Grigory Rodchenkov Doping-Kronzeuge belastet Russland, IOC und Wada

Er war Kopf des russischen Staatsdopings, später half Grigory Rodchenkov als Zeuge bei der Aufklärung mit. Ob seine Beichte die Sportwelt verändert hat? Der Chemiker zweifelt - und attackiert IOC, Wada und Russland.

Grigory Rodchenkov
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Grigory Rodchenkov


Der Doping-Kronzeuge Grigory Rodchenkov hat Russland, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) attackiert. In einem Gastbeitrag für die "New York Times" sagte der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Zentrums und Kopf des russischen Doping-Programms (mehr zur Person lesen Sie hier), dass er mittlerweile am Sinn seiner Beichte zweifle.

"Die Erwartung, die ich einmal hatte, dass es eine sinnvolle Reform geben könnte, beginnt zu verblassen", schrieb Rodchenkov, der im November 2015 in die USA geflüchtet war und dort unter Zeugenschutz steht. Alles deute darauf hin, dass die Wada versuche, "einen Weg zu finden, vor den Ergebnissen davonzulaufen, die ihr eigener unabhängiger Experte ermittelt hat", schrieb Rodchenkov mit Blick auf die von Richard McLaren vorgelegten Beweise.

Die beiden Berichte des kanadischen Rechtsprofessors, die erwiesen haben, dass mehr als 1000 russische Athleten - vor allem bei den Winterspielen 2014 - von dem staatlich organisierten Dopingsystem profitiert haben, gehen zu weiten Teilen auf die Aussagen Rodchenkovs zurück (mehr zu Rodchenkovs Rolle als Kronzeuge lesen Sie hier).

"Herr Mutko wusste vom russischen Dopingprogramm"

"Niemand von der Wada oder den Verbänden hat jemals versucht, mich zu befragen, obwohl ich verfügbar und bereit für eine Aussage war", schrieb der Dopingexperte. Von den beiden Kommissionen des IOC, die den russischen Dopingbetrug derzeit untersuchen, habe sich bislang erst eine bei ihm gemeldet, und dies sei erst vor zwei Wochen der Fall gewesen.

Rodchenkov warf dem russischen Vize-Premier Vitali Mutko, der während des Skandals um die Winterspiele in Sotschi Sportminister war, erneut Mitwisserschaft vor. Mit Hilfe des Geheimdienstes FSB waren damals russische Dopingproben ausgetauscht und manipuliert worden. "Lassen Sie mich deutlich sein: Herr Mutko wusste vom russischen Dopingprogramm und war entscheidend für dessen Erfolg", schrieb er.

Rodchenkov forderte das IOC auf, russische Athleten bei den Winterspielen in Pyeongchang als "Strafe für die Verstöße Russlands" nur unter neutraler Flagge starten zu lassen. Der gelernte Chemiker war von 2006 bis 2015 Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors.

jan/sid



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