Handball-Feier in Berlin Mit DJ Ötzi, aber ohne Gaucho-Tanz

9000 Fans haben die Handball-Europameister in Berlin gefeiert. "Wir sind Handballer, wir kopieren nicht", sagt Teammanager Oliver Roggisch. Er will keine Vergleiche mit den Fußballern zulassen. Das gelingt aber nicht immer.

Von Stephan Uersfeld, Berlin


Natürlich haben alle auf Andreas Wolff gewartet. "Wir sind doch auch Torhüter", sagt Alexandra Valais vom viertklassigen MTV Weferlingen. Sie ist mit ihrer Torhüterkollegin Sabine Müller nach Berlin gefahren. Am Abend zuvor hatte ihre Mannschaft zusammengesessen und das Spiel gesehen. 24:17 gegen den großen Favoriten aus Spanien.

"Dann wollten wir nach Berlin. Der Chef hat uns freigegeben. Wir wollten Wolff sehen", sagt sie, und wiederholt: "Wir sind doch auch Torhüter."

Vor der Max-Schmeling-Halle in Berlin bilden sich lange Reihen, quer durch den angrenzenden Park. Ein kalter Wintertag, Regenschauer. Immerhin sind Winterferien, und so sind es dann auch vornehmlich Schüler und Studenten, die es in den Prenzlauer Berg zieht. Sicher sind auch ein paar neue Torhüter dazwischen. Am Ende sind es sicher 9000 Menschen.

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Der 24-jährige Wolff könne, erzählt man sich, seine Beine im Stehen auf die Torlatte legen. Das Tor ist zwei Meter hoch. Am Sonntag, im Finale der Europameisterschaft parierte er fast 50 Prozent aller Würfe.

Jetzt steht Wolff auf der Bühne der Max-Schmeling-Halle. Alle haben auf ihn gewartet, er läuft als letzter Spieler durch das Spalier der Fans. Es ist laut. Vorher flimmert er noch über die Leinwand. Wie er einen Ball im Rücklaufen aufgreift, wie er zwei Würfe in einer Sekunde pariert. Wie er dort steht. Mit seinem Bart, in seinem Torwarttrikot.

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Auf der Bühne macht er jetzt den Wolff, reißt beide Arme in die Luft. Lässt seine Muskeln spielen. Die hinter ihm versammelte Mannschaft senkt schamvoll ihre Köpfe. Aber heute darf er das.

"Es ist einfach bodenständig"

Solche Siegesfeiern kennt man sonst nur aus dem Fußball - wo jedoch mit Hilfe von Sponsoren alles durchgeplant ist. Beim Handball sei das alles anders, sagt Sascha Tilberg aus Berlin. Kein Marketing, nichts sei organisiert. Es gehe um das Spiel, um die Taktik, um die Gemeinschaft. Seine Augen leuchten. "Es ist einfach bodenständig."

DJ Ötzi singt ein Lied, einen Kumpel hat er auch mitgebracht. Der Inner-Circle-Hit "Bad Boys" wird gespielt. Immerhin der kuriose Spitzname dieser jungen Mannschaft. Dazu deutsche Partyklassiker. Die Atzen, Scooter, der unvermeidbare Bourani. Oh, wie ist das schön und so sehen Sieger aus. Musik, die dann doch stark an die Fanmeile am Brandenburger Tor erinnert.

Roggisch will kein Bierhoff sein

Oliver Roggisch ist bereits vor der Nationalmannschaft da. Er ist der Teammanager, der Oliver Bierhoff des Handballs, wenn man so will. Aber er will nicht. "Wir sind Handballer, wir kopieren nicht. Wir machen unser eigenes Ding", sagt er. Bloß kein Gaucho-Tanz.

Roggisch vergisst aber schnell die Rolle des Kontrolleurs. Er ruft gemeinsam mit ARD-Moderator Alexander Bommes die Spieler aus, klatscht sie ab. Er ist Teil des Teams. Er steht nicht über ihnen. Er lacht mit ihnen, weil sie ihre Stimme verloren haben, er fordert Finn Lemke auf, der Halle zu zeigen, wie das Team einmal still war. "Heute nicht, heute kann uns niemand schlagen. Heute ist unser Tag", schreit Lemke, die Halle johlt. Roggisch lacht.

Trainer Dagur Sigurdsson wählt eher einen Platz am Bühnenrand. Allein. Schaut auf die Tribünen. Winkt. Lacht. Einmal bewegt er seine Arme, nur um sie schnell wieder hinter dem Rücken zu verschränken. Bommes rennt hinter ihm her. Er will eine Stimme. Live on Air. Irgendwann bekommt er sie. Der 42-jährige Isländer kehrt als Europameister in die Halle der Füchse Berlin zurück, die Halle, die er im Sommer 2015 verließ, um sich ausschließlich auf die Nationalmannschaft zu konzentrieren.

Steffen Weinhold, der zweite Kapitän, stemmt zum Abschluss der Feierlichkeiten noch einmal mit seinem Vorgänger Uwe Gensheimer und dem dritten Spielführer Carsten Lichtlein den Teller in die Luft - die Bad Boys starten eine Polonaise. Bis der Vorhang fällt. Für den neuen Helden Wolff steht fest, dass es nicht das letzte Handball-Fest gewesen sein soll.

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insgesamt 12 Beiträge
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noalk 01.02.2016
1. Dagur Siggurdson
Wenigstens Namen sollten bei SPON richtig geschrieben werden: "Dagur Sigurðsson", meinetwegen geht auch "Dagur Sigurdsson".
Stäffelesrutscher 01.02.2016
2.
Zitat von noalkWenigstens Namen sollten bei SPON richtig geschrieben werden: "Dagur Sigurðsson", meinetwegen geht auch "Dagur Sigurdsson".
Das können die nicht. Nicht mal bei Fußballern, siehe Mario Gómez, İlkay Gündoğan, Mario Mandžukić oder Célia Šašić.
cerec 01.02.2016
3. einfach Klasse
so spontan, so symphatisch. Macht mal weiter so Jungs, wir werden Euch auch in Zukunft unterstützen.
karin_meixner-nentwig 01.02.2016
4.
Hallo Ihr "Bösen Buben"!! Ihr habt mir und meiner Familie viele schöne, unvergessliche Abende bereitet. Wir hoffen sehr, dass dursch Eure grandiosen Leistungen der "Handball" mehr Öffentlichkeit erfährt und dadurch noch mehr Anhänger bekommt. Seit 3 Generationen spielen wir diesen Sport und lieben ihn noch immer.
ludger_klein 01.02.2016
5.
an diesem trainer könnten sich alle ein beispiel nehmen, bescheiden und mit viel kompetenz und dann singt der noch als isländer voll inbrunst die deutsche nationalhymne mit, bei der die deutschen fussballer mit migrationshintergrund lieber schweigen!
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