Giro-Auftakt in Israel "Super, dass ihr hier seid"

Der Giro d'Italia ist das erste bedeutende Weltsportereignis in Israel. Der Start in Jerusalem sollte nicht weniger als ein Zeichen des Friedens und der Koexistenz in der geteilten Stadt sein. Kann das funktionieren?

AFP

Aus Jerusalem berichtet


In der arabischen Siedlung Ras al-Amud, auf einem Berg gleich gegenüber dem Tempelberg in Jerusalem, ging am vergangenen Freitag das Leben weiter wie gewohnt. Ein Ausflug hinunter in den Westen Jerusalems schien kaum jemanden zu interessieren. "Ich muss meinen Stand hier offen halten", sagte ein Gemüsehändler. Auch die auf der Straße untätig wartenden Jugendlichen wirkten wenig inspiriert, zum Auftakt des 101. Giro d'Italia zu kommen, der mit dem Start in Israel erstmals den europäischen Kontinent verlässt.

So war es vor allem die Bevölkerung des zu Israel gehörenden Teils der Stadt, die die Strecken säumte. Besonders viele von ihnen waren im Start- und Zielbereich. Köpfe, die mit einer Kippa bedeckt waren, gesellten sich zu Köpfen unter Rennfahrerhelmen. Zahlreiche Zuschauer waren sogar selbst mit Rennrädern gekommen und feuerten die Profis an, die in dem schmalen Gang zwischen den Gittern die Straßen an diesem schwülheißen Tag entlangdonnerten. Mit dem Auftakt in der Heiligen Stadt und zwei weiteren Etappen im Land ist es das größte Sportereignis, das je in Israel stattgefunden hat.

"Das ist ein Schritt hin zu einer Normalität"

Maximilian Schachmann schwärmte von der freundlichen Begrüßung. "Die Leute hupen so positiv wie eine Hymne", sagte der deutsche Profi aus der Quick-Step-Mannschaft nach dem Einzelzeitfahren, das der Niederländer Tom Dumoulin für sich entschied: "Die fahren langsam nebenbei, machen Fotos, lassen das Fenster runter, sagen: Oh, super, dass ihr hier seid. Die sind alle begeistert."

Auch Willi Bruckbauer, Mitgründer des deutschen Teams Bora hansgrohe, lobt den Giro-Auftakt in Israel. Nicht nur wegen der Atmosphäre, sondern weil er auch etwas bewegen kann auf umkämpftem Gelände: "Einer unserer Importeure hier hat mir gesagt, dass er es anfangs nicht für möglich gehalten hätte, dass arabische Teams wie Bahrain Merida und UAE von ihren Geldgebern überhaupt nach Israel gelassen werden. Aber jetzt sind sie da. Und das ist ein Schritt hin zu einer Normalität."

"Das Rennen verletzt die Rechte der palästinensischen Bevölkerung"

Abdullah Sharawi, Vorsitzender des palästinensischen Radsportverbands, sagte dem SPIEGEL in einem Telefonat, er hätte dem Weltradsportverband UCI eine Beschwerde über den Giro-Start in Israel übermittelt. "Wir wollen nicht das Rennen boykottieren, auch niemanden, der daran teilnimmt. Aber das Rennen verletzt die Rechte der palästinensischen Bevölkerung. Jerusalem wird gegen jede internationale Rechtsprechung als vereinte Stadt gesehen. Und Sponsoren des Giro unterhalten Geschäftstätigkeiten in den illegalen Siedlungen. Auch das ist gegen internationales Recht", erklärte Sharawi. Eine Antwort von der UCI habe er noch nicht erhalten. Der Weltverband selbst äußerte sich auf Anfrage des SPIEGEL nicht. Die Initiative, die sich um den Hashtag #RelocateTheRace versammelt, wirft den Giro-Organisatoren vor, mit ihrem Rennen die Besatzungsaktivitäten Israels zu legitimieren.

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Giro d'Italia: Bunter Auftakt in der Heiligen Stadt

So steckt der Beobachter in einem Dilemma. Er kann die Normalität des Rennens hervorheben, die vielen ausgelassenen Fans, die Feierstimmung. Er kann erzählen, was anders war als sonst bei den großen Rundfahrten, dass hier keine großen Teambusse standen, dass wegen des Sabbats am Freitag die Siegerpressekonferenz bis maximal 18.35 Uhr gehen durfte - und danach das Giro-Hauptquartier in Gebetsräume umfunktioniert wurde. Aber all dies erzählt die politischen Konflikte nicht mit.

Auch sportliche Feindseligkeit gegen Israels Athleten haben eine lange Tradition. Daran wird der Prolog des Giro wohl nichts ändern. Wenn aber Männer in bunten Trikots auf Rennmaschinen durch eine Region sausen, die sonst vor allem als Krisenregion in den Nachrichten erscheint. Wenn Mannschaften arabischer Geldgeber an der Veranstaltung teilnehmen - und nicht die Serie der Boykotts im Sport und der Bestrafung arabischer Sportler fortsetzen, die mit israelischen Athleten in einem Wettkampf standen, dann ist der Start des Giro d'Italia in Jerusalem vielleicht der Anfang einer schönen Geschichte.

mit Material der dpa



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