Handball-Bundestrainer Sigurdsson Schweigend von Sieg zu Sieg

Ein Team der Nobodys formte er zum Titelanwärter: Vor allem dank Dagur Sigurdsson steht Deutschland im EM-Halbfinale. Die Spieler vertrauen ihrem Trainer blind - dabei spricht er kaum mit ihnen.

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Aus Breslau berichtet Michael Wilkening


Die Pressekonferenzen mit Dagur Sigurdsson bei der Europameisterschaft in Polen beinhalten ein Ritual. Der Trainer der deutschen Handballer erscheint immer einige Minuten vor dem offiziellen Beginn, setzt sich auf seinen Platz und taucht in eine andere Welt ab.

Selbst dann, wenn um ihn herum gescherzt wird, bleiben die Gesichtszüge des Isländers eingefroren. Den Charakter von Sigurdsson beschreibt diese Situation gut, denn der Vater des deutschen Handball-Höhenflugs ist ein in sich gekehrter Mensch. Torwart Carsten Lichtlein bezeichnet ihn als "isländischen Eisblock".

Der 42 Jahre alte Handballlehrer, der die Nationalmannschaft vor anderthalb Jahren übernahm und sie vom emotionalen Tiefpunkt nach der verpassten WM-Qualifikation ins Halbfinale der Europameisterschaft (Freitag, 18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) gegen Norwegen führte, hat weiche Seiten, doch er ist bemüht, sie vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Sigurdsson lacht nie befreit, er versucht immer, die Kontrolle über seine Emotionen zu behalten. Vielleicht gehört das zu seiner Strategie, wahrscheinlicher ist aber, dass Sigurdsson seine Gefühle nur mit wenigen Auserwählten teilt.

"Dagur spricht nur ganz wenig mit uns"

Seine Spieler gehören nicht dazu. "Dagur spricht nur ganz wenig mit uns", sagt Erik Schmidt. Der Kreisläufer von der TSV Hannover-Burgdorf war zunächst überrascht davon, dass die Kommunikation zwischen dem Bundestrainer und der Mannschaft auf ein Minimum beschränkt ist. Inzwischen hat sich Schmidt daran gewöhnt, und es hat die Autorität, die Sigurdsson umgibt, nicht angetastet. Schmidt beschreibt das Erfolgsgeheimnis des Isländers schlicht: "Wir folgen ihm blind."

Der Trainer der DHB-Auswahl hat es geschafft, dass seine Mannschaft ihm total vertraut und seine Ideen perfekt umsetzt. Die Spieler wagen sich in jedes noch so gefährliche Gewässer, weil ihr Trainer ihnen vorher erklärt hat, wie sie es durchschwimmen können.

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Erlangt hat Sigurdsson dieses Vertrauen, weil er der Mannschaft wiederholt den Weg zum Erfolg gewiesen hat. Zuletzt war das gegen Dänemark der Fall, als er den Gegner mit ständig wechselnden Abwehrsystemen ins Chaos stürzte und dadurch den Sprung ins Halbfinale möglich machte.

Im zweiten Spiel dieser EM gegen Schweden stellte er in der Pause bei hohem Rückstand die Abwehr um, sodass die Deutschen eine verloren geglaubte Partie drehten und die Erfolgswelle erwischten, die sie bis in die Medaillenrunde nach Krakau trug. "Wir hatten dieses System wie gegen Schweden nie zuvor trainiert, aber als Dagur es uns in der Pause erklärt hat, waren wir total überzeugt, dass es funktioniert", erklärt Schmidt.

Sigurdsson hat drei Eigenschaften, die große und erfolgreiche Trainer auszeichnen: Eine Spielidee, die er konsequent verfolgt. Ein überdurchschnittliches taktisches Verständnis, durch das er im Spiel auf Veränderungen reagieren kann. Und er kennt keine Angst. Das hat zur Folge, dass er seinen Spielern die Angst nehmen kann. Die junge Mannschaft darf Fehler machen - und macht deshalb fast keine. Dagur Sigurdsson wirkt schroff und ist unnahbar, aber er hat seiner Mannschaft Gelassenheit und Mut vermittelt.

Selbst der EM-Titel ist ihm zuzutrauen

Der Isländer ist die ideale Besetzung als Bundestrainer, die Erfolge sprechen klar für ihn und Sigurdsson ist zuzutrauen, mit einem Team einstiger Nobodys schon in Polen den maximalen Erfolg zu feiern. Frei von Fehlern ist er aber nicht. Empathie gehört nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Persönliche Gespräche gibt es fast nie und Spieler, die nicht mehr in den Kreis der Nationalmannschaft berufen werden, warten vergeblich auf eine Erklärung.

Die Spieler, die in Krakau dabei sind, werden vor dem Duell gegen Norwegen aber wieder einen Plan bekommen, mit dem sie die Skandinavier besiegen können. Unmittelbar vor dem Anwurf soll Sigurdsson in der Kabine sogar zum Heißmacher werden - für Beobachter von außen ist das nur schwer vorstellbar. Aber es gehört zur Taktik des Isländers, ein Rätsel zu bleiben.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
ray8 29.01.2016
1. Ein grandioser Trainer!
Mit Heuberger hätte diese Mannschaft nicht annähernd den Erfolg! Ein FC Bayern wird auch mit einem erfahrenen Kreisliga-Trainer Meister. Kunst ist es, mit so einer unerfahrenen Mannschaft ohne Stars die Weltklasse aufzumischen. Und ihm fehlt auch nicht Empathie. Er behandelt die Spieler, wie für diese Sportart angebracht, wie Männer! Fetten Respekt!
_gimli_ 29.01.2016
2.
Zitat von ray8Mit Heuberger hätte diese Mannschaft nicht annähernd den Erfolg! Ein FC Bayern wird auch mit einem erfahrenen Kreisliga-Trainer Meister. Kunst ist es, mit so einer unerfahrenen Mannschaft ohne Stars die Weltklasse aufzumischen. Und ihm fehlt auch nicht Empathie. Er behandelt die Spieler, wie für diese Sportart angebracht, wie Männer! Fetten Respekt!
Guter Punkt. Handballer ticken völlig anders als Fußballspieler. Ich habe beides als Torwart gespielt. Jeweils Landesliga. Und ich hatte in beiden Sportarten gute Trainer, aber vom Wesen her halt völlig verschiedene. Handball ist Härte.
karlbe 29.01.2016
3. Wer wenig redet...
kann nicht viel falsches sagen. Zudem verleiht er seinen Worten damit Gewicht, wenn er was sagt, wird man ihm zuhören. Dass er den Spielern darüber hinaus eine Art "emotionale Zuwendung" verweigert, kann den Vorteil haben, dass er alle gleich behandelt, sich also niemand bevorzugt bzw. benachteiligt fühlt, und dass er Spieler nur nach Leistung, nicht nach Sympathie aufstellt. Wenn Sigurdsson damit Erfolg hat, was ihm wohl keiner mehr absprechen kann, dann ist das die richtige Art der (National-)Mannschaftsführung.
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