Handball-Bundestrainer Brand "Ein Boykott ist das Schlimmste, was man als Spieler erleben kann"

Durch Tibet rollen chinesische Panzer - nun wird über einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking debattiert. Heiner Brand erzählt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, was das für einen Sportler bedeutet: Er durfte 1980 nicht nach Moskau reisen - und war verbittert.


SPIEGEL ONLINE: Herr Brand, Sie waren als Handballspieler selbst von einem Olympiaboykott betroffen. Wie haben Sie 1980 vor den Spielen von Moskau davon erfahren?

Heiner Brand: Ich weiß noch, dass diese Entscheidung damals am Himmelfahrtstag fiel. Wir waren mit der Mannschaft des VfL Gummersbach auf einer Vatertagstour, als wir die Nachricht bekamen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Handballer Brand (weißes Trikot, 1978): Im Würgegriff der Politik
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Handballer Brand (weißes Trikot, 1978): Im Würgegriff der Politik

Brand: Das war natürlich für uns ein Schock. Das ist das Schlimmste, was man als Sportler erleben kann. Die Verbitterung war noch größer, als die Olympischen Spiele in Moskau liefen. Besonders enttäuschend war, dass dieser Boykott, der ja eigentlich für alle Bereiche gelten sollte, nur im Sport durchgesetzt wurde. In der Kultur und in der Wirtschaft nicht. Das war nicht konsequent.

SPIEGEL ONLINE: Die Abstimmung des Nationalen Olympischen Komitees fiel im Mai 1980 sehr knapp aus, das Stimmenverhältnis war 59:40. Der damalige Präsident ihres Verbandes, Bernhard Thiele, beklagte daraufhin, dass vor allem diejenigen Verbände, die wie die Wintersportler schon ihre Spiele in Lake Placid absolviert und nichts mehr zu verlieren hatten, für einen Boykott waren.

Brand: Wie genau damals die Verhältnisse waren, weiß ich nicht mehr. Aber natürlich war der bundesdeutsche Sport damals zerstritten. Neulich, als ich mich für einen Auftritt bei einer Stiftung vorbereitete, las ich, dass Hermann Neuberger als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes seine Stimmen damals aufgeteilt hatte, also einerseits für den Boykott abstimmte, andererseits dagegen. Ziemlich bezeichnend für die damalige Situation.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denkbar, dass der deutsche Sport heute ähnlich zerrissen auftritt?

Brand: Das erwarte ich nicht. Die deutschen Sportfunktionäre haben zu diesem Thema eine klare Linie gefunden. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, hat ja klar geäußert, dass ein solcher Boykott die Möglichkeiten des Sports deutlich übersteigt. Schon als Aktivensprecher hat Bach ja die gleiche Meinung vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Argumente sprechen gegen einen Boykott?

Brand: Es liegt doch auf der Hand: Bei Olympischen Spielen trifft sich nicht nur die Jugend der Welt, um sich auszutauschen. Das allein ist ein Kernargument gegen einen Boykott: Weil die Idee der Spiele Verständigung erreichen soll. Außerdem bietet ein solch großes Medienereignis immer eine Chance, auf gewisse Probleme aufmerksam zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch könnte sich der Deutsche Olympische Sportbund kaum einer politischen Entscheidung für einen Boykott entziehen…

Brand: …natürlich wäre es in einem solchen Fall schwierig. Auch mir ist klar, dass der deutsche Sport abhängig ist von der Politik. Der Spitzensport ist nun einmal abhängig von der Förderung des Bundesministeriums des Innern, der Bundeswehr und des Zolls. Folglich wäre eine politische Entscheidung eine Drucksituation.

SPIEGEL ONLINE: Kurt Klühspies, Ihr Freund vom TV Großwallstadt, und die beiden Torleute Manfred Hofmann und Rudi Rauer sind nach dem Boykottbeschluss sofort aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, Sie dann auch.

Brand: Wann ich genau zurückgetreten bin, ob vor oder nach Moskau, weiß ich gar nicht mehr. Ich muss aber auch sagen, dass ich damals sehr belastet war durch mein Studium. Ich hatte viel nachts für Klausuren lernen müssen und fühlte mich müde.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Ende Ihrer Nationalmannschaftskarriere später bereut?

Brand: Habe ich. Gerade vor dem Hintergrund, dass unsere Mannschaft eine hervorragende Perspektive hatte. Als wir 1978 in Dänemark Weltmeister wurden, hatten wir mit einem Altersschnitt von 23 Jahren die jüngste Mannschaft. Aber die Enttäuschung war 1980 einfach zu groß. Als Weltmeister waren wir automatisch Goldfavorit und durften dann nicht mitspielen. Heute sehe ich das anders: Ich sage meinen Spielern immer: Spielt, solange es geht. Das ist die schönste Zeit in eurem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen hatte der Boykott damals für den deutschen Handball?

Brand: Die waren erheblich. Eineinhalb Jahre später fanden die Weltmeisterschaften in der BRD statt, und nun fehlten bei dem Großereignis im eigenen Land auf einmal wichtige Spieler. Nicht nur wir vier fehlten, auch hatte sich Bundestrainer Vlado Stenzel mit weiteren wichtigen Akteuren wie Arno Ehret oder dem Kapitän Horst Spengler überworfen.

SPIEGEL ONLINE: Was nicht geschehen wäre ohne die vielen vorangegangen Rücktritte?

Brand: Dadurch, dass Kurt Klühspies und ich zurückgetreten sind, war der Nationalmannschaft eine gewisse Struktur verloren gegangen. Hinzu kam, dass durch den schweren Unfall Joachim Deckarms ein weiterer Schlüsselspieler nicht mehr dabei sein konnte. Nicht ausgeschlossen jedenfalls, dass Ehret und Spengler andernfalls bei der WM 1982 mit von der Partie gewesen wären. Danach stürzte der bundesdeutsche Handball in die größte Krise seiner Geschichte. Mit dem Tiefpunkt, dass das Team trotz des olympischen Silbers bei den nächsten Boykottspielen in Los Angeles 1984 dann am Ende der achtziger Jahre in die C-Klasse abstieg.

SPIEGEL: Angenommen, ein solches Szenario träte ein. Befürchten Sie dann eine Wiederholung der Handballgeschichte? Würden dann wichtige Säulen wie Florian Kehrmann oder Henning Fritz aus Enttäuschung zurücktreten?

Brand: Denkbar wäre es, aber ich weiß es nicht. Ich habe dieses Thema mit meinen Spielern noch nicht besprochen. Klar ist nur, dass Markus Baur aus Altersgründen nach den Spielen zurücktreten wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben einen Vertrag bis 2013. Haben Sie im Falle eines Olympiaboykotts über mögliche Konsequenzen schon nachgedacht?

Brand: Nein, habe ich nicht. Darüber würde ich mir erst Gedanken machen, wenn es so weit ist.

Das Interview führte Erik Eggers



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