Amateure in der Handball-Champions-League "Die Löwen sind die Löwen. Das sind Champions"

Es sollte ein Spitzenspiel werden, stattdessen wurde es eine Lehrstunde. Kein Wunder, die Rhein-Neckar Löwen hatten ihre Amateure entsandt. Nur war das nicht bis nach Kielce vorgedrungen.

Kielces Julen Aguinagalde (M.),
DPA

Kielces Julen Aguinagalde (M.),

Aus Kielce berichtet Anna Paarmann


Die Nachricht, dass der deutsche Handballmeister nicht mit seinen Profis angereist war, sondern mit der zweiten Mannschaft, war nicht bei allen in Kielce angekommen. KS-Torhüter Slawomir Szmal ließ beim Aufwärmen immer wieder ungläubig seinen Blick durch die gegnerische Hallenhälfte schweifen. Er hatte ganz offensichtlich seine ehemaligen Teamkollegen erwartet.

Dass die Rhein-Neckar Löwen stattdessen Amateur- und Nachwuchsspieler in dieses Achtelfinal-Hinspiel der Champions League geschickt hatten, war zuvor in Deutschland ein großes Thema gewesen, zu abstrus wirkte die Geschichte um den Terminstreit der Verbände. Doch in Polen?

"Endlich mal die Löwen spielen sehen"

"Wir haben uns auf die erste Mannschaft vorbereitet, für uns war das echt schwierig", sagte Kielces Torwart Szmal, der sechs Jahre lang bei den Löwen unter Vertrag stand, nach dem 41:17 (21:8)-Sieg. Und auch Coach Talant Dujshebaev wirkte überrascht. "Es war lange nicht hundertprozentig klar, wer kommt. Ich bin deshalb froh, dass meine Spieler die Konzentration 60 Minuten lang hochgehalten haben."

Etliche polnische Fans waren extra angereist, um "endlich mal die Löwen spielen zu sehen". So beispielsweise Rafael Kamiviscy, der im 130 Kilometer entfernten Pulawy wohnt und gar kein Kielce-Fan ist. Ob er wusste, dass er Tickets für ein Spiel gegen Amateure gekauft hatte? "Die Rhein-Neckar Löwen sind die Rhein-Neckar Löwen. Das sind Champions", sagt er und lacht. "Kielce wird auf jeden Fall das Rückspiel verlieren."

Hubert und Rafael Kamiviscy, Piotr Pioteuczak (v.l.n.r.)
Anna Paarmann

Hubert und Rafael Kamiviscy, Piotr Pioteuczak (v.l.n.r.)

Die Tatsache, dass sich der Verein zunächst mit Amateuren messen würde, hatte Kielces Klubpräsident Bertus Servaas Kopfschmerzen bereitet. Ihm war das schon seit einigen Tagen bekannt. "Die Fans kommen, um ein gutes Spiel zu sehen. Das ist schlecht für den Handball." Um den Zuschauern etwas entgegenzukommen, hatte der Verein die Ticketpreise um 30 Prozent reduziert. "Zum Glück hat niemand seine Karte zurückgegeben."

Tatsächlich lieferte die zweite Mannschaft der Rhein-Neckar Löwen den polnischen Fans über 15 Minuten fast ein Spiel auf Augenhöhe. Dann holte sie die Wirklichkeit ein. Torhüter Lucas Bauer wird aber sicher noch lange daran zurückdenken, wie er gleich zu Beginn Würfe von Welthandballern wie Julen Aguinagalde oder Karol Bielecki parierte. Der Torhüter vergaß beim Jubeln glatt, den Ball zurück ins Spiel zu bringen.

Arena vor dem Anwurf
Anna Paarmann

Arena vor dem Anwurf

Am Ende waren es dann Kielces Profis, die jubelten. Minutenlang ließen sie sich mit erhobenen Armen von ihren Fans feiern, fast so, als hätten sie gerade die echten Rhein-Neckar Löwen bezwungen.

Michel Abt, Coach des Nachwuchsteams, hatte seine Mannschaft gleichzeitig nochmal zu einem Kreis zusammengerufen, um ihr zu ihrer Leistung zu gratulieren. Positiv überrascht war er etwa von Kreisläufer Lars Röller. "Er hat das super gemacht", sagte Abt. Anderen wiederum hatte der Trainer deutlich angesehen, "dass sie sich nicht unbedingt in ihrer Wohlfühl-Atmosphäre befunden haben".

"Vieles passiert, was wir nicht wollten"

Das am Ende deutliche Resultat mochte Abt dennoch nicht auf Pfiffe, Buh-Rufe und volle Ränge zurückführen. "Wir hatten Ziele, wollten clever spielen. Jetzt ist vieles passiert, was wir nicht wollten." Ohne Frage ist für die Löwen durch den Terminstreit ein Schaden entstanden. Das Final Four in Köln wird ohne das Team stattfinden, es sei denn, es gewinnt am Ostersonntag in der eigenen Halle mit mindestens 25 Toren.

Tickets gibt es für die Begegnung noch reichlich, 14.500 Fans passen in die Arena, bislang wurden keine 5000 verkauft. Dass die Profis nun auch noch in Kiel verloren haben, also ausgerechnet die Partie, die den Terminstreit mit ausgelöst hatte, dürfte die Stimmung im Verein nicht unbedingt heben. "Das war ein scheiß Tag für uns, ein scheiß Tag für den Verein und ein scheiß Tag für den Handball", sagte Profi-Spielmacher Andy Schmid in Kiel: "Ich hoffe, das Hickhack war allen eine Lehre."

Diejenigen, die am Samstag in Kielce in der Champions League antreten durften, werden im Rückspiel keine Rolle spielen. Sie dürften aber noch lange von diesem Wochenende zehren, an ihre Tore zurückdenken. Vielleicht auch dann noch, wenn sie auf dem Weg zu ihrem nächsten Ligaspiel gemeinsam im Bus sitzen. Dann heißt der Gegner nicht mehr KS Kielce. Sondern TuS 04 Dansenberg.



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diotto 26.03.2018
1. Man sollte
die verbohrten Verbände und ihre Funktionäre auf Schadenersatz verklagen. Diese selbstherrlichen Funktionäre haben schon lange jede Bodenhaftung verloren und vergessen, daß sie Dienstleister für die Sportler sind (sein sollten). Aber sie sind leider keinen Deut besser als die Politiker, korrupt und unfähig. So wird der Sport kaputt gemacht.
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