Englands schlechtester Boxer Der Rocky aus Essex

Robin Deakin ist der schlechteste Boxer Englands. Das behauptet er zumindest von sich selbst. Warum zur Hölle gibt er nicht auf? Im Ring mit einem Mann, der so ist wie das ganze Land.

Boxer Robin Deakin
Christoph Scheuermann

Boxer Robin Deakin

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  • Christoph Scheuermann ist SPIEGEL-Korrespondent in London. Seine Erlebnisse im Vereinigten Königreich hat er nun in dem Buch "Unter Briten" beschrieben, das jetzt erscheint (DVA, 240 Seiten, 17,99 Euro). Lesen Sie hier einen Auszug.

Die Geschichte von Robin Deakin ist eine dieser Antiheldensagen, die nur in England stattfinden können, dem Paradies der fröhlichen Hasardeure, und die dann zum Beispiel im "Daily Mirror" unter dieser Überschrift landen: "Großbritanniens schlechtester Boxer Robin 'Rockin' Deakin gewinnt nach 50 Niederlagen und twittert: 'Verfi**t noch mal, ich bin zurück!'"

Aber der Reihe nach. Ich treffe Robin zum ersten Mal an einem Samstagnachmittag im Westfield-Shoppingcenter im Londoner East End. Wir hatten verabredet, über seine Karriere im Boxring zu sprechen. Wenn man den Zeitungen glaubt, die über ihn mit zwei Dritteln Belustigung und einem Drittel Bewunderung berichten, ist Robin der schlechteste Boxer auf der gesamten Insel.

Trotzdem, beziehungsweise deshalb, hat er ausgezeichnete Laune. "Ich gebe nie auf", sagt er zur Begrüßung. Gut. Aber warum eigentlich nicht?

In seiner zehnjährigen Profikarriere gewann er von 53 Kämpfen exakt zwei, den ersten im Jahr 2006, den zweiten 2015. In den neun Jahren dazwischen verlor er entweder nach Punkten oder wegen technischen K.o. "Es war die längste Pechsträhne in der Geschichte des Profiboxens", sagt er stolz. Als wäre das eine Errungenschaft. Wenn Robin in den Ring steigt, hagelt es Schläge. Kein Wunder, dass die Presse regelmäßig über ihn berichtet, über dieses Prachtexemplar des glücklichen Losers, jenes britischen Archetyps, der fehlendes Talent mit stählernem Willen und guter Laune kompensiert.

Wie Eddie "der Adler" Edwards, der kurzsichtige Stukkateur aus Cheltenham, der 1988 als Skispringer die Olympischen Spiele in Calgary aufmischte, und unzählige andere skurrile Nationalhelden. Niemand würde Robin übel nehmen, wenn er aufgeben würde. Tut er aber nicht.

Zum Gespräch hat er seinen Kumpel Mark mitgebracht, der nicht viel von sich erzählt, außer, dass er in der Verpackungsbranche arbeitet und mit Robin hin und wieder trainiert. Mark sagt, im Boxsport drehe sich nicht alles um Kraft, Ausdauer und Technik. "Es geht darum, Tickets zu verkaufen."

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Das ist praktisch für Robin, weil er weder über herausragende Kraft, Ausdauer oder Technik verfügt. Der von den Zeitungen verliehene Titel "Britanniens miesester Boxer", den er mit dem Habitus eines Olympioniken trägt, verspricht dem Publikum mindestens einen unterhaltsamen Abend. Ihm bringt es Geld, an einem guten Abend ein- bis zweitausend Pfund. Sein nächster Kampf soll in zwei Monaten stattfinden, sagt Robin, ich müsse unbedingt vorbeikommen. Er werde mir Karten zurücklegen.

Robin ist ein sympathischer Kerl mit einer knarrenden, kratzenden Stimme und einer Aufmerksamkeitsspanne nahe null. Während wir reden, macht er keinen Hehl daraus, dass ihn das Gespräch anödet. Nach zehn Minuten fragt er die Kellnerin nach ihrer Handynummer. Als das nicht klappt, versucht er sie zu bequatschen, ihm wenigstens die Hand zu geben. Will sie aber auch nicht. "Warum nicht?", fragt er. "Einfach so", antwortet die Kellnerin. Er fragt noch fünfmal, bis sie wortlos abzieht.

Das ist sein Leben. Schläge und Niederlagen. Der Unterschied zwischen ihm und den meisten anderen Menschen ist, dass Robin mit ungebrochener Energie einfach weitermacht, man könnte es auch Dickköpfigkeit nennen. Sein Talent ist, nicht umzukippen. Beim Boxen harrt er so lange im Ring aus, bis der Gong die Runde beendet. In ihm steckt die Widerstandskraft eines Unerschütterlichen. Er nennt sich selbst "den menschlichen Boxsack".

Robin ist wie England: trotzig, eigensinnig, enttäuschungsgesättigt, manchmal verbissen, aber lustig. Robin hat immer zu wenig Geld, muss dauernd zum Arzt, sein Leben läuft beschissen - aber das hält ihn nicht davon ab, seine Bedeutung auf der Weltbühne heillos zu überschätzen. Er will mehr sein, als er ist, wie das ganze Land, weiß aber gleichzeitig, dass das nicht geht, wie das ganze Land. Und da er nicht viel mehr besitzt als eine abgebrochene Schullaufbahn und einen Klumpfuß, muss er eben weiter in den Ring.

Sein Vater schlug Leute zusammen und nahm im Sozialamt eine Geisel

Überhaupt, der Klumpfuß. Robin kam mit der Behinderung zur Welt, schon als Junge ging er schief. Den linken Fuß kann er nicht gut belasten, deshalb sind die Muskeln in seinem linken Bein schwächer als im rechten. Er ist 1,74 Meter groß und kämpft im Super-Leichtgewicht, ein dünner, zäher Kerl. Wenn er im Ring das Gewicht nach links verlagert, knickt sein Fuß auf den linken Außenrist. Er hinkt leicht. Über 70 Operationen habe er hinter sich, sagt er.

Robin wurde als drittes von vier Kindern in Horsham geboren, einer Stadt in Surrey. Die Familie hatte kaum Geld und wohnte in einer Sozialwohnung, aber Robin sagt, es war keine üble Kindheit. Sein Vater Lester sei eine kleine Berühmtheit in der Gegend, als Kind habe er, Robin, immer wieder darüber gestaunt, wie viele Menschen seinen Dad auf der Straße grüßten. "Jeder blieb stehen, um mit ihm zu reden, die halbe Stadt wusste, wer Lester ist." So will ich auch sein, dachte Robin. Berühmt wie Dad. "Ich wollte, dass mich jeder kennt", sagt er. Später erfuhr er, dass sein Vater auch dafür berühmt war, andere Leute zusammenzuschlagen.

Als Vorbild war Lester nicht die beste Wahl. Er stritt häufig mit Robins Mutter, was dazu führte, dass das Sozialamt den Vater von der Familie trennte, und Robin mit seiner Mutter und den Geschwistern an einen sicheren Ort brachte. Lester gefiel das nicht. Er verschaffte sich Zutritt zum Sozialamt und nahm den Sachbearbeiter als Geisel. Er wollte zu seiner Familie. "Das lief damals in den Nachrichten", sagt Robin. In seinem Blick liegt die Freude des Jungen, der verstanden hat, dass Niederlagen nicht schlecht sein müssen. Wenn man sich Mühe gibt, können sie sogar in eine Karriere münden.

Inzwischen leben seine Eltern getrennt, Vater und Sohn sehen sich wieder häufiger. Offenbar läuft Lesters Leben runder als früher. "Dad betreibt einen Limousinen-Dienst, ein Café und ein Straßenreinigungsunternehmen", sagt Robin. "Gleichzeitig?", frage ich. "Ja, gleichzeitig."

Die Straßenschläue hat Robin von seinem Vater geerbt und zwischen den Sozialbauten von Horsham poliert. Neben dem Klumpfuß leidet er unter dem Drang, ständig plappern zu müssen. Wenn man einen Boxkampf mit Worten gewinnen könnte, wäre er längst Weltmeister.

Robin will B-Promi werden und fordert Justin Bieber zum Kampf heraus

Er redet von Mädchen, die er angeblich flachgelegt hat, vom nächsten Kampf, von seinen vielen Interviews, von dem unbedingten Willen, Champion zu werden, von der Zukunft und davon, dass 2016 das Jahr sein wird, in dem sich für ihn alles ändert. Das Siegerjahr. Er erzählt auch von seinem Agenten und von Lisa, seiner PR-Frau, die für ihn Kontakte zu Journalisten herstellt. Er zahle ihr 150 Pfund im Monat. Sie werde mich nach unserem Gespräch anrufen, was sie selbstverständlich nie tut. Dafür fordert Robin auf Twitter Justin Bieber zum Kampf heraus.

Vor drei Jahren entzog ihm der englische Boxverband die Profilizenz, weil man um seine Gesundheit fürchtete. Jemand, der dauernd verliert und trotzdem weitermacht, musste vor sich selbst geschützt werden. Und vermutlich wurde Robin die Genehmigung zum Kämpfen auch deshalb entzogen, weil er nicht nur außerhalb des Rings zu viel redet. Er wich einfach aus auf die Boxlizenzen anderer Länder, unter anderem aus Malta und Deutschland. Er tut das, was er am besten kann. Weitermachen.

Einige Wochen später verabreden wir uns im LDG-Fitnesscenter in einem Industriegebiet im Londoner Osten, kurz vor Essex. Vor den Kraftgeräten stehen schwarze Männer mit schenkeldicken Oberarmen und tätowierte Frauen, die mit wütenden Blicken Gewichte stemmen. In der Luft liegt der Geruch von Schweiß und Sprühdeo. Robin hat eine Sporttasche dabei, die Platz für einen Kühlschrank bietet.

Er trainiert im Boxring in einem Nebenraum. Aus Lautsprechern dröhnt so laut The Clash, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Robin macht Konditionsübungen und schlägt auf Boxpratzen ein, die Mark ihm entgegenhält, der Mann aus der Verpackungsbranche.

Wegen seines Fußes wirkt Robin ungelenk, fast verletzlich. Er schleppt seinen Körper wie ein Angeschossener durch den Ring. In seinem Blick liegen Konzentration und ein Funke Euphorie, und man spürt, wie Adrenalin und Ehrgeiz in ihm kochen. Als ich ihm nach dem Training auf die Schulter klopfe, fragt er mit triumphierendem Blick: "Glaubst du immer noch, dass ich der schlechteste Boxer Englands bin?"

Für mich liegt der größte Widerspruch in Robin Deakins Karriere darin, dass er einerseits hart trainiert und, wenn er im Ring steht, so brutal wie möglich zuschlägt, andererseits aber stolz auf seinen Nicht-Titel als größter Versager unter Gottes Sonne ist. Muss man sich nicht für eine Seite entscheiden? Robin zuckt die Schultern. Er sieht da keinen Widerspruch. "Mir geht es darum, dass die Leute über mich reden."

Nach dem Training fahren wir in eine Bar ein paar Straßen weiter. Es dauert zehn Sekunden, bis Robin anfängt, die Kellnerinnen anzugraben, und zwanzig Sekunden, bis er die Frauen am Nebentisch schief anlächelt. Er sagt, er habe hier schon häufiger Fernsehstars gesehen, vor allem Darsteller aus der Realityserie "The Only Way is Essex". Es ist die perfekte Umgebung für ihn: Mädchen mit falschen Fingernägeln und aufgesprühter Bräune, Jungs in hautengen T-Shirts, die jeden Muskel zeigen. Willkommen in Essex, der Heimat der Selbstdarsteller und Narzissten. Hohl, aber lustig. Künstlicher wird England nicht.

Robin ist entschlossen, in die Liga der Halbprominenz aufzusteigen, die in England besonderes dicht bevölkert ist - Sänger, Serienschauspieler, Busenmodels, Radioansager, Comedians, Spielerfrauen, Klatschkolumnisten. Irgendwo dazwischen, hofft er, wird noch Platz sein für einen professionellen Verlierer wie ihn. Und vermutlich hat er recht.



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