Deutsches Aus bei Handball-EM Fassungslos

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat sich mit einer katastrophalen zweiten Halbzeit gegen Spanien aus der EM verabschiedet. Schuldzuweisungen gibt es nicht. Aber die Probleme sind offensichtlich.

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Aus Varazdin, Kroatien berichtet Michael Wilkening


Der Kapitän ging voran - und er ging an allen vorbei. Im Bauch der Arena in Varazdin wollten ihm die zahlreichen Medienvertreter aus Deutschland nach einer in der zweiten Halbzeit indiskutablen Leistung einen Erklärungsansatz abringen. Aber Uwe Gensheimer war nicht bereit, zum Aus der deutschen Handballer Stellung zu nehmen. Die Enttäuschung und der Frust nach der Niederlage gegen Spanien waren wohl zu groß, um sich der Öffentlichkeit zu stellen.

Nach dem Ende der Titelträume bei der Europameisterschaft in Kroatien war es keine rein emotionale, sondern wohl auch eine bewusste Entscheidung Gensheimers, nicht zur Verfügung zu stehen. Möglicherweise wollte der Linksaußen von Paris Saint-Germain in diesem Moment der Niedergeschlagenheit nichts Unüberlegtes sagen.

Die Deutschen hatten das Halbfinale deutlich verpasst, das Ergebnis von 27:31 war schmeichelhaft angesichts einer in Teilen der zweiten Halbzeit desolaten Partie. Eine enttäuschende Europameisterschaft mit einigen Nebengeräuschen hatte ein passendes Ende gefunden. Bei einem 0:8-Lauf vom 15:15 zum 15:23 taumelten die deutschen Spieler nicht nur, sie fielen ungebremst zu Boden. "Wir haben sie eingeladen", sagte Silvio

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Handballer mit Pleite gegen Spanien: Und tschüs!

Heinevetter. Sie - das war ein spanisches Team, das ordentlich spielte, das gut vorbereitet war, aber keines, das unschlagbar war.

Unter besten Bedingungen angereist

Dieser Eindruck verstärkte den Frust bei den Handballern, die mit großen Ambitionen in die EM gestartet waren. Es hatte im Gegensatz zu den Vorjahren keine Ausfälle von wichtigen Spielern vor dem Turnierstart gegeben, selten zuvor war eine deutsche Nationalmannschaft mit so viel individueller Qualität im Kader zu einem Turnier gefahren. In den zwölf Tagen in Kroatien gab es allerdings nur Siege gegen Montenegro und Tschechien, dazu Unentschieden gegen Slowenien und Mazedonien sowie am Ende Niederlagen gegen Dänemark und Spanien. "Mit einer solchen Bilanz ist es nicht so, dass wir überpositiv nach vorne gucken können", erklärte Finn Lemke. Der Abwehrchef war wie seine Kollegen niedergeschlagen, die Fassungslosigkeit war greifbar.

"Wir sind nach einem katastrophalen Turnier ausgeschieden. Das war die schlechteste Leistung, seit ich dabei bin", sagte Andreas Wolff. Der Torwart vom THW Kiel vermied wie seine Kollegen, die Diskussion von der Mannschaft in Richtung des Trainers zu lenken. Es wirkte, als hätten sich die Spieler selbst einen Maulkorb verpasst.

Probleme mit dem Trainer? "Nein, es gibt keine Probleme", sagte Patrick Wiencek. Der bullige Kreisläufer stand nach der knappen 25:26-Niederlage am Sonntag gegen Dänemark mit hochrotem Kopf vor Christian Prokop und schrie den 39-Jährigen an, weil der aus seiner Sicht in der Schlussphase eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Wie der Rest der Mannschaft hielt sich Wiencek jetzt nach dem Desaster gegen die Spanier zurück.

Das war eine kluge Entscheidung, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Verantwortung für das enttäuschende Abschneiden plump weiterreichen zu wollen. Es deutete in den vergangenen zwei Wochen aber vieles darauf hin, dass es grundlegende Probleme im Miteinander zwischen Trainer und Spielern gibt. Diesen Eindruck konnten die moderaten Aussagen nach dem Scheitern nicht verwischen.

"Alles hinterfragen"

Zum zweiten Mal erreichten die Deutschen bei einem Großereignis die selbstgesteckten Ziele nicht. Auf das Achtelfinal-Aus bei der WM vor einem Jahr folgte jetzt der K.o. bei der EM in Spanien. Vergleichbar miteinander sind die Turniere jedoch nicht. Bei der WM sorgte ein schwaches Spiel gegen Katar für den "plötzlichen Tod" nach bis dahin ordentlichen bis sehr guten Auftritten, in Kroatien gab es strukturelle und grundlegendere Probleme.

"Jetzt müssen wir alles hinterfragen, was es zu hinterfragen gibt", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Der starke Mann im deutschen Handball räumte ein, dass sich die Situation mit der vor einem Jahr nicht vergleichen lässt: "Wir werden alle miteinander sprechen müssen, alles gehört auf den Prüfstand."

Torwart Heinevetter kümmerte sich (noch) nicht um die generelle Betrachtung und die Auswirkungen für den Handball in Deutschland. Er fasste das Turnier frei und mit Berliner Schnauze passend zusammen: "Dit war jar nüscht."

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Hitbacker 25.01.2018
1. "selten zuvor war eine deutsche Nationalmannschaft mit so viel indivi"
"selten zuvor war eine deutsche Nationalmannschaft mit so viel individueller Qualität im Kader zu einem Turnier gefahren." Bis auf diesen Satz eine exzellente Analyse. Sorry, bzgl. der Verletzten richtig, aber außer auf TW, LA und KM waren wir bei den Turnieren der letzten 25 Jahre vom Spielerpotential her gleich oder besser. Der Mittelblock hieß mal Zerbe/ Petersen, RM war mal Markus Baur, RL Welthandballer Daniel Stephan (oft verletzt). Das war wirklich desolat in der 2. Hz. Aber: Es waren bei dem 0:8 primär individuelle Fehler. Kollektiv sehr schwer abzustellen, das hätte auch unter Heiner Brand oder unserem Isländer passieren können. Ist es aber nicht, über die Gründe kann man spekulieren. Und das macht die Fehleranalyse so schwer.
Androupolis 25.01.2018
2. Trainerfrage
Nach den sehr schwachen Turnierleistung und den z.T. sehr fragwürdigen Nominierung im Vorfeld des Turniers muss man die Trainerfrage stellen. Die Mannschaft war nicht zu vergleichen mit der Mannschaft die vor 2 Jahren den Titel holte, Olympia-Bronze holte und letztes Jahr bis auf ein Spiel ein gutes Turnier spielte. Jedes Spiel bis auf das lleichteste gegen Montenegro war gruselig anzusehen. Vorne kaum Gefahr und hinten nicht immer ganz sattelfest. Wieso man einen Lemke und auch Wiede nicht nominierte war mir vollkommen schleierhaft insbesondere bei Lemke. Die Leipziger Janke und Roschek bewiesen nicht einmal das sie die Qualität für die Nationalmannschaft haben. Das einzige was sich in dieser Zeit veränderte war der Trainer und sonst nichts. Daher kann es gar nicht darum ob man die Trainerfrage stellt sondern wie schnell man reagiert mit Ausblick auf das nächste Jahr. Lieber holen wir einen Isländer oder irgend einen andere Ausländer als Trainer und sind mit diesem erfolgreich als wieder einen "Einheimischen" mit dem wir erfolglos sind. Wir haben mit Heuberger und Prokop schon genug schlechte Erfahrungen gemacht.
Kurt Vile 25.01.2018
3. "Volle Pulle..."
Man musste sich nur die Auszeiten ansehen. Der Trainer sagte "Volle Pulle..." und keiner hörte zu. Danach noch ein müdes "Bad Boys" und es änderte sich nichts. Außerdem war offensichtlich, dass Gensheimer ein Fremdkörper in der Mannschaft ist. Dazu ein Selbstdarsteller wie Hanning, der in der Politik besser aufgehoben wäre als im Sport. Im Hinblick auf die WM in Deutschland kann ich nur raten: Heiner Brandt für Hanning, Handball-Professor Martin Heuberger für Prokop mit einem starken Stefan Kretzschmar als Assistenten und für die Öffentlichkeit.
oliver_pietsch 25.01.2018
4. Handlungsbedarf
Prokob muss sich wohl der Verantwortung stellen und dem Vergleich mit seinem Vorgänger. Nicht jeder Trainer ist geeignet für den Job des Vereins- oder Bundestrainers – sind die Anforderungen doch höchst unterschiedlich. Bei Prokob ist für mich auffällig, dass seine Ansprache sowohl der Mannschaft als auch im Interview irgendwie „gestelzt“ und nicht wirklich überzeugt wirkt. Ich vermute auch den Spielern geht das so. Mag sein dass er über eine Saison mit einem Team gut arbeiten kann (siehe Leipzig) – aber den Beweis, dass er ein Ensemble von etablierten Vereinsspielern zu einem Team auf Top-Niveau formen kann, bleibt er leider bisher schuldig. Seine Entscheidungen im Vorfeld bei der Zusammenstellung des Kaders als auch im Turnier waren eher unglücklich. Und es ist das zweite Turnier in Folge das nicht wirklich funktioniert. Einzig die Torhüter hatten Turnierform. Die fast unerklärliche Abschlussschwäche des sonst immer starken Gensheimer ist fast schon exemplarisch für viele Fehlwürfe und technische Fehler im Angriff. Bei einem solchen Turnier kannst Du nur gewinnen, wenn Du körperlich und mental dem Gegner überlegen bist. Zumindest Zweiteres war offenkundig nicht der Fall. Schade, aber so wird dem DHB eine sehr kritische Bewertung der Arbeit des neuen Bundestrainers nicht erspart bleiben.
mundi 25.01.2018
5. Unglaublich
Solche Ballverliste im Angriff wie in der 2. Halbzeit, habe ich in der Bundesliga noch nie gesehen. Da kann ein Trainer nur hilflos zuschauen.
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