Handball-Matchwinner Der gute Wolff

Er hat der deutschen Handball-Nationalmannschaft den Sieg im EM-Drama gegen Schweden gesichert: Torhüter Andreas Wolff. Vor einem Jahr war der 24-Jährige noch eine Randfigur. Was ihn nach vorn brachte? Qualität - und Ehrgeiz.

Aus Breslau berichtet Michael Wilkening

DPA

Große Torhüter, das hat im deutsche Handball eine gewisse Tradition: Wieland Schmidt, Andreas Thiel, Henning Fritz - alle waren Meister ihres Fachs. Und es könnte sein, dass jetzt wieder jemand dazugekommen ist, diese Tradition weiterzuführen.

Mit einer außergewöhnlichen Leistung beim dramatischen 27:26-EM-Erfolg über Schweden hat Andreas Wolff zum ersten Mal auf ganz großer Bühne nachgewiesen, warum der THW Kiel ihn ab kommenden Sommer verpflichtet hat.

Bob Hanning stand in den Katakomben der Halle in Breslau mit seiner Meinung ziemlich alleine, als er sich nach dem Spiel noch in Zurückhaltung übte. "Mir reichen zwei gute Spiele noch nicht, um von Weltklasse zu sprechen", sagte der Vizepräsident des deutschen Handballbundes (DHB). Der Mann, der sonst oft und gerne in Superlativen spricht, war bemüht, den Torhüter nicht zu groß zu machen.

"Gib ihm zwei Jahre, dann ist er Weltspitze"

Das erledigten dafür andere. Kapitän Steffen Weinhold vom THW Kiel war gar nicht überrascht vom Tun des Torhüters: "Für mich war das nicht außergewöhnlich, denn ich sehe ihn ja im Training und bin froh, dass er im Sommer in Kiel ist." Kreisläufer Erik Schmidt schwärmte: "Heute war er Weltklasse. Gib ihm zwei Jahre, dann ist er Weltspitze."

Es waren nicht die 15 Paraden allein, mit denen der Noch-Wetzlarer Wolff die Wende und den Sieg gegen die Schweden sicherte, die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Gute Tage haben alle Torhüter von Zeit zu Zeit, die bei einer EM im Einsatz sind. Nein, Wolff stellte auf dem Feld etwas dar, er signalisierte den gegnerischen Spielern alleine durch seine Anwesenheit, dass er der Matchwinner sein würde.

Das Duell zwischen Angreifer und Torwart ist Psychologie und Wolff ein Typ, der sein Gegenüber zum Nachdenken zwingt. Aktuell gibt es mit dem Spanier Arpad Sterbik und dem Franzosen Thierry Omeyer zwei Torhüter auf der Welt, die richtiggehend Angst bei den Angreifern hervorrufen können - und Wolff vereint Eigenschaften beider in sich.

Sterbik (O-Ton Wolff: "Den finde ich geil") entwaffnet die Schützen des Gegners mit seiner Statur, wirkt ruhig wie ein Bär, hält aber immer dann einen Ball, wenn es für seine Mannschaft wichtig ist. So half der spanische Keeper vor drei Tagen, den 32:29-Sieg gegen Deutschland zu holen.

Der Franzose Omeyer hingegen ist nicht der schnellste und nicht der größte Torhüter auf der Welt, aber ohne Zweifel der Ehrgeizigste. Zumindest bislang, denn Wolff eifert ihm nach. "Der hat heute seit dem Frühstück nur von den schwedischen Schützen und ihren Wurfbildern gesprochen", berichtete Kapitän Weinhold nach dem Sieg.

Vor einem Jahr nur eine Randfigur

Vor einem Jahr war Andreas Wolff bei der Weltmeisterschaft in Katar nicht mehr als eine Randfigur. Die Konkurrenten Silvio Heinevetter und vor allem Carsten Lichtlein lieferten die bunten Geschichten, während der Mann von der HSG Wetzlar nur als Ersatzmann nominiert war. Wolff fügte sich damals in die Rolle, wenngleich sie ihm nicht behagte. "Ich bin nicht Leistungssportler geworden, um Trinkflaschen zu reichen", sagte er. Er saß in einem weichen Ledersessel im Hotel, aber entspannt war er nicht.

Der Ehrgeiz drohe manchmal, Wolff zu zerfressen, glaubt sein Klubtrainer Kai Wandschneider. Aber er mache ihn auch zu einem besonderen Torhüter. "Es ist mir zu wenig, nur auf einem Spielberichtsbogen eingetragen zu werden. Ich möchte der Matchwinner sein", sagt Wolff. Und das dauerhaft, auf der großen Bühne. Im Sommer wechselt er zum THW Kiel, wo er ein Torhüterduo mit dem Dänen Niklas Landin bildet, den Wolff zu den fünf besten Keepern der Welt zählt.

Es gibt Experten, die glauben, dass die Konstellation eher für Landin zu einem Problem werden könnte, denn der habe zwar herausragende Fähigkeiten, aber nicht die Gier, den Ehrgeiz und den Willen, die Nummer eins sein zu wollen. Wolff will nicht weniger als das, erst im Tor der Nationalmannschaft, dann beim THW Kiel - und schließlich in der Handball-Welt.

Wolff kann, wenn es gut läuft, in Deutschland eine Ära prägen, denn mit 24 Jahren ist er als Torhüter noch blutjung. "In zehn Jahren habe ich vielleicht die Rolle von Carsten Lichtlein - oder schon in zwei", sagte er vor einem Jahr im Teamhotel in Doha. Seit Montagabend ist seine Aussage überholt.



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
wi_hartmann@t-online.de 19.01.2016
1. Handball- Sieg gegen Schweden-
Der Leistungsabfall der Schweden in der 2. Halbzeit war auffällig. Die Schweden waren offensichtlich bemüht Deutschland im Turnier zu belassen. Ein Erstrundenaus Deutschlands wäre kommerziell für den EM-Ausrichter ein dickes Minus.
marianmama 19.01.2016
2. @1
So ein blödes Geschwätz. Mehr fällt Ihnen nicht ein? Was hat Schweden davon, wenn Deutschland im Turnier bleibt, wenn doch Polen Ausrichter der EM ist? Das ist leider typisch für uns Deutsche: Sich nicht an der Leistung und einem Erfolg der eigenen Nationalmannschaft erfreuen können.
btsvschorse 19.01.2016
3. Schwachsinn
Selten so einen Blödsinn gelesen. Ausrichter ist Polen, also was hätten die Schweden davon? Die müssen jetzt noch gegen Spanien, kann noch voll in die Hose gehen...... Vielleicht waren wir einfach gut???
macfan 19.01.2016
4.
Mir tut Carsten Lichtlein leid. Immer war er der zweite hinter anderen brillanten Torhütern. Bei dieser EM sollte er endlich Nummer eins sein - und nun wird wieder nichts daraus.
Mähtnix 19.01.2016
5.
Zitat von wi_hartmann@t-online.deDer Leistungsabfall der Schweden in der 2. Halbzeit war auffällig. Die Schweden waren offensichtlich bemüht Deutschland im Turnier zu belassen. Ein Erstrundenaus Deutschlands wäre kommerziell für den EM-Ausrichter ein dickes Minus.
Deutschland hat Schweden in der 1. Hz. stark gemacht. Die Probleme: Schlechte Abstimmung zwischen Abwehr und TW und vorne doofe technische Fehler. In der 2. Hz. hat Deutschland sehr konzentriert mit anderer Defensivtaktik gespielt und mit Wolff einen Matchwinner hinten gehabt. Schweden kam am Schluss nochmal gut zurück, aber es reichte nicht. Welches Spiel haben Sie gesehen?
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