Tiger Woods vor dem Golf-Masters in Augusta "Ich bin ein wandelndes Wunder"

Nach dem letzten Absturz haben viele Tiger Woods abgeschrieben. Nun ist der Golfer zurück, mit 42 Jahren. Vor dem ersten Major des Jahres im amerikanischen Augusta gilt die Nummer 104 der Welt sogar als Favorit.

Tiger Woods
imago/ Kyodo News

Tiger Woods


Es ist nicht lange her, da war Tiger Woods noch darauf angewiesen, dass ihn morgens jemand aus dem Bett hievte. Monatelang ging es für den 42-Jährigen nicht darum, wann er sein Comeback auf dem Golfkurs geben würde. Die Frage war vielmehr, ob er überhaupt wieder richtig gehen können wird. Kurz vor dem Masters in Augusta schrieb Woods nun auf seiner Homepage: "Ich habe eine zweite Chance bekommen, zu leben. Ich bin ein wandelndes Wunder."

"A walking miracle" - wie wahr. Vier Rückenoperationen wechselten sich ab mit gescheiterten Comeback-Versuchen. Kein Tag ohne Schmerzen. Im Mai des vergangenen Jahres wurde er nachts schlafend hinter dem Steuer seines Wagens in Polizeigewahrsam genommen, einen wilden Medikamenten-Cocktail im Blut. Er ging in den Entzug, der dritte seines Lebens. Ein Golfplatz war für Woods in diesen Tagen so unerreichbar, wie er selbst über Jahre für die Konkurrenz.

Es ist einfacher, die Rekorde zu zählen, die er nicht hält

Woods hat in seiner Karriere mehr als hundert Profi-Turniere gewonnen. Es ist einfacher, die Rekorde zu zählen, die er nicht aufgestellt hat, als die, die er hält. Einer, der fehlt: Golf-Profi Jack Nicklaus sammelte 18 Major-Titel.

Woods hat in elf Jahren 14 Majors gewonnen, er war auf dem besten Weg zum Rekord. Doch plötzlich war Schluss. Sein letzter Sieg: 2008, nicht lange vor seinem ersten Entzug aufgrund einer Sexsucht. Der 15. Major-Titel wäre vom 14. nun fast so weit entfernt wie der 14. vom ersten. Und doch gilt er vielen Buchmachern als Favorit auf den Titel.

Im vergangenen November, kurz vor seiner Rückkehr auf die Tour, spielte Woods privat eine Runde mit Rory McIlroy. Der sagte hinterher nur ein Wort: "wow". So gut habe er Woods persönlich noch nie gesehen. Kann dieser 42-Jährige also das Masters gewinnen? "Absolut möglich", sagt McIlroy. "Es wäre wohl das größte Comeback der Sportgeschichte." Ein Wunder. Noch einmal.

Mit 21 Jahren stellte Woods die elitäre, weiße Golfwelt auf den Kopf

Es war 1997 eben in Augusta, als Woods mit 21 Jahren mehr als nur die Golfwelt auf den Kopf stellte. Dort, wo der weiße und elitäre Sport noch ein wenig weißer und elitärer ist, wo sie bis in die Neunzigerjahre keine schwarzen Mitglieder aufnehmen wollten, dort trug dieser Sohn eines Afro-Amerikaners und einer Thailänderin plötzlich das berühmte grüne Club-Jackett spazieren, das neben Mitgliedern nur Sieger bekommen.

Tiger Woods gewann 1997 das Masters in Augusta
imago/ Sammy Minkoff

Tiger Woods gewann 1997 das Masters in Augusta

Golf war nicht mehr wie zuvor - auch wenn Woods zwanzig Jahre später in seinem Buch "The 1997 Masters: My Story" schrieb: "Es wäre naiv gewesen von mir, zu glauben, dass der Sieg gleichbedeutend gewesen wäre mit dem Ende dieses Blicks, wenn eine Person einer Minderheit einen Golfklub betritt."

Dieser Blick, er begleitete sein Leben. Als Nike 1996 einen für diese Zeit astronomisch hoch dotierten Vertrag mit dem Talent bewarb, ließ ihn der Sportartikelhersteller sagen: "Hallo Welt. In den USA gibt es immer noch Golfkurse, auf denen ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht spielen darf." Er sprach auch davon, "nicht gewollt" zu sein.

Der zweite Blick, der Woods begleitete, war ein gänzlich anderer, bewundernd, staunend. Der erste Blick trieb ihn stets an. Vom zweiten lebte er.

Woods und die Konkurrenz: streng genommen zwei verschiedene Sportarten

Zwischen seinem Masters-Sieg 1997 und dem Erfolg trotz Kreuzbandriss und Schienbeinbruch bei den US Open 2008 lag Woods bei den Majors in Summe bei 136 Schlägen unter Par. Vergleicht man diese Zahl mit allen anderen Golfern, die in dieser Zeit mindestens 40 Major-Runden spielten, landet der nächste Mitbewerber bei 63 über Par - 199 Schläge hinter Woods. Streng genommen wären das zwei verschiedene Sportarten.

Woods revolutionierte das Golfplatz-Design, weil er die Plätze in die Knie zwang, er öffnete den Sport für neue Zielgruppen, er wurde zum bestimmenden Wirtschaftsfaktor einer ganzen Branche - und zum ersten Sport-Milliardär der Welt.

Fotostrecke

10  Bilder
Tiger Woods: Quälende Jahre

In seiner besten Zeit stiegen die Einschaltquoten um mehr als 170 Prozent, wenn Woods dabei war. Im März, als der Rückkehrer wieder mal um den Sieg auf der PGA Tour mitspielte, waren die Quoten so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr. Damals hatte er zuletzt ein Turnier gewonnen. Sogar drei der vier Majors des Jahres 2017 konnten mit diesen Quoten nicht mithalten. Justin Thomas, die Nummer zwei der Welt, sagt: "Alle kommen nur, um ihn zu sehen. Aber kein Vorwurf: Ich würde es ja auch so machen."

Wunder, wohin man blickt. Im Februar beschleunigte Woods seinen Schläger auf 128 Meilen pro Stunde. Ein neuer Rekord. Mit 42 Jahren. Nach all dieser Leidenszeit. Wie ist das möglich? Vor knapp zehn Jahren gab es nach einer Knieverletzung nie bewiesene Gerüchte über die Einnahme von Wachstumshormone. Davon spricht nun niemand. Woods sagt, er sei das erste Mal seit vielen Jahren beschwerdefrei. Aber reicht das aus?

Woods hat in den vergangenen Monaten etwa 1000 Plätze in der Weltrangliste gutgemacht. Dennoch dürfte er die erste Nummer 104 der Welt sein, die als Favorit in ein Major geht. Für alle ist das irgendwie normal. Weil es Woods ist. Weil ohnehin alles ein Wunder ist.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gammoncrack 05.04.2018
1. Der Mann ist wirklich ein Phänomen.
NIemand hätte ihm noch vor enem Jahr ein solches Comeback zugetraut. Es gab Zeiten, da wünschte ich mir einen anderen Sieger, irgendeinen Underdog. Derart überlegen war Tiger Woods. Hinzu kam, dass er mir damals immer unsympatisch war. Zu überheblich, zu distanziert gegenüber seinen Mitspielern. Heute wünsche ich mir ihn als Sieger. Er hat sich meiner Meinung nach sein altes Können zurück erkämpft. Nicht erarbeitet, sondern das war erheblich mehr als das. Aber ich erkenne heute einen ganz anderen Charakter. Er ist lockerer, umgänglicher und diese Überheblichkeit ist total verschwunden. Ich glaube, dass diese charakterliche Änderung möglicherweise noch schwieriger war, als die Rückkehr zu alter spielerischer Stärke.
Polycrux 05.04.2018
2. @gammoncrack
Das sportliche Comeback von Woods ist in der Tat bemerkenswert, soweit stimme ich Ihnen zu. Was die von Ihnen postulierte Charakteränderung anbelangt, kann ich Ihnen jedoch nicht folgen. Woher haben Sie die Kenntnis, dass er sich vom Triple-A (so seine inoffizielle Bezeichnung von Menschen, die mit ihm sowohl auf sportlicher als auch sonstiger Ebene zu tun hatten) zum umgänglichen Philanthropen gewandelt hat? Nur weil er ab und an in die Kamera gelächelt hat? Um bei vagen Behauptungen zu bleiben: Rein sportlich lautet meine Prognose, dass er kein weiteres PGA-Turnier mehr gewinnen und seine Karriere schon bald wieder aus gesundheitlichen Gründen beendet sein wird. Er hat sich mit seinem sicherlich explosiven und ungemein kraftvollen, dafür aber auch brutalen und schonungslosen Schwung schon in relativ jungen Jahren seine Gesundheit ruiniert. Nach Jahren der Rekonvaleszenz, gespickt mit OPs, Schmerzmitteln und Reha, wird es m. E. nicht lange dauern, und sein Körper wird wieder Opfer der hohen Belastungen werden. Ich bin auch nicht der Meinung - wie so viele Kommentatoren in den USA oder bei uns auf Sky nicht müde werden zu behaupten - dass der Golfsport einen Tiger Woods dringend nötig hat. Die aktuelle Leistungsdichte auf der Tour ist in meinen Augen bereits ein Garant dafür, dass spannende und unterhaltsame Golf-Turniere geboten werden. Das beste Beispiel war das Houston Open letzte Woche, bei welchem sich der alte Hase Poulter und der Rookie Hossler ein denkwürdiges und bis zur letzten Sekunde ungemein spannendes Match geliefert haben. Eine jahrelange Phase der Dominanz eines einzelnen Spielers, wie sie seinerzeit Woods hatte, tut m. E. keinem Sport auf Dauer gut - siehe dazu beispielsweise die Dominanz von Mercedes in der Formel 1.
gammoncrack 05.04.2018
3. Das spiegelt ja meine persönliche Meinung wieder.
Zitat von PolycruxDas sportliche Comeback von Woods ist in der Tat bemerkenswert, soweit stimme ich Ihnen zu. Was die von Ihnen postulierte Charakteränderung anbelangt, kann ich Ihnen jedoch nicht folgen. Woher haben Sie die Kenntnis, dass er sich vom Triple-A (so seine inoffizielle Bezeichnung von Menschen, die mit ihm sowohl auf sportlicher als auch sonstiger Ebene zu tun hatten) zum umgänglichen Philanthropen gewandelt hat? Nur weil er ab und an in die Kamera gelächelt hat? Um bei vagen Behauptungen zu bleiben: Rein sportlich lautet meine Prognose, dass er kein weiteres PGA-Turnier mehr gewinnen und seine Karriere schon bald wieder aus gesundheitlichen Gründen beendet sein wird. Er hat sich mit seinem sicherlich explosiven und ungemein kraftvollen, dafür aber auch brutalen und schonungslosen Schwung schon in relativ jungen Jahren seine Gesundheit ruiniert. Nach Jahren der Rekonvaleszenz, gespickt mit OPs, Schmerzmitteln und Reha, wird es m. E. nicht lange dauern, und sein Körper wird wieder Opfer der hohen Belastungen werden. Ich bin auch nicht der Meinung - wie so viele Kommentatoren in den USA oder bei uns auf Sky nicht müde werden zu behaupten - dass der Golfsport einen Tiger Woods dringend nötig hat. Die aktuelle Leistungsdichte auf der Tour ist in meinen Augen bereits ein Garant dafür, dass spannende und unterhaltsame Golf-Turniere geboten werden. Das beste Beispiel war das Houston Open letzte Woche, bei welchem sich der alte Hase Poulter und der Rookie Hossler ein denkwürdiges und bis zur letzten Sekunde ungemein spannendes Match geliefert haben. Eine jahrelange Phase der Dominanz eines einzelnen Spielers, wie sie seinerzeit Woods hatte, tut m. E. keinem Sport auf Dauer gut - siehe dazu beispielsweise die Dominanz von Mercedes in der Formel 1.
Aber vielleicht fragen Sie sich einmal, wieso sogar Phil Mickelson inzwischen mit ihm sehr gut klar kommt. Der konnte ja überhaupt nicht mit Tiger Woods. Die haben zum Masters sogar eine Proberunde zusammen gespielt, was früher einfach undenkbar war. Hätte sich TW nicht geändert, wäre der Zustand zwischen den beiden unverändert schlecht.
svempa 06.04.2018
4. 136 + 63= 199
Nicht 189. Ansonsten stimme ich @1 zu.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.