Handball-Aussteiger Kim Ekdahl Du Rietz "Es war klar, dass nicht alles saugeil wird"

Er galt als einer der weltbesten Rückraumspieler, dann löste der Handballstar mit 27 Jahren seinen Vertrag auf, um auf Weltreise zu gehen. Im Interview spricht Kim Ekdahl Du Rietz über seine Sinnsuche - und die Rückkehr aufs Feld.

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Von Michael Wilkening


Vor knapp einem Jahr löste der schwedische Handballer Kim Ekdahl Du Rietz seinen bis Juni 2018 laufenden Vertrag bei den Rhein-Neckar Löwen vorzeitig auf. Der damals 27-Jährige, einer der besten Rückraumspieler der Welt, hatte den Spaß am Sport verloren. "Ich liebe den Handball nicht mehr. Ich habe nur gespielt, weil ich es gut kann." Stattdessen wollte er die Welt bereisen, neue Sprachen lernen und nach Sinnhaftigkeit suchen.

Neun Monate später ist Ekdahl Du Rietz nach seiner Reise über vier Kontinente wieder da. Weil die Löwen große Personalsorgen plagen, ließ sich der Schwede überzeugen, für den Rest der Saison zu seinem alten Team zurückzukehren. "Ich liebe diese Mannschaft", sagt Ekdahl Du Rietz. Am Dienstagabend, im Viertelfinale des Pokals, steht Ekdahl gegen den SC DHfK Leipzig zum ersten Mal im Kader seiner alten und neuen Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ekdahl du Rietz, Sie kehren nach neun Monaten Abstinenz zu den Rhein-Neckar Löwen zurück. Haben Sie die Entscheidung bereut, dem Profi-Handball im vergangenen Sommer den Rücken gekehrt zu haben?

Ekdahl Du Rietz: Nein. Ich freue mich riesig, dass es keine Reue gibt. Es gab für mich keinen anderen Weg. Gucken wir mal, was jetzt kommt.

SPIEGEL ONLINE: Zunächst kommt auf Sie die Rückkehr in die SAP-Arena in Mannheim zu. Welche Emotionen erwarten Sie?

Ekdahl Du Rietz: Hm, schwer zu sagen, das kam ja alles aus heiterem Himmel. Zu realisieren, dass ich jetzt wieder zurück bin, dauert vielleicht noch ein bisschen. Es ist surreal, dass ich jetzt dahin zurückkomme, wo alles aufgehört hat. Die zurückliegenden neun Monate verschwinden schnell in so einem verschwommenen Halbtraum.

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Handball-Globetrotter: Comeback nach der Sinnsuche

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit dem Handball aufgehört, weil er Sie nicht mehr glücklich gemacht hat. Haben Sie Ihr Glück inzwischen gefunden?

Ekdahl Du Rietz: Ich bin nicht auf der Suche nach dem Glück, aber ich hatte neun sehr gute Monate. Ich habe mir vor dem Ende der Handballkarriere gesagt, dass ich nicht hoffen darf, dass jetzt jeder Tag perfekt wird, weil ich keinen Handball mehr spiele. Es war klar, dass nicht alles saugeil wird, denn es ist ein riesiger Schritt, so plötzlich das komplette Leben umzukrempeln. Aber es war sehr schön, Lebensfreude zurückzugewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen die Zeit ohne Handball gegeben, was Sie sich erhofften?

Ekdahl Du Rietz: Ja, das und noch mehr. Für mich war es der größte Gewinn, dass ich bei meinen Reisen sehr viel alleine unterwegs war. Es macht etwas mit einem selbst, wenn man so viel Zeit bekommt nachzudenken, und gleichzeitig so viele neue äußere Eindrücke auf einen einprasseln. Ich liebe besonders das Gefühl, dass sich das Gehirn und die Gedanken umformen. Man beginnt, Dinge anders zu betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wahrnehmungen haben sich verändert?

Ekdahl Du Rietz: Es hat sich nichts Spezifisches verändert. In meinem Leben ist wichtig, dass ich nicht das Gefühl des Stillstands habe. Ich brauche das Gefühl, dass ich mich entwickle. Dadurch fühle ich mich reicher. In den vergangenen neun Monaten habe ich davon so viel bekommen wie sonst in Jahren nicht, das war eine einzige Beschleunigungsphase.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind Sie jetzt zum Handball zurückgekehrt. Haben Sie ihn vermisst?

Ekdahl Du Rietz: Ja. Es war vielleicht etwas naiv von mir, denn ich dachte nicht, dass ich Dinge vermissen werde. Jetzt bin ich wieder da und freue mich, dass ich das wieder erleben kann. Es klingt kurios, aber ich habe mich mehr als Handballer gefühlt, als ich keinen Handball gespielt habe. Handball war ein großer Teil meines Selbstbilds. Es ist schwierig, von etwas loszukommen, was man sein ganzes Leben lang gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Viele ehemalige Profiathleten beschreiben ihren Sport und die damit verbundene Öffentlichkeit wie eine Droge. Spürten Sie Entzugserscheinungen?

Ekdahl Du Rietz: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Was mir gefehlt hat, war die Gemeinschaft. Mir hat die Mannschaft gefehlt, die Fans, das Umfeld, die Öffentlichkeit. Alles eben, was um den Sport herum ist, diese Handball-Gemeinschaft. Das Spiel selbst ist der Klebstoff, der alles zusammenhält.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie wieder ein Teil des Klebstoffs.

Ekdahl Du Rietz: Jeder Mensch braucht Ziele, und ich hatte jetzt zum ersten Mal eine Phase, in der es nichts gab. Es hat mir mehr gefehlt, als ich dachte, dass ich eine Rolle brauche. Es ist gut, zu dieser Erkenntnis gekommen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Gehälter der nächsten drei Monate wollen Sie spenden. Dieser Schritt ist ungewöhnlich, warum tun Sie das?

Ekdahl Du Rietz: Ich finde, dass die Menschen, die genug haben, teilen sollten. Ich bin dazu in der Lage. Dazu fällt mir eine Geschichte aus dem Senegal ein, wo ich für eine Nacht kein Quartier hatte, weil eine Hostel-Buchung schiefgelaufen war. Ich stand also praktisch auf der Straße, als ich mich ein Mann mit zu sich nach Hause nahm. Er hat mir etwas zu essen auf den Tisch gestellt und mit mir geteilt. Das tue ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Anfang Juni wird Ihr Projekt bei den Löwen vorüber sein, ist danach erneut mit dem Profi-Handball Schluss?

Ekdahl Du Rietz: Das weiß ich noch nicht. Sicher ist, dass das Kapitel bei den Löwen beendet sein wird. Was danach kommt, kann ich nicht sagen. Das war vor neun Monaten anders, da war ich verdammt nah dran zu sagen, das war es definitiv mit dem Handball. Dinge verändern sich eben und ich würde nicht in einer Welt leben wollen, in der sich nichts verändert.

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a-cologne 06.03.2018
1.
Guter Mann mit klaren Ansichten und dazu mit dem Glück verbandelt, auch einmal unkonventionell vorzugehen. Wer kann schon kurzerhand eine neunmonatige Auszeit nehmen durch eine Vertragsauflösung? Nicht viele. Und die Beschreibung seines Lernprozesses während der Weltreise klingt ebenfalls schlüssig. Weiter so.
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