Handball-Reformer Hanning: Der Rechthaber

Von Birger Hamann

Bob Hanning: Der Handball-Napoleon Fotos
Getty Images

Er tritt an, um den deutschen Handball umzukrempeln: Bob Hanning. Der Manager des Bundesligisten Füchse Berlin will DHB-Vizepräsident werden und den Verband wieder auf Erfolg trimmen. Für den Handball-Verrückten spricht seine Erfolgsbilanz - und seine große Klappe.

Am Morgen noch hatte er einen Termin in einem Hospiz. Danach hat er einen neuen Spender für seinen Club an Land gezogen, zum Mittagessen muss er bei seiner A-Jugend sein. Und zwischendurch erklärt Bob Hanning, wie er den deutschen Handball reformieren will. Zugegeben, zunächst ziemlich trivial: "Die Frage, die über allem stehen muss: Wie schaffen wir es mit der Nationalmannschaft, den maximal möglichen Erfolg zu holen?", sagt er.

Hanning, 45, sitzt im Konferenzraum des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin am Gendarmenmarkt, wobei sitzen relativ ist. Hanning rutscht während des Gesprächs auf seinem Stuhl hin und her. So ist er: ständig in Bewegung, ein Rastloser, bei dem sich alles um Handball dreht. Hanning ist Manager, Trainer, Funktionär, Co-Kommentator im Fernsehen. Am kommenden Wochenende soll die nächste Aufgabe dazukommen: Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB).

"Wenn ich denn gewählt werde", sagt Hanning. Koketterie. Es gibt beim DHB-Bundestag in Düsseldorf keinen Gegenkandidaten, Hanning steht für Veränderung, und nichts braucht der mit rund 830.000 Mitgliedern größte Handballverband der Welt derzeit dringender.

Der frühere Handball-Bundesliga-Torwart Bernhard Bauer tritt an, um Nachfolger des Präsidenten Ulrich Strombach zu werden und den DHB mit neuem Personal von dem Staub zu befreien, der sich im Laufe der Jahre auf ihn gelegt hat. Bauers starker Mann bei dieser Mission ist Hanning, der für den Bereich Leistungssport verantwortlich sein soll, also für die Nationalmannschaften, natürlich mit Fokus auf dem A-Team der Männer.

Und das hat - trotz des positiven Auftretens bei der WM im Januar - in den vergangenen Jahren vor allem negative Schlagzeilen produziert. Die verpasste Qualifikation für die EM 2014 war der vorläufige Tiefpunkt. "Wir haben beim DHB viel PS, die wir zwingend auf die Straße bringen müssen. Denn bei der Männer-Nationalmannschaft sind wir derzeit nur zweitklassig", sagt Hanning.

Hanning hat gleichermaßen Freunde wie Feinde

Das sind zwei markige Sätze, ganz nach Hannings Geschmack. Er taugt nicht als Diplomat, deshalb wäre er auch kein guter Präsident. Hanning ist ein Macher, der Ideen hat, anpackt, dabei ständig anderen auf die Füße tritt und auch gerne bewusst provoziert. Das Magazin "Handballwoche" hat einmal geschrieben, Hanning habe sich mit seiner Art "gleichermaßen viel Freunde wie Feinde geschaffen". Das Problem seiner Feinde: Der Mann hat oft Recht und meist auch noch Erfolg. Das hat ihm, inspiriert von der gleichnamigen Fernsehserie, den Spitznamen "Bob, der Baumeister" eingebracht.

Die SG Solingen führte er als Trainer einst von der dritten in die erste Liga. Beim HSV Hamburg schuf er das Fundament für die späteren Erfolge, indem er Leistungsträger wie Pascal Hens und Torsten Jansen holte und den Club als Marke etablierte. Dafür ließ sich der Coach auch schon im Napoleon-Kostüm ablichten. Ein Bild, das haften blieb. Nicht nur weil Hanning die geringe Größe mit dem französischen Staatsmann teilt (1,68 Meter), sondern weil seinem Wirken immer auch etwas Revolutionäres anhaftet. So hat er die Berliner Füchse als Manager von einem biederen Zweitligisten zu einem Champions-League-Halbfinalisten geformt. Und zwar mit einer "Strategie der gekonnten Penetranz", wie die "taz" feststellte. Jetzt also soll die Nationalmannschaft an der Reihe sein.

"Ich möchte Verantwortung übernehmen. Und wir werden keine personenbezogenen, sondern sachbezogene Entscheidungen treffen, dafür werde ich mich einsetzen", spult Hanning runter. Was er meint: Er will dem Verband neue Strukturen verpassen. Dazu gehört in erster Linie die Schaffung von zwei neuen Stellen innerhalb des DHB: ein Generalsekretär und ein übergeordneter Nachwuchskoordinator.

Hohe Ansprüche und waghalsige Alleingänge

Die eine Position, ein hauptamtlicher Generalsekretär, soll den Verband professionalisieren. Die zentralen Themen sind Vermarktung, Sponsoring, Öffentlichkeitsarbeit, Innovation. "Wir müssen in der Außendarstellung einen Schritt nach vorne machen", sagt Hanning. Dass dies zuletzt nicht der Fall war, daran ist er nicht ganz unschuldig, wie die Posse um die WM 2019 belegt, als Hanning und Bauer eigenmächtig eine deutsche Bewerbung eingereicht hatten. Sie haben das in Kauf genommen, damit Deutschland bei der Vergabe des Turniers dabei ist.

Bei der anderen Position, dem übergeordneten Nachwuchskoordinator, sollen alle Fäden zusammenlaufen, wenn es um junge Spielerinnen und Spieler geht. Zwar gibt es bereits viele Talente im deutschen Handball, auch erfolgreiche Nationalteams im Jugendbereich, aber es geht noch besser. Daher der Satz mit den PS, die auf die Straße gebracht werden müssen. Das Stichwort lautet Kommunikation, eines von Hannings großen Themen. Reden und Lösungen finden, das ist sein Credo. Wobei er oft am meisten redet und am Ende gerne selbst entscheidet.

Auch die Belastung der Nationalspieler wegen des prall gefüllten Terminkalenders ist ein Thema, überdies ein Leistungszentrum, haupt- und ehrenamtliche Trainer akquirieren und fördern, besser mit der Bundesliga kooperieren. "Es gibt viele Baustellen, daher haben wir eigentlich keine Zeit. Aber wir müssen uns Zeit nehmen", sagt Hanning.

Zeit ist nach fast zwei Stunden Gespräch das richtige Stichwort, denn die hat Hanning jetzt nicht mehr. Er muss zu seiner A-Jugend, am Abend steht das erste Saisonspiel gegen Potsdam an, das die Füchse 47:24 gewinnen werden. Es soll Hannings letzte Saison als Trainer des Nachwuchses sein, damit er sich auf seine Aufgaben als Manager in Berlin und DHB-Vize konzentrieren kann. Und wenn möglich, will er sich mit der Deutschen Meisterschaft von seinen Jungs verabschieden. Es wäre die vierte in Folge.

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Deutsches Abschneiden bei WM-Turnieren
Jahr Platzierung
2011 11.
2009 5.
2007 Weltmeister
2005 9.
2003 Vize-Weltmeister
2001 8.
1999 5.
1997 nicht qualifiziert
1995 4.
1993 6.
1990 nicht qualifiziert (DDR 8.)
1986 7. (DDR 3.)
1982 7. (DDR 6.)
1978 Weltmeister (DDR 3.)
1974 9. (DDR Vize-Weltmeister)
1970 5. (DDR Vize-Weltmeister)
1967 6.
1964 4.
1961 4.*
1958 3.*
1954 Vize-Weltmeister*
*gesamtdeutsche Mannschaft