Radsportlegende Schur "Der DDR-Sport war nicht kriminell"

"Täve" Schur war ein populärer Radportler in der DDR. Seine Nominierung für die "Hall of Fame" des deutschen Sports wird stark kritisiert. Nun beweist er fehlende Distanz zur Doping-Geschichte der DDR.

Gustav-Adolf "Täve" Schur
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Gustav-Adolf "Täve" Schur


Der ehemalige Radsport-Weltmeister Gustav-Adolf Schur hat mitten in der Diskussion über seine Nominierung für die "Hall of Fame" des deutschen Sports die Doping-Geschichte der DDR verharmlost. "Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut", sagte "Täve" Schur der Zeitung "Neues Deutschland". "Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig." Den DDR-Sport als kriminell zu bezeichnen, sei "völliger Quatsch".

Der Sport in der DDR sei "gut" gewesen, sagte der 86-Jährige, weil er "beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war". Er kenne "diese Berichte" über Minderjährigendoping in der DDR, ergänzte Schur, ging aber trotz historischer Belegbarkeit nicht weiter darauf ein. Stattdessen verwies er auf die Wurzeln der Dopingforschung in Westdeutschland Anfang der Fünfziger Jahre.

Die Frage sei, "was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können", sagte Schur. Er ergänzte: "Nur so viel: Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen." Er erwähnte in diesem Zusammenhang den Tod der Leichtathletin Birgit Dressel vor 30 Jahren.

Kritik kommt von Doping-Gegnern wie Ines Geipel, der Vorsitzenden der Doping-Opfer-Hilfe (DOH), oder "Hall-of-Fame"-Mitglied Henner Misersky, der als Langlauftrainer in der DDR Dopinggaben verweigert hat. Schur bezeichnet diese Kommentare als "gezielte Provokation".

Es ist der zweite Versuch, Schur in die "Hall of Fame" aufzunehmen, nachdem ein erster Vorstoß im Mai 2011 gescheitert war. Damals hatte Schur von der Jury nicht die erforderliche Mehrheit bekommen.

Die drei Träger der virtuellen Ruhmeshalle, die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS), hatten Schur auf Initiative des DOSB zuletzt einstimmig erneut auf die Kandidatenliste gesetzt. Die Sporthilfe begründete dies mit der Tatsache, dass "mit der Einrichtung und Weiterentwicklung der Ruhmeshalle ein Erinnerungs- und Aufklärungsprozess" in Gang gekommen sei, "der auch unangenehme Wahrheiten nicht verschweigen soll."

Die Vorschläge für die diesjährige Wahl, für die außerdem die zweimalige Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler - deren Nominierung wegen ihrer Vergangenheit im dopingdurchsetzten DDR-Sport kritisch hinterfragt wird - sowie Sven Hannawald, Franz Keller und Lothar Matthäus nominiert wurden, seien "mit der nötigen Sorgfalt analysiert und auf Unbedenklichkeit überprüft" worden.

krä/sid



insgesamt 44 Beiträge
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jujo 20.04.2017
1. ...
In die Ruhmeshalle gehören Sportler deren sportlicheLeistung und allgemeine Haltung jungen Menschen als Vorbild dienen könnten. Her Schur gehört nicht dazu.
michael.meyer 20.04.2017
2. Du meine Güte
Sie schreiben es doch selbst: Täve ist 86. Man soll ihn doch bitte einfach in Ruhe lassen. Seine Zeit war und ist sein Leben für seinen Radsport. Wann bitteschön war das alles?
bjbehr 20.04.2017
3. Unbedrohtes Aussterben
Möge es einer der letzten Geschichtsvergessenen, -verbockten und -ignoranten seiner Art sein. Sie sterben aus, und das ist gut so.
BettyB. 20.04.2017
4. Nun ja...
Da "der Sport" nicht kriminell sein kann, weil er nicht gegen Gesetzte verstoßen kann, hat er irgendwie recht, und ob die DDR-Gesetzte Doping verbaten, ist mir nicht bekannt. Interessanter ist, dass es eben auch in der Bundesrepublik Jahrzehntelang Dopingforschung und Doping gab. und wohl noch kein Doper aus der "Hall of shame" genommen wurde.
spon-facebook-10000253305 20.04.2017
5. @kulinux
Jepp, da sollte man auch nachforschen. Aber dass Herr Schur so das DDR-Doping verharmlost sollte ihm alle Türen verschließen: "Die Frage sei, "was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können", sagte Schur. Er ergänzte: "Nur so viel: Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen." => die DDR hat viel verschleiert und ob der Sportler jetzt durch unmittelbare Abgabe oder nach jahrelangem Gesundheitsschäden stirbt, ist für mich dasselbe. Dazu passend der Tod von Gerd Bonk... https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_sport/article133560161/Tod-durch-System-Doping-in-der-DDR.html
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