Giro d'Italia Britische Wachablösung

Fünf Jahre lang dominierte Christopher Froome den Radsport. Beim Giro droht er nun von einem anderen Briten entthront zu werden: Simon Yates. Doch auf den 25-Jährigen wartet noch eine schwere Prüfung.

AFP

Von Eike Hagen Hoppmann


Es ging schon schlecht los. Der 101. Giro d'Italia hatte noch gar nicht begonnen, da lag Christopher Froome bereits das erste Mal auf der Straße. Bei einem kurzen Training vor dem Auftaktzeitfahren stürzte er in Jerusalem auf den Asphalt. Nicht schwer zwar, aber er zog sich mehrere Abschürfungen zu. "Seit dem Sturz habe ich mich niemals so gefühlt wie gewohnt", sagte Froome. Und es wurde nicht besser für den Briten.

Der 32-Jährige ist aktuell nur noch eine schlechte Kopie vergangener Erfolgstage. Nach zwei Wochen und 13 Etappen liegt Froome in der Gesamtwertung mit 3:20 Minuten Rückstand nur auf Rang zwölf. Und doch ist es gut möglich, dass den Giro am Ende ein Brite gewinnen wird: Der 25-jährige Simon Yates vom Team Mitchelton-Scott ist die Überraschung der diesjährigen Italien-Rundfahrt und könnte bei seiner ersten Teilnahme direkt gewinnen.

Yates führt in der Gesamtwertung mit 47 Sekunden Vorsprung auf Vorjahressieger Tom Dumoulin (Sunweb). Thibaut Pinot hat als Dritter bereits 1:04 Minuten Rückstand. Am Nachmittag kommt es zum nächsten Showdown der Klassementfahrer. 186 Kilometer sind am Samstag zu absolvieren - und am Ende wartet der Monte Zoncolan: zehn Kilometer lang, durchschnittlich zwölf Prozent steil mit maximal 22 Prozent steilen Rampen. Damit ist der Anstieg einer der härtesten in ganz Europa.

Froome steht unter Druck

Froome wird am Samstag attackieren müssen, wenn er noch einmal vorne angreifen möchte. Denn das war sein Plan. Froome hat den Radsport in den vergangenen fünf Jahren dominiert. Er gewann viermal die Tour de France und einmal die Vuelta a Espana. Nur der Giro fehlt in seiner Sammlung der großen Rundfahrten noch. Das wollte er in diesem Jahr ändern und als erst siebter Fahrer der Radsport-Geschichte alle drei Grand Tours einmal gewinnen.

Tatsächlich waren die Chancen in diesem Jahr besonders gut: Viele Konkurrenten sind gar nicht dabei und sein Team Sky hat wieder die mit Abstand stärksten Helfer am Start. Auch die historische Chance auf das Double aus Giro und Tour schien durch den wegen der Fußball-WM späteren Start der Tour de France in diesem Jahr möglich. Doch schon jetzt geht es für Froome nur noch um Schadensbegrenzung, auch wenn er noch Hoffnung verbreitet: "Ich weiß, es wird schwer. Aber im Radsport sind schon viel wildere Sachen geschehen."

Der größte Profiteur von Froomes Schwäche ist Yates. Doch es wäre falsch, seinen Erfolg nur auf die Probleme von Froome zurückzuführen. Yates fährt offensiv, nutzt jede Gelegenheit für eine Attacke und war in den Bergen bislang der beste Fahrer. Dabei hat er in seiner Karriere noch keine Grand Tour gewonnen. Ein sechster Platz bei der Vuelta 2016 und Platz sieben bei der Tour de France im vergangenen Jahr waren bislang die besten Ergebnisse. Nun könnte Yates seine erste große Rundfahrt gewinnen.

Übersteht Yates das Zeitfahren?

Die wohl größte Hürde wartet am Dienstag auf ihn. Dann steht ein 34,2 Kilometer langes Zeitfahren auf dem Programm, das nicht zu den Stärken von Yates gehört. Verfolger Dumoulin ist dagegen der weltbeste Zeitfahrer. Die 47 Sekunden Vorsprung auf den Niederländer sind deshalb noch zu wenig für Yates, das weiß er selbst. "Ich habe Angst vor diesem Zeitfahren", sagt er: "Ich muss vorher noch Zeit herausfahren." In den vergangenen Tagen fuhr er deshalb sogar bei Zwischensprints mit, um ein paar Sekunden Zeitgutschrift zu bekommen. Auch von Yates ist deshalb am Monte Zoncolan eine Attacke zu erwarten.

Ob Yates den Giro am Ende tatsächlich gewinnen kann, wird neben dem Zeitfahren von Esteban Chaves abhängen. Der Kolumbianer ist sein Teamkollege und war vor der Rundfahrt die zweite große Hoffnung von Mitchelton-Scott auf eine gute Platzierung in der Gesamtwertung. Nach der neunten Etappe lagen Yates und Chaves auf den Plätzen eins und zwei - für das australische Team hätte es nicht besser laufen können.

Dann fiel Chaves auf dem zehnten Abschnitt bereits zu Beginn zurück und kam mit mehr als 25 Minuten Rückstand auf die Favoriten ins Ziel. Die Gesamtwertung ist für ihn damit abgehakt. Wenn Chaves in der dritten Woche wieder zur Form der ersten Tage findet, könnte er ein wertvoller Helfer für Yates sein. Kann Chaves nicht mithalten, wäre Yates weitestgehend auf sich allein gestellt.

Und die Strecke hat es in sich: Drei schwere Bergankünfte warten nach dem Zeitfahren noch auf die Fahrer. Für Yates ist das Chance und Gefahr zugleich: Ein einziger schlechter Tag würde reichen, um in der Gesamtwertung nach hinten durchgereicht zu werden. Andererseits hätte er noch drei Chancen, einen Rückstand aus dem Zeitfahren auf Dumoulin wieder aufzuholen. Vorausgesetzt es passieren keine Stürze - es kann ja sogar im Training passieren.



insgesamt 10 Beiträge
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RolandBerger 19.05.2018
1. Froome
tut gut daran, nicht reinzuhalten. Nur so bekommen er und die UCI die Diskussion um eine eventuelle Sperre aus der Öffentlichkeit. Der wird sich bei der Tour schadlos halten und alle werden sagen " Schaut her, er ist sauber, den Giro hat er ja nicht gepackt. "
rjb26 19.05.2018
2. ist schon bekannt
womit der dopt?
Seifert 19.05.2018
3.
Da sieht es die Welt, wieder einmal: ohne die vielgepriesenen "Nahrungsergaenzungsmittel" geht nix,nicht mal bei Froome. Mal drauf achten,ob noch ein Prominenter so weit zurück fällt oder liegt.
tommycologne 19.05.2018
4. Ohne Salbutamol geht's nicht...
Jeder der ein bisschen Ahnung hat weiss: 2000 ng im Urin sind nur möglich wenn man beta-sympathomimetikum per Tablette nimmt. Es ist unmöglich diesen Wert per Spray zu erreichen. Und als Tablette wirkt es wie Clenbuterol. Bei der Vuelta hat es einmal einfach nicht geklappt das salbutamol rechtzeitig auf ein "spray-maß" rauszuwaschen bzw. Zu verdünnen. Hier bei dem giro sehen wir das wahre Leistungsvermögen des "schleimigen Reptils" (Original-Zitat von Wiggins Ehefrau) ohne Salbutamol und Glukokortikoiden. Denn natürlich ist er jetzt vorsichtig. Mal gucken ob er nicht noch plötzlich wieder erstarkt wie damals bei der Vuelta.
nouseforanothername 19.05.2018
5.
Zitat von rjb26womit der dopt?
Simon Yates war 2016 vier Monate wegen unfreiwilligen Dopings gesperrt, da sein Teamarzt nach dessen eigener Aussage vergessen hatte, eine TUE für die Einnahme von Terbutalin zu beantragen und es ihm dennoch gab.
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