Handball-Niederlage gegen Dänemark Spiel verloren, Hoffnung gewonnen

Die deutschen Handballer brauchen Schützenhilfe, um noch ins EM-Halbfinale einzuziehen. Das 25:26 gegen Dänemark hat aber gezeigt, dass neben der stabilen Abwehr nun auch die Offensive überzeugt.

Der deutsche Handball-Torwart Andreas Wolf
Bongarts/Getty Images

Der deutsche Handball-Torwart Andreas Wolf

Aus Varazdin berichtet Michael Wilkening


Bis zur Niederlage gegen Dänemark war es eine durchwachsene Europameisterschaft für deutschen Handballer gewesen. Kurioserweise gibt das 25:26 gegen den amtierenden Olympiasieger, die erste Niederlage bei der EM, Hoffnung für die Rückkehr zu alter Stärke. Der Einzug ins Halbfinale ist immer noch möglich - auch weil das DHB-Team die bislang beste Leistung während des Turniers zeigte.

Nach der knappen Niederlage folgte aus deutscher Sicht noch eine gute Nachricht. Mazedonien hinterließ bei der 20:31-Pleite gegen Spanien einen so desolaten Eindruck, dass zwei weitere Punktverluste in den Partien gegen Tschechien am Dienstag und Dänemark am Mittwoch durchaus wahrscheinlich sind. Und dann braucht Deutschland einen Sieg im Gruppenendspiel gegen Spanien am Mittwoch (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), um noch ins Halbfinale einzuziehen.

Genau wissen die deutschen Handballer vermutlich erst kurz vor Spielbeginn, ob die Chance real ist, denn unmittelbar vor der Begegnung gegen Spanien stehen sich Dänemark und Mazedonien gegenüber. Dann wird Paul Drux nicht mehr dabei sein, der Rückraumspieler zog sich gegen Dänemark einen Meniskusriss im rechten Knie zu und fällt für den Rest der EM aus. Das gilt aber auch für Mazedoniens Superstar Kiril Lazarov, der mit einer Muskelverletzung ausfällt.

"Es liegt nicht mehr in unserer Hand", sagte Bob Hanning. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes wirkte trotzdem ruhiger als in den Tagen zuvor. Es war nicht überraschend, dass sich die Deutschen gegen Dänemark im Vergleich zu den zurückliegenden Partien steigerten. Unerwartet war aber, wie sehr sich das Team verbessert zeigte.

Konstante Defensive, der Rückraum wird besser

"Die Deutschen haben die beste Abwehr in diesem Turnier", sagte Gedeón Guardiola, der sich in diesem Teilgebiet des Handballspiels gut auskennt. Der Spanier ist Abwehrchef in der Nationalmannschaft und beim Deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen. Guardiolas Worte zeigen den Respekt der Iberer vor dem Gegner am Mittwoch, und allein die Erinnerungen an das EM-Finale 2016 dürfte den Spaniern mulmige Gefühle bereiten. Die deutsche Mannschaft ließ vor zwei Jahren beim deutlichen Finalerfolg nur 17 Gegentore zu. Einen psychologischen Vorteil haben die Deutschen, obwohl sie bislang in Kroatien hinter den Erwartungen geblieben waren - das aber vor allem in der Offensive.

Auch die 60 Minuten gegen Dänemark waren nicht glanzvoll, doch sie lieferten einige Aspekte, die eine Halbfinalteilnahme nicht mehr utopisch erscheinen lassen. Die deutschen Offensivspieler wirkten zu Beginn der Partie immer noch zaghaft, vermochten die Erfolgserlebnisse in der Deckung nach zehn Minuten aber in Selbstvertrauen im Spiel mit dem Ball umzusetzen.

Besonders Julius Kühn überwand seine Krise und zeigte zum ersten Mal bei der EM, warum gegnerische Trainer in ihrer Spielvorbereitung viel Zeit auf ihn verwenden. "Wir brauchen einen Julius Kühn, um in diesem Turnier unsere Ziele erreichen zu können", sagte Bob Hanning. Zum ersten Mal zündete der Rückraumspieler "eine kleine Bombe", wie es der sechsfache Torschütze selbst formulierte.

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Mit deutlicher Verspätung kam Kühn gegen die Dänen ins Turnier, auch Kai Häfner spielte formverbessert. Steffen Fäth hatte seinen persönlichen Durchbruch schon beim 22:19 gegen Tschechien gehabt, und Steffen Weinhold war bislang ohnehin der konstanteste Rückraumspieler im Team des Europameisters. Im Rückraum, bislang die große Problemzone im deutschen Spiel, überwindet ein Spieler nach dem anderen seine Verunsicherung. Zu der hatte Bundestrainer Christian Prokop mit schnellen Auswechslungen in den ersten Partien beigetragen. Gegen Dänemark verzichtete Prokop auf zu viele Umstellungen, das tat dem deutschen Spiel gut. Mit der Rückholaktion von Abwehrchef Finn Lemke hatte der 39-Jährige schon eine andere Fehleinschätzung korrigiert.

Das Match gegen Dänemark machte Mut, trotz des Ergebnisses. Es soll der Start zur Rückkehr in die Spitze sein. Hanning strahlte die volle Überzeugung aus. Er musste das natürlich, doch es steckte auch Überzeugung in seiner Erklärung. "Wenn wir ein Endspiel gegen Spanien bekommen, gewinnen wir es", kündigte der DHB-Vize an und verstärkte seine Aussage zum Abschluss: "Das verspreche ich."

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
kloppskalli 22.01.2018
1. durchwachsen
ich fand auch das Spiel gegen Daenemark eher durchwachsen - auch die Abwehr - nicht dass alles schlecht war, aber kein vergleich zu den furiosen Auftritten bei der EM 2016. Selbst der trainer sagt in der ersten Auszeit, dass wir hinten 'scheisse stehen' :) Vorne sehe ich kaum Anspiele an den Kreis. Immerhin nur knapp verloren gestern. dachte das werden 3-4 tore Unterschied.
jujo 22.01.2018
2. ...
Ich habe es von Experten (?) so verstanden, daß wenn der Angriff in Überzahl, "empty goal", gespielt wird zwei Spieler in der Mitte am Kreis rochieren sollten, davon war nichts zu sehen. So habe ich das Gefühl die spielen z.Z. das was geht, nur das reicht diesmal wohl nicht!
Tomislav1980 22.01.2018
3. stimme zu...
Zitat von kloppskalliich fand auch das Spiel gegen Daenemark eher durchwachsen - auch die Abwehr - nicht dass alles schlecht war, aber kein vergleich zu den furiosen Auftritten bei der EM 2016. Selbst der trainer sagt in der ersten Auszeit, dass wir hinten 'scheisse stehen' :) Vorne sehe ich kaum Anspiele an den Kreis. Immerhin nur knapp verloren gestern. dachte das werden 3-4 tore Unterschied.
Ich konnte mir gestern und auch heute nicht wirklich erklären, woher auf einmal dieser Optimismus und die ganz leichte Euphorie komemen? In der Abwehr war das nur bedingt besser, als die Spiele vorher. Natürlich nicht schlecht, sogar recht gut, aber trotzdem kleine Schwächen im Eins-gegen-Eins, die zum Teil auch durch individuelle Aussetzer entstehen. Was mich zum Angriff bringt, denn hier liegt das Hauptproblem. Unglaublich viele Ballverluste durch ebenso individuelle Fehler. Dadurch resultieren viele Tempogegenstöße und "zweite Chancen" für die Gegner. Das was die NM sich in der Abwehr aufbaut, reißt sie im Angriff mit dem Allerwehrtesten ein. Unserem Spielmacher Weber fehlt, zumindest aus meiner Sicht, die Klasse um auf diesem Niveau mitzuhalten, oder höhere Ziele anzupeilen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, das er teilweise gar nicht weiß, was er machen soll. Gestern der ein oder andere Wurf aus der zweiten Reihe, als es nichtmal einen Hauch einer Chance zum Tor gab und dann ein Pass auf Aussen, als er schon bei 6 Meter nur noch den Torwart vor sich hatte. Diese Verunsicherung überträgt sich zum Teil auf den Restrückraum und wenn der ncht funktioniert dann kannst du auch deine Aussen nicht ins Spiel bringen. Davon Abgesehen finde ich das Angriffsspiel sehr beschränkt. Man hat den Eindruck, ausser dem siebten Feldspieler kommt da nichts, höchstens mal ein Auflösen an den Kreis. Und wenn Sie das dann spielen dann ist diese Kreuzbewegung zwischen Mitte und Kreisläufer so behäbig, dass der auflösende Mitte schon längst Wurzeln am Kreis geschlagen hat, bis die verbleibenden Rückraumspieler mal Druck auf die Abwehr bringen, sofern das überhaupt noch funktioniert, denn die hat alle Zeit der Welt sich auf die veränderte Situation einzustellen.
hans.günter 22.01.2018
4. Zustimmung
Kann den übrigen Foristen nur zustimmen. Wo der Autor eine überzeugende Offensive gesehen haben will, weiß wohl nur er selbst. Außer Einzelaktionen gar nichts. Jede Spitzenmannschaft hat mindestens einen flinken, technisch starken Spielgestalter, der auch mal überraschende Anspiele zum Kreis oder auf Außen bringt. In Deutschland Fehlanzeige, weil schon in der Jugend nur Kraft und Körpergröße gefördert werden.
hooge789 22.01.2018
5. Wer's glaubt wird selig.
Bleiben wir mal auf dem Teppich. Rausgespielte Tore sind Mangelware im deutschen Spiel. Das ist doch alles mit der Brechstange. Die Abwehr alleine wird's nicht richten können. Dazu kommt, dass Spanien gestern zurecht ordentlich Selbstbewusstsein getankt hat.
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