Gummersbach vor Abstieg Sorge um den Handball-Dino

Eine Vereinslegende leidet: Das kennt man vom HSV mit Uwe Seeler, das gibt es auch beim VfL Gummersbach mit Heiner Brand. Das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Handball-Bundesliga steht vor dem Abstieg.

Ex-Nationaltrainer Heiner Brand
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Ex-Nationaltrainer Heiner Brand

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In Gummersbach gibt es den Heiner-Brand-Platz. Er ist umgeben von einer Einkaufspassage mit Bäckereien und Juwelieren, der Bahnhof ist fußläufig zu erreichen. Auch der Uni-Campus befindet sich in unmittelbarer Nähe. Man kann sagen, das tägliche Leben findet in Gummersbach um den Heiner-Brand-Platz statt. Er ist das Zentrum und das Herz. Das sagt viel über die wichtigste Attraktion der Stadt mit ihren 50.000 Einwohnern aus: Der VfL Gummersbach ist gemeint.

Dieser VfL Gummersbach ist analog zum Hamburger SV im Fußball der Dino der Handball-Bundesliga - der Klub aus Nordrhein-Westfalen ist das letzte verbliebene Gründungsmitglied. Und wie der HSV feierte der VfL besonders in der Vergangenheit große Erfolge, im Jahr 1983 wurde Gummersbach beispielsweise Europapokalsieger der Landesmeister (wie der HSV im Fußball). In diesen goldenen Jahren mit zahlreichen Titeln spielten Ikonen für Gummersbach wie jener Heiner Brand, der später Nationaltrainer wurde und nach dem heute der Platz benannt ist, an dem der VfL seine Heimspiele austrägt: am Heiner-Brand-Platz 1.

Heiner Brand jubelt nach dem Gewinn des IHF-Pokals (1982)
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Heiner Brand jubelt nach dem Gewinn des IHF-Pokals (1982)

Wenn wir schon über Parallelen mit dem HSV sprechen, darf eine weitere Gemeinsamkeit nicht fehlen. Sie könnte schon bald Realität werden: Gummersbach steht vor seinem ersten Abstieg in die zweite Handballliga. "Ich schlafe nicht gut, mir gehen viele Dinge durch den Kopf. Die Sache belastet mich", sagte Brand dem WDR und tätigt damit Aussagen, die von Uwe Seeler über den HSV stammen könnten. "Der VfL ist seit fast 60 Jahren Bestandteil meines Lebens. Ich habe eigentlich immer gehofft, dass ich das nicht erleben muss, dass der VfL mal absteigen würde", sagte der 65 Jahre alte Brand, der bei fast jedem Heimspiel dabei ist - wie Seeler in Hamburg, der den Abstieg seines Klubs in diesem Jahr miterlebt hat.

Noch kann der Abstieg in Gummersbach aber verhindert werden: Der VfL ist zwei Spieltage vor Saisonende 16. und hat einen Punkt Vorsprung auf die beiden direkten Abstiegsplätze 17 und 18. Am Sonntag kommt es zum direkten Duell um den Ligaverbleib gegen den Tabellenletzten Hüttenberg (12.30 Uhr, TV: Sky). Siegt der VfL beim Aufsteiger der vergangenen Saison, ist der Ligaverbleib eigentlich sicher, da der Vorletzte Ludwigshafen zu den Rhein-Neckar Löwen muss und dort im Normalfall chancenlos sein dürfte. Verliert der VfL, rutscht er auf einen direkten Abstiegsplatz ab.

So weit die Ausgangslage. So dramatisch der vergangene Spieltag.

Rückblick: Gummersbach-Profi Marko Matic hatte soeben das 21:19 gegen den direkten Konkurrenten Lübbecke erzielt. Die Zuschauer in der Schwalbe-Arena am Heiner-Brand-Platz 1 jubelten. Die 56. Minute lief. Der erste Sieg für den VfL seit Mitte März, der Befreiungsschlag im Tabellenkeller, er war nur noch eine Frage von wenigen Minuten. Dann folgten drei Tore für die Gäste: 21:20, 21:21, 21:22. Die Schlusssirene ertönte, Gummersbach verlor das Spiel. Es war die siebte Niederlage in Folge.

"Der Glaube war verloren", sagt Gummersbach-Geschäftsführer Peter Schönberger über die dramatischen Schlussminuten gegen Lübbecke und meint damit den Glauben an die Rettung. Mittlerweile ist die Hoffnung zurück, die Mannschaft soll laut Schönberger für das Duell in Hüttenberg bereit sein. Das muss er sagen. Etwas angeschlagener klingt der sportliche Leiter Christoph Schindler, er sagt: "Noch haben wir es in der eigenen Hand." Aber auch: "Unser Selbstvertrauen ist nicht groß. Mehr Druck geht im Moment nicht, es ist keine einfache Situation. Viele haben uns schon abgeschrieben."

Gummersbach-Profis
imago/Eibner

Gummersbach-Profis

Einer, der den Verein so gut wie abgeschrieben hat, ist der größte Fan des Klubs: Brand. "Hüttenberg ist sehr kampfstark. Ich glaube nicht an einen Sieg", sagte der frühere Spitzen-Kreisläufer, der im aktuellen Kader das schwache Niveau beklagt. Besonders deutlich wird das in der Torschützenliste: Es gibt keinen Gummersbach-Profi, der in den Top 20 der besten Werfer der Bundesliga steht.

Überraschend käme der Abstieg nicht. Der Verein hatte sich bereits im vergangenen Jahr nur dank des besseren Torverhältnisses gerettet. Neben der sportlichen Krise wird der Niedergang des Klubs auch in anderen Bereichen deutlich: Finanzielle Probleme belasten den VfL Gummersbach, dem im Mai 2011 zwischenzeitlich sogar die Bundesliga-Lizenz verweigert worden war. Zudem sinken die Zuschauerzahlen seit zwei Jahren.

Auch am letzten Spieltag gegen das in diesem Jahr starke Hannover-Burgdorf könnte es in der Gummersbacher Schwalbe-Arena einige freie Plätze geben. Für das wahrscheinlich entscheidende Spiel um den Ligaverbleib gibt es noch Karten. Ein Zuschauer wird wohl fehlen: Heiner Brand. Am gleichen Tag ist das alljährliche Treffen der Weltmeistermannschaft von 1978 angesetzt. Und was passiert, wenn Gummersbach dann absteigt? "Ich vermag nicht zu sagen, welche Konsequenzen daraus entstehen", sagte Brand.

Mit Material dpa



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mueller23 26.05.2018
1. Heiner Brand
hat sich, wie auch seine Brüder Jochen und Klaus, Erhard Wunderlich, Hansi Schmidt, Andreas Thiel und viele andere, sehr verdient gemacht um den Handball in Gummersbach. Nebenbei gab es von 1975 bis 78 noch den TuS Derschlag (Ortsteil von GM) in der Bundesliga. Im Oberbergischen war Handball Sport Nummer Eins. Der Vater des Handballerfolgs des VfL Gummersbach war aber Eugen Haas, ein Unternehmer, handballbesessen, er hat den VfL groß gemacht. Der hat die Spieler geholt, ihnen Wohnung und Job besorgt, war für einige der Ersatz-Papa. Anekdote: 1991 hatte ich als Paketdienstfahrer die Firma Eugen Haas Bürobedarf in Niederseßmar zu beliefern. Vor dem Tor der Warenannahme stand ein blaues Mercedes-Coupe. Ich war nicht begeistert. Ich steige aus, kommt mir ein weißhaariger Opa im Laufschritt entgegen, reicht mir die Hand, bittet um Entschuldigung und "ich setz den Wagen sofort weg". In der Warenannahme frage ich: "Wer war dat denn?" "Dat war der Chef." Der Mann war voll geerdet, keine Spur von Arroganz. Schade dass die Sorte Patron vom Aussterben bedroht ist.
im_ernst_56 28.05.2018
2. Das Ende der Dinos
Gummersbach ist der letzte Dino der Handballbundesliga. Großwallstadt und TUSEM Essen sind längst zweit- bzw. drittklassig. Geld schießt Tore. Auch im Handball.
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