Streit über Handball-WM "Das widert uns an"

Ist das fair? Deutschland hat die Qualifikation zur Handball-WM in Katar verpasst, darf aber trotzdem mitspielen. Australien, das sich qualifiziert hatte, muss dafür zu Hause bleiben - und sieht sich betrogen.

Australien-Nationalspieler Gerstch (r.): "Die IHF braucht Deutschland bei der WM"
Thomas Gerstch

Australien-Nationalspieler Gerstch (r.): "Die IHF braucht Deutschland bei der WM"


Hamburg - Es gibt mehrere Übersetzungen für das englische Wort "disgusted". Es kann "angeekelt" und "angewidert" heißen, außerdem schlägt das Wörterbuch die Varianten "empört" und "entrüstet" vor. Zwischen diesen Polen bewegt sich die Gefühlslage von Australiens Handballnationalmannschaft in diesen Tagen. "We are disgusted", sagt Torwart Thomas Gerstch.

Angeekelt und angewidert vom Handball-Weltverband IHF. Empört und entrüstet über dessen Entscheidung aus der vergangenen Woche, Deutschland für die Weltmeisterschaft im Januar in Katar zuzulassen, obwohl das deutsche Team in der Qualifikation gescheitert war. Und dafür die Australier auszuschließen, obwohl sie die Qualifikation geschafft hatten.

An diesem Sonntag werden die Vorrundengruppen der WM ausgelost, und während sich die deutsche Handballgemeinde freut, doch noch einen Platz im Lostopf bekommen zu haben, schaut man am anderen Ende der Welt der Zeremonie mit Verbitterung entgegen: "Die WM war unser Traum. Wir wollten die Auslosung zusammen verfolgen, jeder von uns hatte einen Wunschgegner", sagt Torwart Gerstch. Doch die IHF hat den Australiern die WM geraubt - so sehen sie das.

Die Faktenlage ist diese: Australien hatte sich im April für die WM qualifiziert. Dazu genügte ein Sieg in den Qualifikations-Playoffs gegen Neuseeland. Weitere Gegner gibt es im Kontinentalverband Ozeanien nicht. Australiens Weg zum WM-Ticket ist kurz. Zu kurz, findet die IHF.

Australiens einzigen WM-Sieg gab es gegen Grönland

Der Weltverband entschied, dem Kontinentalverband Ozeanien die Anerkennung zu verweigern - und erklärte damit Australiens Qualifikation für ungültig. Deutschland bekam eine Wildcard. Mehrere Presseanfragen - unter anderem von SPIEGEL ONLINE - ließ die IHF danach unbeantwortet, mittlerweile veröffentlichte der Verband eine ausführliche Erklärung. Darin verweist er darauf, dass Ozeaniens Handball keine Fortschritte mache, außerdem habe der Kontinentalverband nicht genug Mitgliedsländer.

Dem können die Australier nicht einmal widersprechen. Australien wurde bei den vergangenen fünf Weltmeisterschaften Letzter, das einzige gewonnene Spiel gab es bei der WM 2003, ein 26:12 gegen Grönland. Und tatsächlich erfüllt der Ozeanien-Verband nicht die Anforderungen. Das ist allerdings nicht neu.

"Wir wissen, dass der Handball in unserem Teil der Welt nicht groß ist", sagt Alex Gavrilovic, der Präsident des australischen Verbands. Er halte es für nachvollziehbar, dass die IHF hinterfragt, ob Ozeanien den bislang zugesicherten WM-Startplatz tatsächlich braucht. Doch ihn stört, dass dem Weltverband diese Gedanken erst jetzt kommen. Erst nachdem sich das australische Team vermeintlich qualifiziert hatte.

"Wenn die IHF der Meinung ist, dass Handball in Ozeanien zu schwach ist, dann muss sie uns helfen, das zu ändern", sagt Gavrilovic. Australien einfach aus dem Teilnehmerfeld zu streichen, das gehe nicht. "Wenn wir uns nicht über den Kontinentalverband qualifizieren können, wie können wir uns dann qualifizieren?" Gavrilovic hätte da eine Idee: Seiner Meinung nach wäre es fair, wenn Australien künftig in der Asien-Qualifikation antreten würde.

Er hat einen Verdacht, warum die IHF sich kurzfristig entschieden hat, Deutschland zur WM zuzulassen und Australien auszuschließen. Der Verdacht hängt damit zusammen, dass Handball in Deutschland deutlich populärer ist als in Australien, wo die Ligaspiele oft nur vor Freunden und Verwandten stattfinden. Also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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WM-Wildcard für Deutschland

Ist die Entscheidung des Handballweltverbands gerecht?

Rechtliche Schritte sind "eine Möglichkeit"

"Der Markt in Deutschland ist größer als in Australien, mit den TV-Rechten lässt sich dort mehr verdienen als hier", sagt Gavrilovic. Torwart Gerstch sagt: "Die IHF braucht Deutschland bei der WM." Und er wirft die Frage auf, was wohl gewesen sei, wenn das deutsche Team die Qualifikations-Playoffs gegen Polen gewonnen hätte. Ob die Australier dann auch ausgeschlossen worden wären. Es ist eine rhetorische Frage.

Die Australier wollen ihren Startplatz für Katar zurück. Sie haben eine Menge investiert, um sich für die WM zu qualifizieren. Jeder Spieler hat laut Torwart Gerstch in den vergangenen beiden Jahren 3000 Dollar aufgewendet für die Reisen zum Training nach Sydney und zur Qualifikation nach Neuseeland. Handball ist in Australien ein Amateursport, die Spieler verdienen ihr Geld in anderen Berufen: sind Ingenieure, Anwälte, Bauarbeiter, Studenten. Die Kosten für ihren Sport tragen sie selbst. "Wir haben viele Opfer gebracht, um uns zu qualifizieren. Jetzt wollen wir auch bei der WM dabei sein", sagt Gerstch.

Und so ganz haben die Australier die Hoffnung nicht aufgegeben, dass das noch klappen könnte. Über Facebook organisieren sie Protest gegen die IHF-Entscheidung. Sie wollen auf diplomatischem Weg zu einer Lösung mit dem Weltverband kommen - und das so schnell wie möglich. Präsident Gavrilovic nennt eine Frist von zwei, drei Wochen. Sollte das nicht gelingen, werden die Australier wohl rechtliche Schritte gegen die IHF einleiten.

"Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit", sagt Präsident Gavrilovic. Aber er hofft, dass es so weit nicht kommen muss: "So ein Verfahren ist teuer. Und wir sind kein reicher Verband."

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Seite 1
tl-hd 20.07.2014
1.
Egal wie man das dreht, das hat auf jeden Fall einen faden Beigeschmack. Einerseits ist es merkwürdig, wenn ein eher schwaches Team eine 50%-Chance auf die WM-Teilnahme hat, weil es nur eine Playoff-Runde gegen den einzigen Gegner im Kontinentalverband überstehen muss, um sich zu qualifizieren, während deutlich stärkere Teams nicht zur WM dürfen. Andererseits war das aber sicher nicht erst seit ein paar Wochen bekannt. Da hätte der IHF also lange Zeit gehabt, an den Qualifikationsregeln vor Beginn der Qualifikation etwas zu ändern, oder aber auch jetzt Änderungen für die nächste Qualifikation anzukündigen. Im Nachhinein die Regeln zu ändern, weil ein wichtiger TV-Markt sonst wegfällt, kann jedenfalls (außer evtl. für den IHF-Schatzmeister) für keine Seite eine befriedigende Lösung sein.
kabian 20.07.2014
2. Ist das sportlich???
Ich habe selber viele Jahre Handball gespielt und bin entäuscht das solch eine unfähige Manschaft teilnehmen kann weil das Scheckbuch winkt. Das ist unfair und entspricht nicht den Regeln des Sports. Fehlt nur noch das die Podestplätze nach Wirtschaftlichkeit vergeben werden.
just_ice 20.07.2014
3. In den australischen Medien
existiert dieser "Streit" überhaupt nicht. Auch nach 10-minütiger Suche auf den wichtigsten News-Sites liess sich nichts zu diesem Handball-Thema finden. Der DHB kann die Wildcard also ruhigen Gewissens annehmen. Außer den sieben australischen Handballspielern scheint dies dort niemanden zu interessieren.
AxelSchudak 20.07.2014
4. Deutschland zur WM... ?
Deutschland sollte - so schmerzlich das ist - auf die Nutzung der Wildcard verzichten. Wenn Ozeanien kein Verband ist, muss man das VOR der Qualifikation festlegen - jemanden nachher zu streichen, erscheint willkürlich und unsportlich. Selbst wenn vermutlich jeder Dorfverein hier die Australier einpacken würde...
FrankDr 20.07.2014
5.
Wenn Deutschland Schneid hätte, würde der Handball-Verband zurückziehen. Das man Australiens Weg kritisiert, ist okay. Auch über deren Vorschlag zu Asien ... Aber all das kann erst für die nächste WM gelten, sonst ist das ja wirklich "ekelig"
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