Europas Triumph beim Ryder Cup: "Martin, wir brauchen deinen Punkt" 

Aus Medinah berichtet

Was für ein Endspurt, was für ein Triumph: Das Team der Europäer hat mit einer historischen Aufholjagd den 39. Ryder Cup gegen die USA gewonnen. Am Schlusstag ging die Taktik von Kapitän José María Olazábal auf, auch weil der Deutsche Martin Kaymer starke Nerven bewies.

Triumph am Sonntag: Kaymer macht sich zum Helden Fotos
REUTERS

Die Sensation war noch weit entfernt, als Martin Kaymer am Sonntagnachmittag vom elften Grün des Medinah Country Club hinüber zum Abschlag der zwölften Bahn ging. Doch die Zuschauer spürten, dass der 39. Ryder Cup noch lange nicht entschieden war. "Martin, es steht 10:10, du kannst es schaffen", rief dem Deutschen ein irischer Fan zu.

Kurz zuvor hatte Ian Poulter auch das vierte Match des Schlusstags für die Europäer gewonnen. Durch den Sieg des Engländers gegen US-Open-Champion Webb Simpson war innerhalb von viereinhalb Stunden aus einem 6:10-Rückstand ein 10:10 geworden.

Noch deutete nichts darauf hin, dass ausgerechnet Kaymers Match, das vorletzte der abschließenden zwölf Einzel, gegen Steve Stricker die Entscheidung bringen sollte. Vor dem zuletzt unkonstant spielenden Deutschen hatte Europas Team-Kapitän José María Olazábal seine Topleute auf den Platz geschickt. Acht Punkte brauchten seine Spieler schließlich am Sonntag zur Titelverteidigung.

Luke Donald, Ian Poulter, Rory McIlroy und Justin Rose sollten, so Olazábals Plan, die Stars der Amerikaner, Bubba Watson, Webb Simpson, Keegan Bradley und Phil Mickelson, aus dem Spiel nehmen und somit auch die euphorische Stimmung unter den mehr als 40.000 US-Fans trüben. Es gelang. Hinzu kam ein unerwartet klarer Sieg von Paul Lawrie gegen FedExCup-Gewinner Brandt Snedeker.

"Martin, wir brauchen deinen Punkt"

Doch noch immer fehlten den Gästen drei weitere Zähler. Seine Asse hat Olazábal bereits gezogen. Auf amerikanischer Seite hingegen waren unter anderem noch Zach Johnson und Jason Dufner auf den Grüns. Beide hatten an den Tagen zuvor zusammen zwei Punkte geholt und dabei sehr souverän gespielt. Und dann war da ja noch Tiger Woods, den US-Kapitän Davis Love III an den Schluss gesetzt hat. "Wenn's dann noch um etwas geht, gibts keinen Besseren als Tiger", waren sich die amerikanischen Fernsehkommentatoren einig. Zumal niemand Woods-Gegner Francesco Molinari zutraute, im Duell Mann-gegen-Mann vor dieser Kulisse ein ruhiges Händchen zu bewahren.

Als es nach acht Einzeln 12:12 stand, ahnte Kaymers schwedischer Manager Johan Elliott erstmals, "dass es auf Martin ankommen könnte". Kurze Zeit später erwartete Olazábal den Deutschen am 16. Loch. "Martin", sagte der Spanier mit eindringlicher, fast flehender Stimme, "wir brauchen deinen Punkt."

Am Abend zuvor hatte Kaymer bei diesem Gedanken "noch ein bisschen Angst" gehabt. Doch nun schien er genau zu wissen, was zu tun war. Beim Zwischenstand von 13:13 spielte Kaymers Gegner Stricker am vorletzten Loch einen Bogey. Der Deutsche lochte seinen Par-Putt sicher ein, lag noch mit einem Schlag vorne. Ein halber Punkt war ihm und Europa gewiss. Doch Kaymer wollte mehr.

Kaymer spricht von einer "sensationellen Erfahrung"

Auf der 18 kamen beide Spieler mit zwei Schlägen aufs Grün. Der Amerikaner musste dieses Loch gewinnen, um noch eine Chance auf den Gesamtsieg zu wahren. Als Stricker seinen Birdie-Putt nicht nutzte, raunten die Fans. Kaymer hatte nun zwei Chancen, um das "Wunder von Medinah" perfekt zu machen.

Seinen ersten Matchball konnte er nicht nutzen. Doch ihn trennen vor dem zweiten Versuch weniger als zwei Meter vom Eintrag ins Geschichtsbuch. Der 14. Punkt für Europa hätte bedeutet, dass Woods im besten Fall noch hätte ausgleichen können - und in diesem Fall bleibt der Cup beim Titelverteidiger. "Ich wusste, dass der Putt für den Ryder Cup ist und dachte mir: Weißte Martin, auf diese Situation hast du so lange gewartet. Also versuch jetzt, das Beste draus zu machen", beschrieb Kaymer später die Sekunden vor dem "wichtigsten Putt meiner bisherigen Karriere".

Der Rest waren europäische Jubelschreie, leere Blicke der Amerikaner und ein 27-jähriger Deutscher, der erstmals in seiner Karriere seine Emotionen öffentlich voll auslebt. Mit geballten Fäusten rannte er auf seine Teammitglieder zu, als erstem fiel er Sergio Garcia um den Hals. "Ich hoffe, es hat nicht zu bescheuert ausgesehen", sagte er anschließend.

Vor zwei Jahren war Kaymer bereits in Wales dabeigewesen, als Europa die Amerikaner ebenfalls knapp mit 14,5:13,5 besiegt hatte. "Aber erst jetzt weiß ich, wie wichtig der Ryder Cup ist, wieviel Herz und Leidenschaft dahinter steckt. Für mich war das eine sensationelle Erfahrung."

Ergebnisse des Ryder Cup 2012
Freitag Foursomes
McIlroy/McDowell - Furyk/Snedeker 1 auf
Mickelson/Bradley - Donald/Garcia 4 und 3
Dufner/Johnson - Westwood/Molinari 3 und 2
Poulter/ Rose - Stricker/Woods 2 und 1
Freitag Fourballs
Watson/Simpson - Lawrie/Hanson 5 und 4
Mickelson/Bradley - McIlroy/McDowell 2 und 1
Westwood/Colsaerts - Woods/Stricker 1 auf
Johnson/Kuchar - Rose/Kaymer 3 und 2
Samstag Foursomes
Rose/Poulter - Watson/Simpson 1 auf
Bradley/Mickelson - Westwood/Donald 7 und 6
Dufner/Johnson - Colsaerts/Garcia 2 und 1
Furyk/Snedeker - McIlroy/McDowell 1 auf
Samstag Fourballs
Johnson/Kuchar - Colsaerts/Lawrie 1 auf
Watson/Simpson - Rose/Molinari 5 und 4
Garcia/Donald - Woods/Stricker 1 auf
McIlroy/Poulter - Dufner/Johnson 1 auf
Sonntag Einzel
Luke Donald (England) - Bubba Watson 2 und 1
Ian Poulter (England) - Webb Simpson 2 auf
Rory McIlroy (Nordirland) - Keegan Bradley 2 und 1
Justin Rose (England) - Phil Mickelson 1 auf
Paul Lawrie (Schottland) - Brandt Snedeker 5 und 3
Dustin Johnson - Nicolas Colsaerts (Belgien) 3 und 2
Zach Johnson - Graeme McDowell (Nordirland) 2 und 1
Sergio Garcia (Spanien) - Jim Furyk 1 auf
Jason Dufner - Peter Hanson (Schweden) 2 auf
Lee Westwood (England) - Matt Kuchar 3 und 2
Martin Kaymer (Mettmann) - Steve Stricker 1 auf
Francesco Molinari (Italien) - Tiger Woods all square (Unentschieden)

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Ryder Cup: Duelle für die Ewigkeit

Ryder Cup
Geschichte
Namensgeber des Ryder Cups und Stifter des Pokals war der Engländer Samuel Ryder. Erstmals fand der Wettbewerb 1927 im amerikanischen Worcester statt, damals spielten die USA und Großbritannien gegeneinander. Seitdem wechselt der Austragungsort immer zwischen den Kontinenten. In den ersten Jahrzehnten allerdings dominierten die USA den Cup. Um die Chancengleichheit zu fördern, durften ab 1973 auch Golfer aus Irland, seit 1979 aus ganz Europa teilnehmen. Beim Ryder Cup gibt es kein Preisgeld zu gewinnen, es geht ausschließlich um den Sieg und die Ehre.
Spieler
Jedes Team tritt mit zwölf Spielern an, die von einem Kapitän geführt werden. In den USA werden acht Plätze automatisch über die Weltrangliste vergeben, dazu kommen vier weitere Wild-Cards, sogenannte "Captain's picks". Das Team Europa setzt sich aus den jeweils fünf besten Spielern der europäischen Geldrangliste und der Weltrangliste zusammen. Nur noch zwei Plätze kann der neue Ryder-Cup-Kapitän José Maria Olazábal per Wildcard vergeben.
Modus
Der Cup wird im sogenannten Matchplay-Verfahren gespielt - also Mann gegen Mann. Bei je vier Fourball- und vier Foursomes-Matches am Freitag sowie Samstag treten jeweils zwei Spieler pro Team gegeneinander an - insgesamt werden also 16 Partien absolviert. Im Fourball spielt jeder Akteur seinen Ball bis ins Loch. Dabei wird das niedrigste Schlagergebnis aller vier Beteiligten als Lochgewinn für das erfolgreiche Team gewertet, die Mannschaft erhält einen Punkt. Erzielen zwei Spieler unterschiedlicher Teams dasselbe Ergebnis, wird das Loch als Remis gewertet, jede Mannschaft erhält einen halben Punkt. Das gilt genauso für die Foursomes, bei denen die Team-Spieler abwechselnd je einen Ball bis ins Loch schlagen.

Am Sonntag werden abschließend zwölf Einzel gespielt, jeder Lochgewinn im Spiel Mann gegen Mann gibt einen Punkt für den jeweiligen Golfer. Liegt der Spieler zum Beispiel nach dem 16. Grün mit drei mehr gewonnenen Löchern vorn, ist das Match vorzeitig beendet - seine Mannschaft erhält einen Punkt.

Dem Titelverteidiger (in diesem Fall Europa) reicht bei insgesamt 28 Punkten, die an drei Tagen (16 bei den Vierern, zwölf bei den Einzeln) vergeben werden, schon ein Remis zum Sieg. Der Herausforderer muss mindestens ein 14,5:13,5 erreichen.
Bisherige Ergebnisse
2010 Europa - USA 14,5:13,5
2008 USA - Europa 16,5:11,5
2006 Europa - USA 18,5:9,5
2004 Europa - USA 18,5:9,5
2002 Europa - USA 15,5:12,5
1999 USA - Europa 14,5:13,5
1997 Europa - USA 14,5:13,5
1995 Europa - USA 14,5:13,5
1993 USA - Europa 15:13
1991 USA - Europa 14,5:13,5
1989 Europa - USA 14:14
1987 Europa - USA 15:13
1985 Europa - USA 16,5:11,5
1983 USA - Europa 14,5:13,5
1981 USA - Europa 18,5:9,5
1979 USA - Europa 17:11
1977 USA - Großbritannien/Irland 12,5:7,5
1975 USA - Großbritannien/Irland 21:11
1973 USA - Großbritannien/Irland 19:13
1971 USA - Großbritannien 18,5:13,5
1969 USA - Großbritannien 16:16
1967 USA - Großbritannien 23,5:8,5
1965 USA - Großbritannien 19,5:12,5
1963 USA - Großbritannien 23:9
1961 USA - Großbritannien 14,5:9,5
1959 USA - Großbritannien 8,5:3,5
1957 Großbritannien - USA 7,5:4,5
1955 USA - Großbritannien 8:4
1953 USA - Großbritannien 6,5:5,5
1951 USA - Großbritannien 9,5:2,5
1949 USA - Großbritannien 7:5
1947 USA - Großbritannien 11:1
1937 USA - Großbritannien 8:4
1935 USA - Großbritannien 9:3
1933 Großbritannien - USA 6,5:5,5
1931 USA - Großbritannien 9:3
1929 Großbritannien - USA 7:5
1927 USA - Großbritannien 9,5:2,5

2001 wurde der Cup wegen der Terroranschläge vom 11. September um ein Jahr verschoben. Seitdem findet er in den geraden Jahren statt.
Kleines Golf-Lexikon
Par: Für jedes einzelne Loch und jeden Golfkurs ist ein Par definiert. Dieser Wert steht für die Anzahl der Schläge, die der Spieler brauchen sollte, um das Loch, respektive den Kurs zu bewältigen. Hierbei handelt es sich natürlich um Werte für Spitzenspieler. Spielt man also auf einem Kurs, der als Par 72 ausgewiesen ist, eine 70er-Runde, spielt man zwei unter Par.

Hole-in-one: Bezeichnung für das Kunststück, den Ball direkt vom Abschlag ins Loch zu befördern.

Eagle: Zwei Schläge unter Par bei einem Loch

Birdie: Ein Schlag unter Par

Bogey: Ein Schlag über Par

Double Bogey: Zwei Schläge über Par

Triple Bogey: Drei Schläge über Par

Grün: Das Grün ist die kurzgeschnittene Rasenfläche am Ende einer jeden Bahn. Auf dieser befindet sich das Loch.

Fairway: Die Spielbahn zwischen Abschlag und Grün.

Handicap: Gibt die Spielstärke eines Golfers wieder. Je niedriger das Handicap, desto besser der Spieler. Die Zahl gibt die Differenz an, die der Golfer auf dem Platz über Par spielt.