Neue Handballsaison Das Spektakel beginnt erst im Januar

Der THW Kiel will den Titel gewinnen. Damit das gelingt, sollen verdiente Ex-Profis helfen. Außerdem im Fokus des neuen Handballjahres: die gescheiterte deutsche Nationalmannschaft.

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Holger Glandorf grinste kurz, dann schüttelte er den Kopf. "Deutscher Meister? Nein, dafür sind die Rhein-Neckar Löwen zu solide", sagte der Rekordtorschütze der Handball-Bundesliga dem SPIEGEL auf die Frage, ob sich die SG Flensburg-Handewitt noch den Titel in der deutschen Liga sichern könnte. Das war Anfang März und damals hatte sein Team vier Punkte Rückstand auf die Löwen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Flensburg zog in den kommenden drei Monaten an den Mannheimern vorbei und sicherte sich im Juni überraschend den Titel. Für den 35 Jahre alten Glandorf war es die erste Deutsche Meisterschaft seiner Karriere.

Nun starten Glandorf und Co. in die neue Spielzeit: Am Donnerstag beginnt die 53. Saison unter anderem mit dem Duell zwischen Melsungen und Magdeburg (19 Uhr). Flensburg startet am Samstag gegen Minden (20.30 Uhr). Wird die SG ihren Titel verteidigen können? Wie stehen Kiels Chancen auf den Titel nach drei Jahren ohne Meisterschaft? Die wichtigsten Antworten vor dem Ligastart.

Was spricht für Kiel?

Wenn der THW Kiel am Sonntag in die neue Saison gegen Erlangen startet (16 Uhr), dann beginnt die Abschiedstour des langjährigen Coaches des Klubs, Alfred Gislason: Der 58-Jährige wird seinen Vertrag beim THW nach elf Jahren nicht mehr verlängern. Sein letztes Ziel ist der Gewinn seiner siebten Meisterschaft mit dem Rekordmeister. Tatsächlich stehen die Chancen auf einen Aufschwung (Kiel wurde im Vorjahr nur Fünfter) gut und der THW könnte die zuletzt starken Fußballer von Holstein Kiel wieder als Stadtgespräch Nummer eins ablösen.

Das liegt neben den finanziellen Möglichkeiten (höchster Etat der Liga), den Verpflichtungen von Nationalspieler Hendrik Pekeler, Rückraumspezialist Harald Reinkind und dem isländischen Toptalent Gisli Kristiansson (Kreisläufer, 19 Jahre) auch an einem personellen Umbau im Trainerbereich, der an die Veränderungen beim FC Bayern im Fußball erinnert: verdiente Ex-Profis mit wichtigen Aufgaben im Verein ausstatten.

Gislason wird vom früheren Kieler Kapitän Filip Jicha unterstützt. Der Tscheche wurde beim THW zum internationalen Superstar, gewann 2010 die Wahl zum Welthandballer - und soll nach Gislasons Abschied Chefcoach werden. Der 36-Jährige verfügt über eine enorme Spielintelligenz und könnte das Team tatsächlich verbessern, vor allem in der zuletzt schwächelnden Abwehr. Außerdem neu im Trainerstab: Kiels Ex-Torwart Mattias Andersson, bis Sommer Keeper beim Meister Flensburg und nun Torwartcoach der Weltklasse-Torhüter Niklas Landin und Andreas Wolff.

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Handball: Das wird in der neuen Spielzeit wichtig

Wer sind die weiteren Titelkandidaten?

Eine Titelverteidigung der SG Flensburg-Handewitt ist schwer vorstellbar, es wäre sogar eine noch größere Sensation als die spektakuläre Aufholjagd in der Vorsaison. Besonders, weil wichtige Spieler wie Torhüter Andersson und die Superstars Henrik Toft Hansen (Paris) sowie Kentin Mahé (Veszprém) den Verein verlassen haben.

Ein sicherer Titelkandidat sind dagegen die Rhein-Neckar Löwen, bei denen Trainer Nicolaj Jacobsen in seine letzte Saison geht. Die Bedingung für den Titel ist eine starke Saison von Topstar Andy Schmid, der nun fünfmal in Folge zum Spieler des Jahres gewählt worden ist. Die Füchse Berlin haben sich personell verstärkt und könnten eine Chance im Meisterkampf haben, dafür müssten die Löwen und Kiel aber auch erneut patzen.

Wo kann man die Spiele verfolgen?

Der Bezahlsender Sky überträgt wie bereits in der vergangenen Saison alle 306 Spiele live (Teil des Sportpakets, aktueller Preis: 19,99 Euro pro Monat). Änderungen gibt es bei den Anwurfzeiten: Das Topspiel am Sonntag wird künftig um 13.30 Uhr und die weiteren Spiele um 16 Uhr angepfiffen, diese werden in einer Live-Konferenz gezeigt. Damit fällt das 12.30-Uhr-Spiel am Sonntag weg. Einige Vereine hatten diesen Termin kritisiert, da er für einen Rückgang bei den Zuschauerzahlen in Heimspielen gesorgt haben soll.

Neu ist zudem die Konferenz der Donnerstagspiele. Zwei Spiele der Saison werden live von der ARD übertragen, die erste Partie ist das Nordderby zwischen Meister Flensburg und Kiel (8. September).

Die deutschen Handball-Meister seit 2010

Jahr Verein Vorsprung auf Platz zwei
2018 SG Flensburg-Handewitt ein Punkt
2017 Rhein-Neckar Löwen drei Punkte
2016 Rhein-Neckar Löwen ein Punkt
2015 THW Kiel zwei Punkte
2014 THW Kiel zwei Tore
2013 THW Kiel sieben Punkte
2012 THW Kiel elf Punkte
2011 HSV Hamburg sieben Punkte
2010 THW Kiel ein Punkt

Was wird das Saisonhighlight?

Handball-Euphorie dürfte erst wieder im Januar aufkommen, wenn die Bundesliga (auch im Fußball) ruht. Vom 10. bis zum 27. Januar findet die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark statt. Titelverteidiger ist Frankreich. Die deutsche Mannschaft war beim Turnier vor zwei Jahren im WM-Achtelfinale an Katar gescheitert, bei der EM 2018 schied die DHB-Auswahl bereits in der Hauptrunde aus.

Bundestrainer Christian Prokop steht seit der EM-Enttäuschung in der Kritik. Auch innerhalb der Mannschaft soll es Stimmen gegen einen Verbleib des 39-Jährigen gegeben haben. Doch die DHB-Spitze entschied, mit Prokop weiterzuarbeiten. Der Nachfolger von Dagur Sigurdsson hatte 2017 einen Fünfjahresvertrag erhalten. Bei einem Debakel bei der Heim-WM wäre Prokop seinen Posten als Nationaltrainer wohl los.

Welche Chancen haben die Bundesligaklubs in der Champions League?

Die deutsche Liga galt lange als die "stärkste Liga der Welt". Nach zwei Jahren ohne Vertreter im Final Four der Champions League steht aber fest: In der Spitze wurde die Bundesliga abgehängt. Der Plan, die Lücke zur internationalen Konkurrenz mit mehr TV-Geld und geringeren körperlichen Belastungen (statt 14 Akteuren durften im vergangenen Jahr erstmals 16 Spieler pro Partie eingesetzt werden) zu schließen, ging bislang nicht auf. Sogar in der Breite gibt es mittlerweile eine bessere Liga.

Im Juni 2018 standen sich Nantes und Montpellier im Finale der Königsklasse gegenüber, Montpellier wurde Champion. Platz drei im Final Four sicherte sich Paris Saint-Germain. Frankreich ist damit die absolute Nummer eins im Welthandball. Vardar Skopje (Mazedonien) oder Veszprém aus Ungarn haben zudem größere Möglichkeiten als die Bundesligisten. Deswegen ist der Titel in der Champions League für die deutschen Vertreter Rhein-Neckar Löwen und Flensburg auch in diesem Jahr unwahrscheinlich.



insgesamt 3 Beiträge
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HelmutEck 23.08.2018
1. WM ohne deutsche Fernsehzuschauer
Meines Wissens findet die WM wieder mal ohne den deutschen Fernsehzuschauer statt. Bezeichnend für die Arbeit der DHB-Verantwortlichen.
bardolino12 23.08.2018
2. Klasse
Wenigstens mal ein Bericht über Handball, und sogar noch ein ganz guter. Als Zusammenfassung und Appetizer auf die neue Saison durchaus geeignet. Hoffentlich hat nicht nächste Woche irgendein Fußballer Husten, dann sind die Schlagzeilen wieder vorprogrammiert.
kaiteich 23.08.2018
3. Superstar
Schön, dass eine Vorschau zur beginnenden Handball-Bundesliga-Saison hier erscheint. Schade, wenn der Redakteur nur oberflächliches Wissen über den Handball mitbringt. So verliert Flensburg-Handewitt mit Henrik Toft Hansen und Kentin Mahé mitnichten zwei Superstars. Toft Hansen ist ein Kreisläufer internationaler Klasse, der sicher eine gute Rolle beim Titel gespielt hat. Mahé hat in der vergangenen Saison gerade in der Rückrunde fast gar nicht mehr gespielt. Viel schmerzhafter ist der Abschied des langjährigen Spielmachers und emotional leaders Thomas Mogensen. Also bitte erst mal ordentlich recherchieren, dann schreiben.
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