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24. Januar 2016, 22:59 Uhr

Handball-EM

Geopfert für die Mannschaft

Aus Breslau berichtet Michael Wilkening

Dieser Sieg der Deutschen war teuer erkauft: Beim 30:29 gegen Russland haben sich Steffen Weinhold und Christian Dissinger verletzt. In der entscheidenden Phase der Handball-EM könnten sie nun ausfallen.

Steffen Weinhold tat, was ein guter Kapitän tun muss. Der Mann vom THW Kiel hatte sich 15 Sekunden vor dem Ende für seine Mannschaft geopfert. Bei einem Gegenstoß der Russen warf sich Weinhold in den Weg von Dmitri Schitnikow, verhinderte dadurch den drohenden Ausgleich zum 30:30 - zog sich dabei aber eine Muskelverletzung zu.

Nach dem Spiel humpelte er in den Kreis seiner Kollegen und feierte auf einem Bein den 30:29 (17:16)-Sieg über Russland. Danach verschwand der Linkshänder aus dem Blickfeld. Interviews - wie sonst üblich - gab er nicht, denn es begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Bereits in der Kabine startete die Behandlung von Weinhold und Christian Dissinger. Bis Mittwochmorgen, neun Uhr, müssen die Deutschen entscheiden, ob sie einen personellen Wechsel vornehmen.

"Julius Kühn und Kai Häfner sollen auf jeden Fall nach Breslau kommen", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson mit Blick auf den angeschlagenen Kapitän und seinen Teamkollegen Dissinger nach Spielschluss. Der hatte erst sein bestes Turnierspiel gezeigt, sieben Treffer aus dem Rückraum zum Sieg beigesteuert, nahm in der Schlussphase aber auf der Bank Platz, weil die Hüftmuskulatur streikte.

Führungsfigur: Kapitän Weinhold nicht zu ersetzen

Kühn (VfL Gummersbach) und Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) müssten gegen die Dänen (Mittwoch, 18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) einspringen, was die Chancen im Duell gegen den Vizeeuropameister deutlich schmälern würde. Vor allem Weinhold ist nicht zu ersetzen.

"Das war ein teuer erkaufter Sieg", urteilte Bob Hanning deshalb. Der Vizepräsident des deutschen Handballbunds wirkte in diesem Moment niedergeschlagen, denn natürlich weiß er, dass sich die DHB-Auswahl ohne zwei Stammkräfte im Rückraum nicht auf Augenhöhe mit den Dänen messen kann. Deutschlands kommendem Gegner gelang am Abend ein 27:23 (11:14)-Sieg gegen Spanien nach einer beeindruckenden Aufholjagd.

Hanning war aber schon unmittelbar danach bemüht, die Bedeutung des Erfolgs gegen eine gute russische Mannschaft noch einmal nach vorne zu stellen und einzuordnen. "Wir waren vor zwei Jahren sportlich weder für eine EM noch für eine WM qualifiziert und gehören jetzt wieder zu den besten sechs Teams der Welt", erklärte der starke Mann im deutschen Handball. "Vielleicht sollten wir heute Abend ein Glas Rotwein trinken und das einfach mal genießen."

Spiel um Platz fünf vorzeitig erreicht

Der dritte Rang ist dem Team von Sigurdsson in der Hauptrundengruppe nicht mehr zu nehmen, zumindest das Spiel um den fünften Platz ist vorzeitig erreicht. Ob mehr möglich ist, wird davon abhängen, ob Dissinger und vor allem Weinhold ihre Blessuren innerhalb von zwei Tagen kurieren können. In der Schlussphase gegen die Russen stellte der Kapitän seinen Wert für die junge Mannschaft nachdrücklich unter Beweis.

Als die Begegnung trotz einer zwischenzeitlichen Fünf-Tore-Führung zu kippen drohte, stellte sich Weinhold den Russen nach dem 26:26-Ausgleich unerschrocken in den Weg. Zwei der letzten vier Tore warf Weinhold selbst, an den anderen beiden war er durch gewonnene Eins-gegen-eins-Duelle entscheidend beteiligt.

Und das sorgte bei Sigurdsson für einen ungeahnten Emotionsausbruch. Der Trainer ballte am Spielfeldrand die Fäuste, nachdem die Russen den letzten Wurf übers Tor geworfen hatten. Und Carsten Lichtlein rannte zur Seitenlinie und seinem Coach um den Hals. "Als ich gesehen habe, wie der isländische Eisblock da draußen jubelt, musste ich doch zu ihm", sagte Lichtlein später. In diesem Moment war den Feiernden die Schwere der Verletzungen von Weinhold und Dissinger noch nicht bewusst.

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