Israels neue Radsport-Ambitionen Im Windschatten des Giro d'Italia

Der Milliardär Sylvan Adams hat ein Ziel: Israel soll Radsportnation werden. Deshalb hat er den Giro d'Italia nach Jerusalem geholt. Die tiefen Konflikte des Landes beeinflussen das Rennen trotzdem.

Giro d'Italia 2018, Training in Jerusalem
AFP

Giro d'Italia 2018, Training in Jerusalem

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9,7 Kilometer lang, ein leicht welliges Terrain, wenige enge Kurven. Nichts also, was die 176 Teilnehmer der 101. Auflage des Giro d'Italia nicht in ähnlicher Form bereits bewältigt hätten. Und trotzdem wird dieses Einzelzeitfahren, mit dem am Freitag die erste große Landesrundfahrt des Radsportkalenders beginnt, etwas Besonderes sein: Es führt durch Jerusalem.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Kampf um das berühmte "Maglia Rosa", das Trikot des Giro-Gesamtführenden, außerhalb der Landesgrenzen Italiens startet. Im Jahr 1965 begann das Etappenrennen in San Marino, elf weitere Starts im Ausland folgten, zuletzt sogar im Zweijahresrhythmus. 2016 führte der Prolog durch Apeldoorn, dreimal waren die Niederlande bereits Ausgangspunkt des Giros. Nun verlässt die Rundfahrt erstmals den europäischen Kontinent. Dem Kampf gegen die Uhr in der Heiligen Stadt folgen zwei weitere Etappen in Israel, bevor der Giro-Tross schließlich am Montag nach Sizilien reist.

Wer oder was steckt dahinter?

Anders als die Niederlande ist Israel keine Radsportnation. Israel fiel bislang nicht einmal als große Sportnation auf. Der Fußball ist eine große Sache. Die Basketballer von Maccabi Tel Aviv sind legendär, seit sie in den Siebzigerjahren erstmals den Europapokal gewannen. Aber sonst? Bei Olympischen Spielen gewannen israelische Sportler insgesamt nur neun Medaillen, acht davon im Judo und im Segeln. Nun also der Versuch, den Radsport zu etablieren.

Es gibt mittlerweile immerhin ein Profiteam, die "Israel Cycling Academy", gegründet im Jahr 2014. Von den 24 Teammitgliedern sind fünf Israelis. Die treibende Kraft hinter dem Projekt: Sylvan Adams. Er hat auch den Giro d'Italia nach Israel geholt. Adams, 59, aufgewachsen in Kanada als Sohn eines rumänischen Holocaustüberlebenden, ist Milliardär. Sein Geld hat er mit Immobiliengeschäften gemacht. Erst vor zwei Jahren zog er aus Montreal nach Tel Aviv.

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Dort hat der mehrfache kanadische Senioren-Radmeister den Ausbau der Radwege mitfinanziert. Sein Ziel: "Tel Aviv soll das Amsterdam des Nahen Ostens werden", so sagte er es vor zwei Jahren dem Portal "The Canadian Jewish News". Mit seinem Profiteam will er nun auch im Spitzensport Erfolge feiern.

Als Vorbild dient ihm der britische Radsport, der nach dem Bau des National Cycling Centres in Manchester in den vergangenen zwei Jahrzehnten in die Weltspitze vordrang. Am Dienstag kündigte Adams an, die Entstehung eines neuen Velodroms in Tel Aviv zu unterstützen, dem ersten überhaupt im Nahen Osten. Ein Etappensieg, bevorzugt natürlich in Israel, das ist der Wunsch von Adams. Mehr geht es ihm aber darum, die israelische Jugend für den Radsport zu begeistern.

Angeführt wird das israelische Giro-Team bei seiner ersten Teilnahme an einer der großen Rundfahrten von einem Tour-Veteranen: dem mittlerweile 38-jährigen Spanier Rubén Plaza, der in seiner Karriere immerhin schon Etappen bei Vuelta und Tour de France gewinnen konnte und die große Frankreich-Schleife 2010 auf Rang elf beendete.

Von Plazas Erfahrung sollen auch die beiden jungen Israelis Guy Sagiv und Guy Niv profitieren. Ihre Teilnahme sei jedoch mehr als nur eine Marketingmaßnahme: "Wir starten in Israel, aber enden in Italien", sagt Teamchef Kjell Carlström. Nur Fahrer, die die drei Wochen komplett durchstehen könnten, habe man gemeldet.

Auf das Zeitfahrrennen in Jerusalem folgt ein 167 Kilometer langer Tagesabschnitt. Die 176 Fahrer der 22 Teams starten in der Hafenstadt Haifa im Norden Israels, fahren nach einer Schleife über die historischen Städte Akko und Caesarea bis nach Tel Aviv. Die Ziellinie: auf dem Rothschild-Boulevard, der Flaniermeile in Herzen der Mittelmeermetropole.

Giro 2018, Streckenverlauf
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Giro 2018, Streckenverlauf

Am Sonntag geht die Fahrt schließlich von der Wüstenstadt Be'er Scheva durch die Negev-Wüste und vorbei am Kibbuz Sede Boker, wo Staatsgründer David Ben-Gurion begraben ist, bis nach Eilat. Dort, am Golf von Akaba, endet nach 229 Kilometern die dritte und letzte israelische Etappe des Giro d'Italia.

Natürlich ist es auch eine Werbeveranstaltung für das Land. Sorgfältig wurde die Prominenz ausgewählt, die zugegen sein darf: Lance Armstrong wollte kommen, wurde aber von den Veranstaltern wieder ausgeladen. In Ungnade gefallene Radsportler: nein - den Sonderfall Christopher Froome einmal ausgeklammert. Israelische Supermodels: ja.

Das Radsport-Event in Israel soll nach Medienangaben umgerechnet rund 34 Millionen Dollar kosten, 6000 Polizisten werden die Streckenabschnitte bewachen. Es ist eine der teuersten Sportveranstaltungen in der Geschichte Israels. Nicht nur finanziell und logistisch war es eine Herausforderung - drei Tage Giro in Israel haben natürlich auch eine politische Dimension.

Der Streit um "West-Jerusalem"

Das Radrennen solle "eine Botschaft des Friedens, der Koexistenz und der Macht des Sports" werden, erklärten die Veranstalter vergangenen September in Jerusalem. Stattdessen gab es unmittelbar nach der Vorstellung der Route die erste Auseinandersetzung. Der Grund: In der offiziellen Ankündigung war die Startetappe in "West-Jerusalem" verortet worden.

Die rechtsgerichtete Regierung von Premier Benjamin Netanyahu empörte sich, drohte sogar mit der Streichung von Fördergeldern. "In Jerusalem, der Hauptstadt Israels, gibt es kein Ost und West", hatten Israels Tourismusminister Jariv Levin und Sportministerin Miri Regev in einer gemeinsamen Stellungnahme mitgeteilt: "Es gibt nur ein unteilbares Jerusalem."

Die Giro-Veranstalter gaben nach und sprechen seither ausschließlich von Jerusalem. Das wiederum blieb nicht unbeantwortet, diesmal kam die Kritik von Pro-Palästina-Aktivisten. Sie monieren, dass die Stadt nicht die Hauptstadt Israels sei, und pochen auf die Unterscheidung zwischen dem israelisch geprägten Westteil der Stadt und dem palästinensisch dominierten Ostteil, den Israel 1967 im Sechstagekrieg eroberte. Es ist nur eine der vielen Konfliktlinien, die das Land durchziehen - und nun zwangsläufig eben auch den Giro.

Israelischer Sport und Antisemitismus

Beim Giro d'Italia treten dieses Jahr zwei arabische Teams an, allerdings ohne arabische Fahrer: das "UAE Team Emirates" und "Bahrain-Merida". Unproblematisch, erklärten zumindest beide Teams. Für viele israelische Sportler ist es hingegen oft unmöglich in arabischen Ländern an Wettkämpfen teilzunehmen. Exemplarisch:

  • Erst Anfang April wurde vier Nachwuchs-Taekwondo-Kämpfern die Einreise nach Tunesien verwehrt, wo die Juniorenweltmeisterschaften stattfanden.
  • Ende 2017 durften Israelis nicht bei der Schnellschach-WM in Saudi-Arabien teilnehmen.
  • Im Oktober 2017 verweigerten die Veranstalter des Judo-Grand-Slam in Abu Dhabi das Spielen der israelischen Nationalhymne, nachdem Tal Flicker in der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm gewonnen hatte
  • Und bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 verweigerte der ägyptische Judoka Islam El Shehaby nach seinem Kampf gegen Or Sasson den obligatorischen Handschlag.

Das Publikum reagierte damals mit Buhrufen. Ernsthafte Folgen hatte dieses Verhalten für den ägyptischen Judoverband allerdings nicht. Auch die anderen arabischen Länder, die regelmäßig israelischen Sportlern die Einreise verweigern oder sich grob unsportlich verhalten, erhalten dafür regelmäßig keine Strafen.

Vielleicht ein weiterer Ansporn für die Israelis, sich ab sofort die Großereignisse ins eigene Land zu holen.

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