Amateure in der Handball-Champions-League Hauptsache ein Tor

Die Rhein-Neckar Löwen treten in der Champions League mit ihrer zweiten Mannschaft in Kielce an. Der Grund ist eine Terminkollision. Und so ergibt sich für die Amateure des Klubs das Spiel ihres Lebens.

Handball
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Aus Kielce berichtet Anna Paarmann


Nach und nach trudelten die Spieler mit ihren Handballtaschen in Halle B des Frankfurter Flughafens ein. Sie versammelten sich vor dem Lufthansa-Schalter Nr. 498. "Rhein-Neckar-Löwen - Krakau und Hamburg" ist dort zu lesen. Am Nachmittag (16 Uhr) werden die Rhein-Neckar-Löwen im Champions-League-Achtelfinale gegen Kielce spielen.

Abflugschalter in Frankfurt
Anna Paarmann

Abflugschalter in Frankfurt

All das könnte ein unwichtiger, fast alltäglicher Moment in der Geschichte eines professionellen Handball-Vereins sein. Aber dieser Moment ist alles andere als unwichtig und mitnichten alltäglich. Denn nach Polen fliegt nicht die professionelle erste Mannschaft der Löwen. Sondern die zweite, bestehend aus Amateuren.

"Lasst mal die Champions-League-Mannschaft vor", sagte Oliver Roggisch, sportlicher Leiter der Profis, an diesem Freitag in der Flughafenhalle in Richtung Check-in. Dort hatten sich beide Teams versammelt: die Profis und die Amateure. Zum Check-in ging es noch gemeinsam, hinter der Sicherheitskontrolle trennten sich die Wege der Handballer. Die Profis verließen Frankfurt in Richtung Kiel, die Amateure stiegen in den Flieger nach Polen.

Machtkampf zwischen EHF und der Bundesliga

Das absurde Aufeinandertreffen ist der Tatsache geschuldet, dass die Löwen quasi gleichzeitig zwei Spiele bestreiten sollen - um 16 Uhr in Kielce und um 18.10 Uhr beim THW Kiel. Die Terminkollision ist durch einen Machtkampf zwischen dem europäischen Verband EHF und der Bundesliga entstanden. Dabei geht es auch um TV-Sendezeiten.

Der EHF hatte die Löwen aufgefordert, das Heimrecht für das Achtelfinal-Rückspiel zu tauschen. Dann hätte das Hinspiel aus Sicht des Verbands unter der Woche in Deutschland stattfinden sollen. Der Bundesligist wollte darauf aber nicht eingehen und bestand auf dem Vorteil, im zweiten Spiel zu Hause anzutreten. So kam es zu der doppelten Spielansetzung und zur Entscheidung, die zweite Garde nach Polen zu schicken.

Trainerteam Michel Abt und André Bechtold in Krakau
Anna Paarmann

Trainerteam Michel Abt und André Bechtold in Krakau

Fünf der 14 Auserwählten, die in Kielce auflaufen dürfen, sind A-Jugendliche, einige von ihnen gehören im Drittliga-Team aber längst zum Stammpersonal. In der Mannschaft gibt es zwar auch Spieler, die schon Erfahrungen im Profi-Bereich gesammelt haben. Doch ein Achtelfinale in der Königsklasse? Und dann auch noch gegen Welthandballer wie Slawomir Szmal oder Julen Aguinagalda? Das ist für alle Spieler im Team ein Traum, von dem sie wohl nie gedacht hätten, dass er wahr werden könnte - vor allem nicht so schnell.

"Das ist ein total geiles Gefühl"

Zu den jüngsten im Team zählt Lukas Wichmann. Er hat am Dienstag seinen 18. Geburtstag gefeiert, ein schöneres Geschenk hätte es für den A-Jugendspieler nicht geben können: "Das ist ein total geiles Gefühl", sagte er an Bord der Maschine nach Krakau. Wie die meisten anderen seiner Mitspieler wirkte er in dem Flugzeug deplatziert, musste sich mit seinen 1,90 Meter permanent ducken. Nur wenige Stunden zuvor hatte der Elftklässler noch in der Schule gesessen, musste Französisch und Geschichte überstehen. In Gedanken war er längst ganz woanders. Um 10.30 Uhr wurde er freigestellt. Um seine Tasche zu packen. "Meine Lehrer haben da vollstes Verständnis. Zum Glück", sagt Wichmann.

Lukas Wichmann
Anna Paarmann

Lukas Wichmann

Es ist das erste Mal, dass die Mannschaft, die überwiegend aus Schülern und Studenten besteht, per Flugzeug zu einem Spiel gereist ist. Das Verkehrsmittel der Wahl ist sonst ein Bus. Wenige Stunden vor dem Aufeinandertreffen mit dem Champions-League-Sieger von 2016 war die Anspannung sehr groß. "Ich bin total nervös, hab ein ganz flaues Gefühl im Magen", sagte Wichmann. "Ich hoffe, das legt sich noch." Sein Sitznachbar Sebastian Trost, regulärer Drittliga-Spieler, grinste bei diesen Ausführungen zwar. Aber in Wahrheit ging es ihm nicht anders.

Niemand wagt eine Prognose

Erst als das Flugzeug das verregnete Frankfurt hinter sich gelassen hatte, wirkte Wichmann sichtlich gelassener. Nach eineinhalb Stunden Flug und einer zweistündigen Busfahrt von Krakau nach Kielce wartete dann am Abend ein Empfangskomitee auf die junge Löwen-Truppe: keine ausgelassenen Auswärtsfans, sondern rund 30 Mütter und Väter. Sie waren schon am Donnerstag angereist, um ihren Jungs in der fast ausverkauften Halle beizustehen.

Zu dem Ausgang des ungleichen Duells wollte sich gestern Abend niemand mehr so recht äußern. Rico Keller, einer der Leistungsträger bei den Rhein-Neckar-Löwen II, hält es fast für unmöglich, Schwächen im gegnerischen Team auszumachen. "Kielce ist auf jeder Position einfach oder doppelt mit Weltstars besetzt."

Rico Keller
Anna Paarmann

Rico Keller

Genau das möchte Lukas Wichmann heute ausblenden. "Wir versuchen alle, so gelassen wie möglich zu sein, uns gut zu verkaufen." Gefragt nach seinem ganz persönlichen Ziel sagt er, dass es sein Traum sei, ein Tor zu werfen. "Und ich hoffe, dass ich mich nicht blamiere und nichts Dummes mache."



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
grisubilly 24.03.2018
1.
Wenn sie ihr Bestes geben - und davon gehe ich mal aus, können sie eigentlich gar nicht verlieren. Egal wie das Ergebnis am Ende aussieht. Eine nicht allzu hohe Niederlage wäre schon phantastisch. Schade, dass hier der Sport bescheuerten Machtkämpfen geopfert wird... Und vielen Dank an das Angebot von Kielce das Spiel auf Sonntag zu verschieben! Leider ging die EHF darauf nicht ein...
Mähtnix 24.03.2018
2.
Zitat von grisubillyWenn sie ihr Bestes geben - und davon gehe ich mal aus, können sie eigentlich gar nicht verlieren. Egal wie das Ergebnis am Ende aussieht. Eine nicht allzu hohe Niederlage wäre schon phantastisch. Schade, dass hier der Sport bescheuerten Machtkämpfen geopfert wird... Und vielen Dank an das Angebot von Kielce das Spiel auf Sonntag zu verschieben! Leider ging die EHF darauf nicht ein...
Yep, sehe ich auch so. Und ich werde das Spiel bis zum bitteren Ende ansehen. Schade, dass EHF, Bundesliga, aber auch die RNL so eindimensional agiert haben.
DerSpieler 24.03.2018
3. Frage
Wieso schenkt man seitens der Löwen die CL ab? Schuld an der Ansetzung ist doch die deutsche Liga, damit man das Spiel gegen Kiel live im Ersten zeigen kann. Warum also nicht mit der zweiten Mannschaft gegen Kiel antreten und mit der Stammtruppe gegen Kielce?
swandue 24.03.2018
4.
Es ist ohne jeden Zweifel bescheuert, wie sich die Verbände verhalten haben. Ich kann aber auch nicht verstehen, dass die Löwen auf dem "Vorteil" bestanden haben, im zweiten Spiel zu Hause anzutreten. Denn es ist halt nur ein sogenannter "Vorteil", wenn sie theoretisch 24 Tore aufholen müssten. Im Übrigen wäre es auch ein interessanter Gedanke gewesen, die ARD blöd aussehen zu lassen mit der Drittligamannschaft beim Live-Spiel.
nr.14 24.03.2018
5. Ganz einfach!
@3: Weil die Bundesliga zu gewinnen allgemein und nach derzeitigem Tabellenstand für die Löwen die reellere Chance ist als die Champions League.
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