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Deutsche Handballer: Europameister frustrieren Katars Vorzeigeteam

Von Michael Wilkening, Leipzig

Deutsche Handballer: Europameister demontiert Asienmeister Fotos
DPA

Katars Trainer Rivera war bedient. Nach der Schlappe gegen die deutschen Handballer verweigerte er Bundestrainer Sigurdsson den Handschlag. Die Klatsche passt nicht in den ambitionierten Plan des Emirats.

Ein Gerücht hält sich hartnäckig in der Welt des internationalen Fußballs. Es besagt, dass Josep Guardiola 2019 Nationaltrainer von Katar wird. Der begehrteste Coach der Welt könnte die Fußballer des Emirats auf die Weltmeisterschaft 2022 vorbereiten, die in Katar stattfinden soll. Es ist unklar, ob an der Geschichte etwas dran ist, aber die Tatsache, dass sie nicht als völlig abwegig abgetan wird, zeigt, was dem Emirat mittlerweile zugetraut wird.

Der Guardiola des Handballs war vor drei Jahren Valero Rivera. Der Spanier ist nicht nur der begehrteste Handballtrainer der Welt gewesen, sondern auch der erfolgreichste. Mit dem FC Barcelona gewann er mehrfach die Champions League, ehe er - sozusagen als Krönung des Lebenswerks - 2013 mit den Spaniern Weltmeister im eigenen Land wurde.

Rivera setzte sich anschließend nicht zur Ruhe, sondern unterschrieb einen Vertrag als Trainer der Katarer. An der Aufgabe am Persischen Golf reizten nicht nur die fürstliche Entlohnung, sondern die Bedingungen, mit denen Rivera seither an der Weiterentwicklung seines Teams feilen kann.

Freitagabend war Rivera außer sich vor Wut. Seiner Mannschaft war etwas passiert, was im Emirat eigentlich nicht geduldet wird. In Leipzig hatte Katar das Testspiel gegen Europameister Deutschland verloren, der Vizeweltmeister war gedemütigt worden. 17:32 hieß es am Ende.

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Mit der Hilfe von EM-Held Andreas Wolff, der nur eine Halbzeit spielte, in dieser aber unter anderem drei Siebenmeter abwehrte und insgesamt 15 Paraden zeigte, setzten sich die Deutschen schnell ab, bereits beim 6:1 nach knapp zehn Minuten deutete sich das klare Resultat an. Deutschland zeigte all jene Stärken, die zum überraschenden Triumph vor sechs Wochen geführt hatten - und Katar ließ all das vermissen, was es vor 14 Monaten ebenso überraschend ins Finale der Weltmeisterschaft geführt hatte.

"Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Eine Mannschaft war sehr gut und eine sehr schlecht", sagte Rivera. Der Spanier war sichtlich angefressen und verweigerte Bundestrainer Dagur Sigurdsson nach der Partie den obligatorischen Händedruck. Vor der Pressekonferenz ließ er lange auf sich warten. Seine Entschuldigung: "Sie haben sicher Verständnis, dass ich mit meiner Mannschaft viel besprechen musste."

Die 60 Minuten in Leipzig bedeuten einen Rückschlag für das Projekt, Rivera hatte wohl gedacht, dass sein Team schon weiter wäre.

Katars große Ziele sind die Fußball-WM und Olympia

Emir Tamim bin Hamad Al Thani, das sportbegeisterte Staatsoberhaupt von Katar, testet im Handball seit drei Jahren, wie und in welchem Tempo sein Land zur Weltspitze stoßen kann. Es ging schneller als erwartet, schon im vergangenen Januar zog Katar bei der WM im eigenen Land ins Endspiel ein und holte die Silbermedaille.

Ein paar Monate später wurde Katar Asienmeister, qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro und ist trotz des Debakels gegen Deutschland ein ernstzunehmender Gegner für das Handball-Establishment.

Die Herangehensweise der Katarer und Rivera unterscheidet sich grundlegend von jener der Deutschen. Der Emir verpflichtete nicht nur einen berühmten Trainer aus Europa, sondern zeitgleich beinahe ein Dutzend Spieler aus dem alten Kontinent, Afrika und Mittelamerika.

Die Spieler, die zumindest drei Jahre lang nicht mehr für ihr Heimatland aufgelaufen waren, wechselten offiziell zu katarischen Klubs, erhielten dort lukrative Verträge und werden seither für die Nationalmannschaft abgestellt, wenn der Trainer ruft. In der Regel startet Rivera mit sechs Akteuren, die nicht in Katar geboren wurden. Übertragen auf die Wirtschaft würde das bedeuten, dass sich ein Unternehmen gleichzeitig die Software und die Hardware der Konkurrenz kauft, um diese zu übertrumpfen.

Zwei große Ziele hat das Land, denn neben der Fußballweltmeisterschaft, die in sechs Jahren im Golfstaat stattfinden wird, sollen die Olympischen Spiele den Aufstieg Katars zur Sport-Großmacht vollenden. Im Jahr 2028, das ist kein Geheimnis mehr, soll sich die Sportelite der Welt unter der Wüstensonne zum Wettstreit treffen.

Dann will Katar sportlich ganz oben sein, die Handballer sollen nur die Vorhut bilden.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Sport ist toll!
voiceecho 12.03.2016
Der Sieg Deutschlands gestern hat erneut gezeigt, dass man im Sport nicht alles kaufen kann! Katar und seine Herrscher haben eine massive Neurose, politisch, wirtschaftlich und sportlich und deshalb hat das Land in der Arabischen Welt einen sehr Kontroversen Ruf, denn das Land ist nur finanziell potent, versucht aber die gesamten arabische Welt nach seinen Vorstellungen "umzubauen" und scheut vor nichts zurück. Mit seinem Sprachrohr "Aljazzera" versucht das Mikroland die Meinungsbildung in der Arabischen Welt auch maßgeblich zu beeinflussen und verbreitet teilweise abstruse "Fakten". Allerdings ist es interessant, dass das Land selbst massiv reformfällig ist, denn politisch ist das Land eine Monarchiediktatur, ohne Parteien, Parlament oder eine Verfassung. Wirtschaftlich ist das Land eine Monokultur, außer Gas hat das Land nichts zu bieten! Sport ist daher der einzige Zweig, wo die Kataris noch auf Weltebne wie damals die DDR bzw. UdSSR auftrumpfen kann, wobei eigne Talente Fehlanzeige sind! Man "kauft" sich seine "Stars" aus anderen Ländern zusammen! Es ist echt witzig, wenn man dort Sportveranstaltungen verfolgt und die kanarischen Moderatoren nicht in Lage sind, die Namen der eignen Spieler fehlerfrei auszusprechen! Das sagt eigentlich schon alles!
2. Genau so funktioniert Kapitalismus!
papaeidea 12.03.2016
Warum nicht auch im Sport, wir haben ihn im Rest der Welt doch auch so gewollt und schauen weg! Wenn das irgendwann keinen Spaß mehr macht... ist das ausschließlich das Ergebnis unseres way of live.
3. Pervers
ray8 12.03.2016
Sehr schön, dass unsere Jungs diesem perversen Projekt so eine Klatsche verabreicht haben! Und der Söldner-Coach steht so unter Druck, daß er sich auch noch unsportlich verhält - peinlich! Unglaublich, was diese Scheichs sich rausnehmen, nicht nur im Bereich Sport. Aber irgendwann ist das Öl alle und sie leben wieder im Zelt. Dann trauern sie diesen sinnlos verpulverten Mrd hinterher!
4. Eine alte Kaufmannsweisheit:
frenchie3 12.03.2016
Im Einkauf liegt der Gewinn. Dann kauft man eben noch ein paar Stars (am Besten diejenigen die einen beim letzten mal versohlt haben) und dann klappts auch wieder. Immer schön wenn bei afrikanischen Nationalmannschaften die Spieler schneeweiß sind und bei europäischen dunkel. Aber es sind alles Einheimische.
5. Nationalmannschaft
larsilarsou 12.03.2016
Ich verstehe einfach nicht, wie es die Handballregularien erlauben können, dass sich eine Nationalmannschaft aus Spielern zusammenkaufen lässt, die nicht die jeweilige Staatsbürgerschaft haben. Das ist einfach unseriös in höchstem Maße.
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