Graciano Rocchigiani ist tot Ein Boxerleben

Er war Publikumsliebling und Häftling, er hatte Millionen und musste von Hartz IV leben, er war ganz oben und ganz unten. Graciano Rocchigiani hat in seinem Leben wenig ausgelassen. Bis zuletzt, bis zu seinem jähen Tod.

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Ein Nachruf von


In der "Ritze" in Hamburg traf man ihn zuletzt noch. Wo sonst sollte man Graciano Rocchigiani treffen, wenn nicht in der legendären Boxerkneipe auf der Hamburger Reeperbahn? Vor Kurzem war er noch einmal hier für den Dreh eines Musikvideos, er wirkte fröhlich, ausgeglichen, sagte: "Ich gucke nach vorne." "Rocky", wie ihn alle nannten, war solide geworden.

Graciano Rocchigiani, "Sohn eines sardischen Eisenbiegers", wie es in ungefähr jedem Artikel heißt, der je über ihn geschrieben wurde. Publikumsliebling, schräge Nummer, Gefängnisinsasse. Und Boxweltmeister.

Im Keller der "Ritze" haben sie alle trainiert: René Weller, Dariusz Michalczewski, Henry Maske, die Klitschko-Brüder, Eckhard Dagge. 1976 gewann Dagge den WM-Titel im Superweltergewicht. Zwölf Jahre später trat Rocchigiani in seine Fußstapfen. Am 11. März 1988 wurde der gebürtige Duisburger mit italienischen Wurzeln zum dritten deutschen Profibox-Weltmeister nach Dagge und dem legendären Max Schmeling.

Vor 6000 begeisterten Zuschauern in der Düsseldorfer Philipshalle besiegte Rocchigiani den US-Amerikaner Vincent Boulware durch technischen K.o. in der achten Runde und sicherte sich so den vakanten IBF-Gürtel im Supermittelgewicht. Nach drei Titelverteidigungen stieg er ins Halbschwergewicht um, weil es dort die lukrativeren Kämpfe gab. Zum Beispiel das lang ersehnte deutsche Duell mit Henry Maske.

Gentleman gegen Straßenköter

Für Promoter Wilfried Sauerland war der Kampf ein Glücksfall. Der Berliner Straßenköter Rocchigiani mit dem großen Herzen, der noch größeren Klappe und dem brachialen Stil war innerhalb wie außerhalb des Rings der perfekte Antagonist zum Box-Ästheten und "Gentleman" Maske. Das Mainstream-Publikum liebte den perfekten Schwiegersohn Maske, eingeschworene Box-Fans drückten Rocchigiani die Daumen. Er sprach ihre Sprache: "Jegner am Boden, jutet Jefühl!" Vermarktet wurde das Duell am 27. Mai 1995 als "Frage der Ehre".

Rocchigiani verlor umstritten nach Punkten, gab sich als fairer Verlierer und wurde dadurch zum moralischen Sieger. "Plötzlich bin ich der Liebling der Medien, der betrogene Underdog. Der, der sich eine zweite Chance verdient hat. Vom Bad Boy zum Darling: eine völlig neue Erfahrung", schrieb er in seiner Autobiografie.

Der Rückkampf fünf Monate später wurde zum vorläufigen Höhepunkt des Box-Booms der Neunzigerjahre. Fast 18 Millionen Fernsehzuschauer sahen, wie Rocchigiani haushoch nach Punkten verlor. Der Marktanteil der Liveübertragung aus der Münchner Olympiahalle lag bei 73,2 Prozent.

Spätestens jetzt war Rocchigiani ein Superstar, und er versilberte seinen Status mit weiteren Titelkämpfen, unter anderem gegen den "Tiger" Dariusz Michalczewski, den er in einer legendären Pressekonferenz als "dummen Polen" bezeichnete. Was er anschließend so zu erklären versuchte: "Es gibt schlaue Deutsche und schlaue Polen, aber du bist ein dummer Pole."

"Sekt, Buletten und dicke Weiber"

In deutschen Ringen wurde Rocchigiani berühmt, das meiste Geld verdiente er aber bei einem ganz anderen Kampf - vor einem New Yorker Gericht. Weil ihm der World Boxing Council (WBC) grundlos einen 1998 erkämpften WM-Titel einfach so wieder aberkannt hatte, verklagte Rocchigiani den in Mexiko ansässigen Weltverband. Seine Anwälte waren klug genug, die Klage in den USA einzureichen. Am Ende des mehr als drei Jahre dauernden Prozesses standen 31 Millionen US-Dollar Schadensersatz.

Weil WBC-Präsident José Sulaiman daraufhin mit Insolvenz drohte, nach der Rocchigiani wohl keinen Cent gesehen hätte, einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart. Die Rede ist von vier bis fünf Millionen Dollar, die Rocchigiani in den folgenden Jahren für "Sekt, Buletten und dicke Weiber" ausgab, wie er der "Welt" sagte.

Mit Geld umgehen, das war nicht unbedingt sein Ding. 2012 lebte er von Hartz IV, sein gesamtes Vermögen war aufgebraucht, er lebte in einer Pension im Berliner Umland, die ein Bekannter für ihn bezahlen musste. Mehrfach saß er im Gefängnis, weil er sich und den Alkohol selten gemeinsam im Griff hatte. Ohne Führerschein, dafür mit reichlich Alkohol im Blut hinterm Steuer - auch dafür stand Rocchigiani vor Gericht. "Die Zeiten sind vorbei", sagte er zuletzt dazu in der Rückschau.

"Es laufen viele Spinner rum"

In seinen späten Jahren hat er vor allem gelernt, nicht jedem Menschen zu vertrauen: "Es laufen viele Spinner rum." So wie Mario Achour, der Rocchigiani 2016 zu einer "Marke" machen wollte. Um talentierten Nachwuchs für einen neuen Stall zu finden, planten Achour und Rocchigiani eine Art "Germany's Next Topmodel" für Boxer - mit dem Ex-Weltmeister als "Heidi Klum des Boxsports". Von "1000 Bewerbern" sprach Achour im Vorfeld. Ganze zwei kamen zur ersten Casting-Runde - und fielen aufgrund konditioneller Defizite durch.

Pläne hatte Rocchigiani immer noch. Eine Box-Castingshow mit ihm auf Sport1 war gerade angelaufen. Titel: "The next Rocky". Er gehörte zudem zum festen Box-Team des Fernsehsenders und war regelmäßig bei Liveevents als Experte im Einsatz. Die Zuschauer liebten den Berliner für seine schonungslosen Analysen. Der Untertitel seiner Autobiografie "Meine 15 Runden" lautet "Wer einstecken muss, darf auch austeilen." Ein Lebensmotto, dem Rocchigiani treu geblieben ist.

Am Dienstag ist Graciano Rocchigiani bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er wurde 54 Jahre alt.



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