Goldhoffnung Harting: "Ich bin halt der Böse"

Von Detlef Hacke

Er provoziert, teilt aus, schreckt vor keinem Duell zurück. Diskuswerfer Robert Harting ist Deutschlands große Goldhoffnung bei der Leichtathletik-EM in Barcelona. Seine raue Art bekamen selbst Dopingopfer zu spüren - doch der 25-Jährige hat auch ganz andere Seiten.

Robert Harting: Deutschlands Diskus-Held Fotos
dpa

Als die neun Teilnehmer des Diskuswettbewerbs nacheinander vorgestellt wurden, lief es bei den ersten Acht nach dem üblichen Muster ab: Stadionsprecher nennt Namen und Verein, Athlet winkt dem Publikum zu, fertig. Als Mitte Juli bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig der letzte Werfer dran war, Robert Harting vom SCC Berlin, redete der Sprecher plötzlich von "Kampfansage" und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Videowand.

Dort erschien Hartings Gesicht. Eine "Nachricht nach Polen" wolle er von hier aus schicken, sagte Harting und witzelte, "keine Angst, Ihre Fahrzeuge stehen alle noch da." Aber seinem Rivalen Piotr Malachowski wolle er ausrichten, dass er, Harting, heute mindestens 68 Meter werfen werde.

Am Ende des Tages hatte Harting den deutschen Meistertitel gewonnen. Mit einer Weite von 68 Metern und 67 Zentimetern.

Harting betreibt den Diskuswurf gerne so, als sei der eine Variante des Preisboxens. Ein Kampf Mann gegen Mann, proklamiert mit Sprüchen, um den Gegner zu verunsichern. Malachowski ist Hartings schärfster Konkurrent, auch jetzt wieder, bei den Europameisterschaften in Barcelona. Vor einem Jahr bei der WM in Berlin hatte der Wahlberliner Harting dem Polen im letzten Versuch noch den Sieg mit Bestweite (69,43 Meter) entrissen.

Das Wesen der Provokation ist ihm näher als die Diplomatie. Harting, 25, hat sich im Laufe der Jahre mit einigen angelegt, über Konkurrenten gelästert, Funktionäre abqualifiziert, sich vorübergehend mit Bundestrainer Jürgen Schult überworfen und die Frage nach dem Sinn des Dopingkontrollsystems gestellt. Bei der EM kritisiert er nun den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) dafür, seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Christoph, ebenfalls Diskuswerfer und Vierter der Deutschen Meisterschaft, nicht ausreichend zu fördern: "Wenn ich eine Medaille mache, will ich eine Förderungsgarantie für meinen Bruder", ließ Harting per Pressemitteilung ausrichten. "Träge", "versäumt", diese Worte stehen auf dem Papier, es sind die Worte, die er mit dem DLV verbindet.

Sein größter Triumph ist von einer Auseinandersetzung begleitet worden, die seiner Karriere auch künftig wohl anhaften wird wie der WM-Titel selbst. Ehemalige Athleten, die körperlich schwer darunter leiden, in der DDR gedopt worden zu sein, hatten in Berlin aus Protest vor den Stadiontoren undurchsichtige Pappbrillen ausgeben lassen. Auf den T-Shirts der Verteiler stand: "Ich will das nicht sehen!" Als Harting davon erfuhr, sagte er: "Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen."

Für seine Wortwahl entschuldigte er später, vom Inhalt seiner Aussage rückte er nicht ernsthaft ab. Obwohl er erst fünf Jahre alt war, als die Mauer fiel, redet er über die Dopingopfer der DDR, als sei er damals dabei gewesen. Kein Wunder, Harting lebt in einem Umfeld, in dem man sich ungern der Nachwirkungen des Dopings erinnert: Sein Trainer Werner Goldmann wurde beschuldigt, Athleten in der DDR anabole Steroide verabreicht zu haben. Der 60-Jährige äußert sich dazu nicht. Und Robert Hartings Mutter Bettina, 47, eine ehemalige Kugelstoßerin und Diskuswerferin aus Cottbus, lehnt es bis heute ab, herauszufinden, warum sie vor dreißig Jahren an einem Nierenleiden erkrankte und den Leistungssport aufgeben musste.

Harting gefällt sich in der Rolle des Bösen

Wenn Dopingopfer einer vergangenen Ära dagegen zum Boykott der aktuellen Athletengeneration aufrufen, nennt Harting ihre Haltung falsch. Die Sportler unterwürfen sich einem strikten Kontrollsystem, um ihre Sauberkeit zu belegen: "Die Regeln werden immer enger, ich bekomme die Auflagen eines Dopingsünders", sagt er.

Robert Harting macht es anderen nicht leicht, ihn zu verstehen. Unter den deutschen Leichtathleten ist er erstaunlich beliebt, sie loben ausgerechnet seinen Sinn für Gerechtigkeit. Manchmal jedoch neigt er zur Selbstgerechtigkeit, weil nur das die Wahrheit sein kann, was er für die Wahrheit hält. Die Forderung, sein Bruder müsse besser gefördert werden, wenn er, Robert, eine EM-Medaille hole, zeugt von kruder Logik. Aber sie ist eben auch: typisch Harting. "Ich bin halt immer der Böse", sagt er und scheint sich in der Rolle durchaus zu gefallen.

Eike Emrich war fünf Jahre lang Vizepräsident des DLV, bei der WM in Berlin war er Mannschaftsleiter der Deutschen. Nachdem Harting wegen der Dopingopfer-Geschichte in die Kritik geraten war, bekam der Sportsoziologe von der Uni Saarbrücken noch einen Job: Er war der Harting-Erklärer.

Emrich, 53, selber früher Diskuswerfer, ein kräftiger, kluger Mann mit warmer Stimme, dämpfte die Aufregung, gab Interviews und sagte auf Pressekonferenzen, wie man Harting verstehen solle. Heute sagt Emrich, dass der Konflikt um den Athleten einen gesellschaftlichen Kern habe, der kaum zu lösen sei: "Wir wollen Typen, aber dann erschrecken wir, wenn sie tatsächlich solche sind. Eigentlich bräuchten wir eine schizophrene Persönlichkeit: im Ring ein Athlet voller Adrenalin, den Ring verlassend mit vollendeten Manieren, ein Diplomat im Trainingsanzug, familientauglich, für jede Werbekampagne geeignet. Aber diese Schizophrenie wäre wiederum der Nachweis mangelnder Authentizität."

Auf der Straße ging es rau zu

Harting ist in einem Plattenbaubezirk von Cottbus aufgewachsen, einem "Ghetto", wie er es einmal genannt hat. Auf der Straße ging es rau zu, und wäre er nicht Leichtathlet geworden, dann hätte er wohl eine millieutypische Karriere mit Tendenz zur Kriminalität gemacht. Harting war in Schlägereien verwickelt, und sein Versuch, als Leistungssportler Polizist zu werden, scheiterte an einem Eintrag im Führungszeugnis. Heute ist Harting als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, das sichert ihn ab: "Da kannst du die Miete bezahlen, hast den Kühlschrank voll und kannst dich auf deinen Sport konzentrieren."

Andererseits hat Harting verblüffende Seiten. Der Abiturient liebt die abstrakte Malerei und studiert seit einem Jahr Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Dafür hatte er sich beworben, ohne auf seine sportlichen Erfolge hinzuweisen. Als er erkannt wurde und angeboten bekam, eine der zwei Bewerbungsrunden auszulassen, verzichtete er auf die Bevorteilung: "Ich wollte auf keinen Fall Vorschusslorbeeren haben. Auch, um zu sehen, ob ich da überhaupt richtig bin, ob ich das kann, was von mir gefordert wird."

Gefällt es ihm dort nun? "Hammergeiler Studiengang", sagt Harting.

Nach dem WM-Sieg hatte er auf eigene Faust Sponsoren gesucht, doch das war ein Fiasko, "das ist mir zeitlich über den Kopf gewachsen. Es war ein Fehler, das ohne Management zu machen." Er sagt, er habe keine Lust darauf, einfach dafür zu kassieren, dass Werbelogos auf dem Trainingsanzug kleben. Er spricht von "dynamischen Partnern, die etwas mit mir anfangen können". Es klingt vage, danach, dass er hierbei Hilfe gut gebrauchen könnte.

Seit ein paar Tagen hat er nun eine Vermarktungsagentur. Harting sagt: "Von der verspreche ich mir sehr viel."

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1. nt
Lietus 31.07.2010
Würde er aus einem anderen Land kommen, stünde jetzt hier ein Artikel "Harting - Der Unsympathische unter den Diskuswerfern".
2. supi
stauchert 31.07.2010
"Ich bin halt der Böse" Nee, Du bist einfach nur der Langweiler. Jetzt mal ersthaft, was soll man denn über jemanden sagen, dessen Beruf lediglich darin besteht einen Diskus durch die Gegend zu werfen? Da muß ja jeder Bandarbeiter in einer Fabrik mehr Handgriffe ausführen.
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