. in der siebten Runde besiegte. Sato wurde als ungeschlagener und besonders gefährlicher Herausforderer vermarktet - er hatte bis dato 14 Kämpfe bestritten und allesamt gewonnen. Golovkin, der auf der Undercard den Amerikaner Anthony Greenidge in fünf Runden ausknockte, stand zu diesem Zeitpunkt schon bei 15 Siegen gegen deutlich stärkere Gegner und auf Platz drei der Weltrangliste - weit vor Sato. Trotzdem bekam er keine Chance.

Im Januar 2010 hatte der Kasache genug davon, dass sein Wunsch auf einen WM-Kampf immer wieder "aus absurden Gründen abgelehnt" wurde. "Ich vertraue Universum nicht", sagte er, verließ den Hamburger Stall und wurde kurz darauf Weltmeister.

35 Jahre, 37 Profikämpfe

Ende 2011 unterschrieb Golovkin einen Vertrag bei der Klitschko-Promotion K2 und machte sich durch spektakuläre K.-o.-Siege sowie sein sympathisches Auftreten außerhalb des Rings einen Namen in den USA. Inzwischen ist er 35 Jahre alt, hat 37 Profikämpfe bestritten, alle gewonnen, seinen WBA-WM-Titel 18 Mal verteidigt und seiner Sammlung die Gürtel nach Version der WBC und IBF hinzugefügt.

Spätestens mit dem Kampf gegen den mexikanischen Superstar "Canelo" Álvarez ist Golovkin ganz oben angekommen. Der Sieger übernimmt die Spitze der inoffiziellen Pound-for-Pound-Rangliste und wird Nachfolger des mittlerweile zurückgetretenen Mayweather als bester Boxer der Welt über alle Gewichtsklassen hinweg. Eine Börse im zweistelligen Millionenbereich gibt es sowieso.

Und Universum Box-Promotion? Verlor kurz nach Golovkin auch Sturm sowie den TV-Vertrag mit dem ZDF. 2013 musste der Stall Insolvenz anmelden.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".

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insgesamt 3 Beiträge
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sven2016 16.09.2017
1.
Schlecht, dass es im Boxsport so unsportlich zugeht, wenn der Gewinn dem Aufstieg eines Boxers entgegensteht. Nach dem Bericht sollte man wohl auf Golovkin setzen und gut Geld gewinnen.
andreasm.bn 16.09.2017
2. sehr schöner Artikel!
Daran sieht man, dass es im Boxen zuerst um's Geld, dann um's Geld und ganz hinten dran irgendwann mal um Sport geht. Zum Glück ist diese Ära mit Dutzenden verschobenen Kämpfen in D wohl auf lange Zeit vorbei.
asdf01 16.09.2017
3.
Selbst wenn Universum auf Golowkin gesetzt hätte, wäre er über kurz oder lang in den USA gelandet, weil er dann einfach zu groß für den deutschen Markt geworden wäre und die großen Kämpfe in diesen Gewichtsklassen dort stattfinden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich Golowkin mit so einer Luschen-Gegnerschaft wie Sturm zufrieden gegeben hätte, nur um an einem Papiertitel zu kleben. Es war auf jeden Fall gut und richtig, dass er den Schritt rüber gemacht hat.
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