Geplatzte Träume "Olympia eine halbe Nummer zu groß"

Sie hatten gefeiert, gekämpft, gehofft und gebangt - und alles verloren. Leipzig ist raus aus dem Rennen um die Olympischen Spiele. In der Vorauswahl für 2012 schätzte das IOC den deutschen Bewerber im Vergleich zu den Metropolen Paris, Madrid, London, New York und Moskau nur gering ein. Die Enttäuschung der Sachsen ist riesengroß.




Enttäuschte Hoffnungen: Olympia 2012 wird nicht in Leipzig stattfinden
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Enttäuschte Hoffnungen: Olympia 2012 wird nicht in Leipzig stattfinden

Lausanne/Leipzig - In Leipzig und Rostock, wo die Segelwettbewerbe ausgetragen werden sollten, verwandelte sich der grenzenlose Optimismus in Sekundenschnelle in maßlose Enttäuschung. Bei der als Siegesfeier geplanten Open-Air-Party in Leipzig stimmten Tausende ein gellendes Pfeifkonzert an. Dennoch ließen die Sachsen 5000 Luftballons als Gruß an die Siegerstädte in den Himmel.

"Wir sind stolze und selbstbewusste Menschen, aber wir können noch nicht alles aufweisen, was andere schon haben", tröstete Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sich und die Menschenmenge. Rostocks Verwaltungschef Arno Pöker hielt es ähnlich: "Das Schiff ist nicht leck geschlagen oder gar gesunken." Beide sind sich einig, dass ihre Städte die Chance genutzt hätten, international für sich zu werben. "Man hat Leipzig bescheinigt, dass Olympische Spiele zum gegenwärtigen Zeitpunkt vielleicht eine halbe Nummer zu groß sind", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

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Olympia-Vorentscheid: Trauer in Leipzig

Außer dem deutschen Kandidaten sortierte das IOC-Exekutivkomitee Rio de Janeiro, Istanbul und Havanna aus. In der Endrunde gilt der zweimalige Olympia-Ausrichter Paris (1904 und 1924) mit seiner technisch hochklassigen Bewerbung als Favorit. Paris erhielt gemeinsam mit Madrid die beste Gesamtnote (je 8,5) bei zehn einzelnen Bewertungskriterien. Leipzig lag als Sechster mit 5,5 unter der Trennungslinie von 6, die das IOC als Befähigungsnote festgelegt hatte. "Das Exekutivkomitee hat erkannt, dass Leipzig in dieser Phase nicht in der Lage ist, exzellente Spiele durchzuführen. Das Potenzial ist da, aber für 2012 ist es offenbar nicht genug", erklärte IOC-Präsident Jacques Rogge.

Durchgefallen: Leipzigs Olympia-Bewerbung am Boden
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Durchgefallen: Leipzigs Olympia-Bewerbung am Boden

Durch Leipzigs frühzeitiges Scheitern erlebten die deutschen Olympia-Ambitionen ihre zweite herbe Enttäuschung innerhalb von elf Jahren. 1993 hatte das gerade wiedervereinigte Berlin in der Endwahl für die Spiele 2000 gerade einmal 9 von 89 Stimmen erhalten und lag damit weit abgeschlagen hinter Sydney, Peking und Manchester. Wird ein Kandidat aus Europa von der IOC-Vollversammlung zum Ausrichter der Spiele nach Athen in diesem Jahr und Peking im Jahr 2008 gekürt, ergibt sich für eine weitere deutsche Bewerbung erst für 2024 eine realistische Chance, weil 2016 wohl Nordamerika und 2020 die Dritte Welt an der Reihe wären. Präsident Klaus Steinbach kündigte an, dass das NOK frühestens im November 2005 eine Grundsatzentscheidung über eine weitere Bewerbung treffen werde. Bei einem positiven Votum würde die Bewerbungsliste für alle interessierten Städte neu geöffnet.

Leipzigs große Schwächen

Als IOC-Präsident Jacques Rogge im Lausanner Kongresszentrum Palais de Beaulieu um 13.31 Uhr das Ergebnis der Ausscheidungsrunde verkündete, waren Leipzigs Chancen zuvor in der in Abgeschlossenheit tagenden Exekutive an den entscheidenden Kriterien allgemeine Infrastruktur und Beherbergung zerbrochen. Der technische Bericht der IOC-Expertenkommission hob jene beiden Bereiche als Schwachpunkte hervor, die in der Bewertung der Themengruppen mit dem Faktor fünf die höchste Gewichtung hatten. Dieses Manko konnte Leipzig mit seinem Athleten-freundlichen Kompaktmodell im Herzen der Stadt nicht wettmachen. Mit 500.000 Einwohnern ist Leipzig nach den Worten Rogges "zu klein".

Trauriger Abgang: Olympia 2012 wird nicht in Leipzig stattfinden
REUTERS

Trauriger Abgang: Olympia 2012 wird nicht in Leipzig stattfinden

Bundesinnenminister Otto Schily und Leipzigs Oberbürgermeister Tiefensee hatten vergeblich darauf gehofft, Rogge würde in seiner Politik der Begrenzung von Olympischen Spielen dem Leipziger Modell der Bescheidenheit und Überschaubarkeit eine zu den Metropolen alternative Chance eröffnen.

Doch die elf stimmberechtigten Mitglieder der Exekutive hielten sich mit ihrer einstimmigen Entscheidung bei der Auswahl der ersten vier Städte streng an den Expertenbericht. Er sah in dem "brutal harten" Konkurrenzkampf (IOC-Vize Bach) Paris, Madrid, London und New York deutlich vor den von Moskau angeführten Mitbewerbern. So entsprang die 4-plus-1-Lösung mit der Hinzunahme von Moskau wohl auch politischem Kalkül und nahm Rücksicht auf Russlands Präsidenten Wladimir Putin, der sich hinter den Kulissen für seine Hauptstadt eingesetzt hatte und dem ein Scheitern auch in der Konkurrenz mit New York wohl nicht zugemutet werden sollte. Als Drohung an Moskau und Aufforderung zur Nachbesserung darf die Ankündigung von Rogge verstanden werden, im Mai 2005 die Zahl der Bewerber möglicherweise noch zu verringern.



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