Sprint-Silber für Lückenkemper Gina Darling

100-Meter-Läuferin Gina Lückenkemper sorgt bei der Leichtathletik-EM für den ersten Höhepunkt aus deutscher Sicht. Ihr Silber ist dabei mehr als eine Medaille. Die Sprinterin ist auf einer Mission.

Berlino und Gina Lückenkemper
Getty Images

Berlino und Gina Lückenkemper

Von , Berlin


Gina Lückenkemper mag noch so schnell laufen, Berlino kann sie nicht entkommen. Das Maskottchen im Olympiastadion ist zwar seit der WM 2009 etwas in die Jahre gekommen, aber Lückenkemper schließt er nach ihrem famosen 100-Meter-Lauf dann doch umgehend in die Arme. Eigentlich hätte Berlino sich um die Europameisterin Dina Asher-Smith aus Großbritannien kümmern sollen, aber er kuschelte dann doch lieber mit der Silbermedaillengewinnerin Lückenkemper.

Seit seinem Rendezvous mit Usain Bolt auf der Laufbahn bei der WM vor fast zehn Jahren hat das Maskottchen einen untrüglichen Instinkt für die Siegertypen der Leichtathletik entwickelt - und Lückenkemper ist so ein Siegertyp.

Silbermedaille über 100 Meter, zweimal an einem Tag unter elf Sekunden gelaufen, 10,98 Sekunden sowohl im Halbfinale als auch im Endlauf - so konstant, so schnell war als deutsche Sprinterin zuletzt Katrin Krabbe, Anfang der Neunzigerjahre. Und darüber, wie Krabbes Zeiten zustande gekommen sind, redet man beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) heute nicht mehr so gerne. Stichwort: Clenbuterol.

"Das neue Gesicht der Leichtathletik"

Tatsächlich ist Lückenkemper eine Art Anti-Krabbe. Krabbe war vor allem cool, Lückenkemper ist eine Strahlefrau. Wenn der Begriff Everybody's Darling nicht längst bekannt wäre, wäre er für sie erfunden worden. Die 21-Jährige wird ein "Geschenk für die Leichtathletik" genannt, die Anderen nennen sie "das neue Gesicht der Leichtathletik". Sie hat jetzt schon viel mehr zu tun, als nur die 100 Meter zu laufen. Man hat manchmal das Gefühl, sie muss eine ganze Sportart retten.

Am Dienstagabend im Olympiastadion machte sie das schon mal ganz gut. "Ich habe jede Sekunde genossen", sagte sie anschließend, halb in Tränen aufgelöst, halb alles in Grund und Boden lächelnd: "Die Tränen kommen wegen dieser ganzen herrlichen Atmosphäre." Schon nach dem Halbfinale hatte sie angekündigt: "Heute Abend wird Berlin gerockt." Das setzte sie im Endlauf um.

Möglicherweise wäre sogar noch mehr drin gewesen, aber auch im Finale kam Lückenkemper wieder spät aus den Blöcken. Ihre Reaktionszeit nach dem Startschuss, das ist noch ihr Defizit. Sie hat mit allen Mitteln daran gearbeitet. Aber auch in Berlin war die Konkurrenz bereits auf den ersten Metern enteilt, Lückenkemper muss stets die Lücke zulaufen, gegen die großrahmigere und elegantere Titelverteidigerin Dafne Schippers aus den Niederlanden gelang ihr das noch, Asher-Smith jedoch war schon zu weit weg, für die Britin standen am Ende imposante 10,85 Sekunden auf der Uhr.

Sie betreibt Werbung für ihre Sportart

Lückenkemper hier, Lückenkemper da, die Sprinterin war schon seit der EM-Vorbereitung allgegenwärtig, sie "hat einen medialen Marathon absolviert", kommentierte das ZDF. Tatsächlich ist sich die Sprinterin bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit mit ihrer Art extrem gut ankommt. Reden kann sie einfach. Und sie nutzt das, um bei jeder Gelegenheit Werbung für die Leichtathletik zu machen. Es ist eine Mission, auf der sie sich befindet.

Als DLV-Präsident Jürgen Kessing in der Vorwoche gefragt wurde, wer denn Nachfolger des Leichtathletik-Botschafters Robert Harting, der am Mittwoch seinen EM-Abschied feiert, werden könnte, deutete er wortlos auf die neben ihm sitzende Lückenkemper. Als das Resultat nach dem Rennen am Dienstag auf der Anzeigetafel aufleuchtete, gab es für die Tränen kein Halten mehr. Der gesamte Druck aus den Vorwochen, er entlud sich in diesem Moment.

Gina Lückenkemper kommt aus dem Kreis Soest, das ist normalerweise schwere westfälische Bauern-Scholle, eigentlich kein Nährboden für Kodderschnauzen. Das ist wohl auch der Grund, warum sie in den Medien allzu gerne und allzu falsch zum Ruhrgebietskind ernannt wird. Vermutlich auch, weil sie noch öfter und ausdauernder "geil" sagt, variiert als "megageil" oder "saugeil", als der Ruhrpott-Kommissar Schimanski einst "Scheiße".

Lückenkempers Silberlauf war auch deshalb so wichtig, weil er die ansonsten eher nüchterne Bilanz des DLV vom ersten Wettkampftag erhellte. Auf der 10.000-Meter-Strecke war Mitfavorit Richard Ringer entnervt nach der Hälfte der Distanz ausgestiegen, die Diskus-Riesen Christoph Harting und Daniel Jasinski waren in der Qualifikation zu Liliputanern geschrumpft, und auch das avisierte Ziel von Kugelstoßer David Storl, zum vierten mal nacheinander Europameister zu werden, war verfehlt worden. Storl rettete Bronze, immerhin. Lückenkempers Lauf überstrahlte all das. Überstrahlen, das ist eine ihrer Kernkompetenzen.

Zwei EM-Medaillen, das war im Vorfeld das klar ausgesprochene selbstbewusst formulierte Ziel der Sprinterin. Zum Abschluss der EM soll in der Staffel am Sonntag die zweite Medaille folgen. "Dann werden wieder Tränen fließen, aber das ist mir ganz egal", sagt Lückenkemper. Noch eine Medaille, noch eine Party, noch ein Tänzchen mit Berlino. Das wäre aus ihrer Sicht natürlich saugeil.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gerdd 08.08.2018
1. Was immer die zum Frühstück hat ...
Das will ich auch haben!
biglewbowski 08.08.2018
2. Sie haben
Liliputaner gesagt! Lol! Danke für ein Wort, was wir immer früher gesagt haben und in unserer heutigen Zeit reicht, um bei Erdogan eingebuchtet zu werden.
diderot_2013 08.08.2018
3.
"Seit seinem Rendezvous mit Usain Bolt auf der Laufbahn bei der WM vor fast zehn Jahren hat das Maskottchen einen untrüglichen Instinkt für die Siegertypen der Leichtathletik entwickelt - und Lückenkemper ist so ein Siegertyp." Warum hat sie dann nicht gesiegt? Ich halte es für peinlich, dass dieses Maskottchen nicht die Europameisterin beglückwünscht, sondern die Zweite. Offenbar nur deswegen, weil die Zweite Deutsche ist. Damit zeigt sich Deutschland vor der Weltpresse als schlechter Gastgeber.
kopi4 08.08.2018
4.
Ob sie die von Harting hinterlassene Lücke schließt ist doch eher zweifelhaft.Platz zwei in Europa ist ein Erfolg für Lückenkemper. Aber eben auch nur Platz zwei in Europa. Bei Weltmeisterschaften und Olympia tritt sie gegen die Konkurrenz aus Amerika und der Karibik an, da ist dann schön das Erreichen des Endlaufs utopisch. Und,wie ein Flummi auf Speed,nach dem Aus im Halbfinale eine Ehrenrunde einzulegen käme nicht so gut an, Harting hat seine Trikots jedenfalls nicht zerrissen weil er ins Finale der besten 12 eingezogen war.
Le Commissaire 08.08.2018
5.
Zitat von diderot_2013"Seit seinem Rendezvous mit Usain Bolt auf der Laufbahn bei der WM vor fast zehn Jahren hat das Maskottchen einen untrüglichen Instinkt für die Siegertypen der Leichtathletik entwickelt - und Lückenkemper ist so ein Siegertyp." Warum hat sie dann nicht gesiegt? Ich halte es für peinlich, dass dieses Maskottchen nicht die Europameisterin beglückwünscht, sondern die Zweite. Offenbar nur deswegen, weil die Zweite Deutsche ist. Damit zeigt sich Deutschland vor der Weltpresse als schlechter Gastgeber.
Das Maskottchen hat auch die Siegerin beglückwünscht, konnte man sogar im TV sehen. Es ist alles in Ordnung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.