Gummersbacher Igor Anic Karikaturist am Kreis

Kreisläufer und Künstler: Der Gummersbacher Igor Anic vereint brachiale und filigrane Talente gleichermaßen. Das "Handball-Magazin" über einen Spieler, der seine Kollegen karikiert, Spielerfrauen mit Tätowierungen beglückt und ein großes Problem hat - sich selbst.

Von Stefan Boysen

THW-Kreisläufer Anic: Karikaturist aus Leidenschaft
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THW-Kreisläufer Anic: Karikaturist aus Leidenschaft


Große, massige Kreisläufer gelten auf dem Handballfeld nicht gerade als Künstler. Mit dem Rücken zum Tor stehend, sind sie Schlägen, Stößen und Hieben einer Übermacht von Abwehrspielern ausgesetzt. Entsprechend brachial und wuchtig sind die Aktionen am Kreis. Igor Anic ist fast zwei Meter groß und bringt mehr als hundert Kilo auf die Waage. Doch neben den Nahkämpfen vor dem gegnerischen Tor beherrscht er auch die hohe Kunst - zumindest auf dem Papier, wenn er mit feinem Stift Karikaturen zeichnet.

Beliebtestes Motiv des französischen Kreisläufers in Diensten des VfL Gummersbach: seine Handballerkollegen, die er mit Witz und Ironie zu Papier bringt und auf seinem Blog IgorAn'art ins Netz stellt.

Eine der Karikaturen zeigt José Javier Hombrados mit breiter Zahnlücke und hoher Stirn. Spaniens Nationaltorwart war schwer begeistert, nachdem Anic ihm sein Werk via Twitter geschickt hatte - sogar so sehr, dass Hombrados das Bild in seinem Netzwerk an alle verteilte, die ihm auf Twitter folgen. Anic schrieb er: "Meinen Glückwunsch, du bist ein echt guter Künstler."

Vater Zeljko vererbte das Handball-Gen, Mutter Liliana die künstlerische Ader

Anic und Hombrados sind keine dicken Freunde, man hat hin und wieder auf dem Spielfeld die Kräfte gemessen, mehr nicht. "Dass er sofort auf meine Nachricht antwortet und auch noch sagt, ich hätte ihn gut gemalt, ist eine Ehre für mich", sagt Anic.

Der 24-Jährige hat seine beiden Begabungen in die Wiege gelegt bekommen. Vater Zeljko vererbte ihm das Handball-Gen, das Anic Junior mit dem THW Kiel drei Deutsche Meisterschaften, zweimal den Pokal und die Champions League und auch mit Montpellier und dem VfL Titel gewinnen ließ.

Mit seiner Mutter Liliana teilt er die künstlerische Ader, sie besitzt eine Galerie in Südfrankreich. Anic kann sich gut vorstellen, nach dem Ende seiner Karriere mit Malen oder Design sein Geld zu verdienen. Eine Ausbildung in diese Richtung spielt eine wichtige Rolle in seiner Zukunftsplanung. Im Sport ist er Profi, im Zeichnen Amateur. Noch. "Wie beim Handball will ich mich immer weiter verbessern."

"Lustig sollen sie sein, nicht böse"

Vorerst bleibt die Kunst auf dem Papier aber reine Freizeitbeschäftigung, "mit der ich den Kopf vom Handball frei bekomme". Ablenkung vom Alltag kann Anic derzeit gebrauchen. Nach schwachem Saisonstart stehen die Gummersbacher in der Kritik, es herrscht Tristesse.

Die Karikaturen zielen in eine ganz andere Richtung, Anic will die Menschen zum Lachen bringen. "Lustig sollen sie sein, nicht böse", sagt er über seine Bilder. Nikola Karabatic und Luc Abalo, Igor Vori und Bjarte Myrhol, Didier Dinart und Daouda Karaboué - er hat eine Reihe großer Spielerpersönlichkeiten skizziert und die Werke in seinem Blog ausgestellt. Die sollen es als Auszeichnung verstehen, mit Riesennase oder schwulstigen Lippen gemalt worden zu sein. "Ich will ihnen mit den Bildern meinen Respekt dafür zeigen, dass sie etwas erreicht haben in ihrem Leben."

Anic nimmt sich nicht nur seiner Berufskollegen an, auch Angela Merkel zählte bereits zu seinen Motiven. Er probiert eine Menge aus, um sich künstlerisch zu betätigen; etwa bemalt er blütenweiße Turnschuhe und T-Shirts mit Edding und gestaltet sogar Vorlagen für Tätowierungen. Die eine oder andere Spielerfrau ist bei ihm schon vorstellig geworden, damit er ein Tattoo für sie erstellt. Börge Lund, sein ehemaliger Mannschaftskamerad aus Kieler Zeiten, hat sich ebenfalls mehrere Bilder nach Vorlagen von Anic auf seinen Körper stechen lassen. Für den Künstler ist dieses Vertrauen eine Riesenanerkennung. "Denn Börge wird meine Zeichnungen sein ganzes Leben mit sich herumtragen."

Ob die Menschen, die er karikiert, von seiner Arbeit auch so angetan sind? "Noch hat sich niemand beschwert", sagt Anic lachend. Seine liebste Zeichnung ist die von Daniel Narcisse. "Er hat einfach ein cooles Gesicht - diese Zähne und das breite Lachen." Eine Person, an die er sich nicht herantrauen würde, gibt es nicht.

Motive, an denen er verzweifelt, dagegen schon.

Sich selbst hat er schon einige Male zu karikieren versucht - und ist stets hoffnungslos gescheitert. "Mein Problem ist, dass am Ende immer ein Porträt herauskommt, keine Karikatur." Damit es etwas wird mit der Selbstkarikatur in seinem Blog, gibt es für den Franzosen nur einen Ausweg. "Am besten wäre", sagt Anic, "dass jemand anderes mich zeichnet."

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