Handball-EM Extrawurf

Feiertag für die Fans des Videobeweises: Bei der Handball-EM freuten sich die Slowenen schon über den Sieg - da half das Fernsehbild den Deutschen. Zuvor fehlten dem DHB-Team Aggressivität und starke Torhüter.


Die Szene des Spiels: Wieder und wieder sahen sich die litauischen Unparteiischen die vermeintlich letzte Aktion des Spiels auf dem Fernsehschirm an. Deutschland hatte zwölf Sekunden vor Schluss ausgeglichen, die Slowenen gingen sieben Sekunden vor dem Ende durch Blaz Janc wieder in Führung. Einen schnellen Anwurf der Deutschen verhinderte Blaz Blagotinsek. Die Konsequenz nach minutenlangem Vor- und Zurückspulen: Rote Karte für Blagotinsek, Siebenmeter für Deutschland. Tobias Reichmann verwandelte zum Ausgleich, nachdem sich die Slowenen schon als Sieger der Partie wähnten.

Richtige Entscheidung? Ja. Wenn in den letzten 30 Sekunden eine Wurfausführung wie der Anwurf regelwidrig unterbunden wird, folgen automatisch eine Rote Karte und ein Siebenmeter. Für die Schiedsrichter besteht hier kein Ermessensspielraum. Da drei Slowenen, unter ihnen Blagotinsek, im Anwurfkreis standen, war diese Regelwidrigkeit gegeben. Slowenien legte im Anschluss der Partie Protest ein. Der DHB dazu: "Die sportliche Enttäuschung unseres Gegners ob des dramatischen Spielendes verstehen wir, aber einem Protest der slowenischen Delegation sehen wir gelassen entgegen."

Das Ergebnis: 25:25 (10:15) trennten sich Deutschland und Slowenien. Das DHB-Team hat sich damit bereits nach der zweiten Partie für die Hauptrunde der EM qualifiziert. Hier geht es zur Meldung.

Blackout: Nach zwanzig Sekunden fiel erst einmal der Strom aus. Die Übertragung stockte, zwischenzeitlich übertrug eine Notkamera von der Pressetribüne aus. Aber auch die nachfolgende Übertragung mit zahlreichen Hinter-Tor-Perspektiven war gewöhnungsbedürftig.

Die erste Hälfte: Das DHB-Team kam überhaupt nicht in die Partie. Erst nach elf Minuten fiel das erste Feldtor. Gegen die aggressive und kompakte Abwehr der Slowenen fand die deutsche Offensive kein Gegenmittel. In der Defensive konnte Miha Zarabec immer wieder durch die deutsche Abwehr spazieren, bei der der Bundestrainer fleißig durchwechselte: Gleich fünf unterschiedliche Mittelblockkombinationen bot er in 30 Minuten auf. Der Name des aussortierten Abwehrchefs Finn Lemke schwebte wie ein Gespenst über der vogelwilden deutschen Defensive.

Wolff zahnlos: Gegen Montenegro war Andreas Wolff mit zwölf Paraden (bei 26 Würfen) noch eine Bank im Tor, gegen Slowenien war er die personifizierte Machtlosigkeit. Nur einen (!) von elf Würfen wehrte er ab. In der 21. Minute machte er entnervt Platz für Silvio Heinevetter. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gegenüber Urban Lesjak unter anderem schon zwei Siebenmeter pariert. Heinevetter brachte es bis zum Schlusspfiff immerhin noch auf fünf weitere Paraden.

Andreas Wolff
Getty Images

Andreas Wolff

Zitierfähiges: "Wir müssen diszipliniert bleiben und den Kopf oben behalten", war Bundestrainer Christian Prokop bereits nach 23 Minuten im Durchhalteparolenmodus. Zuvor hatte er seinen Spielern in einer Auszeit bereits "Halbherzigkeit" und "Lässigkeit in den Zweikämpfen" attestiert.

Christian Prokop
Getty Images

Christian Prokop

Die zweite Hälfte: Entschlossener, aber nach wie vor beeindruckt von der slowenischen Härte, ging das Prokop-Team die entscheidenden 30 Minuten an. Unterstützung bekamen sie in der 45. Minute vom litauischen Schiedsrichtergespann Gatelis/Mazeika: Diese sahen bei einem Tempogegenstoß durch Uwe Gensheimer ein Foul von Vid Kavticnik, was nicht nur diesem eine Zwei-Minuten-Strafe einbrachte, sondern auch der heftig protestierenden slowenischen Bank. Die doppelte Überzahl nutzten die Deutschen, um aus einem 16:19 ein 19:19 zu machen. Das Spiel blieb anschließend bis zum Schlusspfiff (und darüber hinaus) spannend. Die beiden letzten deutschen Treffer in einem dramatischen Finale erzielten Paul Drux und Tobias Reichmann.

Faktor Gensheimer: Gegen Montenegro war Gensheimer bester Werfer (9 Tore) des deutschen Teams und das Gesicht des Erfolges. Gegen Slowenien traf zwar ebenfalls keiner besser (7 Tore) als der 31-Jährige, aber Deutschlands Linksaußen zeigte eines seiner schlechteren Länderspiele. Unter anderem verwarf er zwei Siebenmeter und sein Fehlwurf in der 56. Minute, als er freistehend beim Stande von 21:22 am langen Pfosten vorbeizielte, dürfte einer der spektakulärsten des bisherigen Turniers gewesen sein.

Nachrücker: Der Bundestrainer darf im Laufe des Turniers noch nachnominieren. Heißester Kandidat dürfte ARD-Moderator Alexander Bommes sein, wie dieser Kunstwurf verdeutlicht.

Ausblick: Am Mittwoch trifft das DHB-Team auf Mazedonien (18.15 Uhr, TV: ARD), das am ersten Spieltag 25:24 gegen die Slowenen gewonnen hatte. Bei den bereits für die Hauptrunde qualifizierten deutschen Handballern geht es um eine möglichst gute Ausgangsposition für die weiteren Turnierspiele. Die ersten drei Teams jeder Gruppe nehmen die gegen die anderen Qualifizierten erzielten Punkte mit in die nächste Runde.



insgesamt 7 Beiträge
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dulefan 15.01.2018
1. Die Qualität der Übertragung...
...war mal wieder unterirdisch. Wie soll man sich als Zuschauer auf ein Spiel einstellen, wenn ständig die Perspektive gewechselt wird? Hat man dem Bildregisseur nicht erklärt, dass Handball ein schneller Sport ist, bei dem man nicht pro Tor erst einmal zwei Zeitlupen zeigen kann? Wieso muss ich mir bei laufendem Spiel Großaufnahmen von Trainern oder Zuschauern ansehen? Dass man so etwas viel, viel besser hinkriegt, kann man bei Übertragungen z.B. vom Final Four der Champions League besichtigen. Aber hier werden irgendwelche Ahnungslosen ran gelassen. Dass die deutschen Reporter oft daneben liegen und Szenen nicht mitkriegen, setzt dem dann noch die Krone auf.
gnarze 16.01.2018
2. Videobeweis und Regeln
Regeln sind dazu da, angewandt zu werden. Verstehe die ganze Aufregung nicht, auch nicht, warum die Schiedsrichter so lange gebraucht haben, um zu erkennen, dass ein klarer Regelverstoß vorhanden war.
aszrael46 16.01.2018
3. So einfach ist die ganze Sache gar nicht....
Entscheidend ist, wann der Anwurf ausgeführt wurde und ob er überhaupt freigegeben wurde. Sollte der Anwurf vor spielende durch die Schiedsrichter freigegeben worden sein, so handelt es sich um ein normales Abstandsvergehen und die Schiedsrichter hätten eine Fehlentscheidung getroffen. Freiwurf + 2 Minuten Strafe wäre dann korrekt. Sollte der Anwurf jedoch nicht freigegeben worden sein bzw. erst nach spielende ausgeführt werden können, da es zu der Behinderung kam, so wäre die Entscheidung der Schiedsrichter mit der roten Karte + dem 7m vollkommen korrekt.
ein-berliner 16.01.2018
4. Was für eine Farce
Schiedsrichter die keinen Durchblick haben ist eine Sache, das ein Torwart der der Spielleitung am Richtertisch erst die Regeln erklären muss ein völlig erschreckendes Bild. Das ist Handball auf Dorfniveau in der Kreisliga. Eine sehr peinliche Vorstellung den übermotivierten Trainer der Slowenen nicht zum Duschen zu schicken.
menton 16.01.2018
5. meine Haupterkenntnisse des Spiels:
1. Wir haben ein Torhüterproblem (was wir in der Vergangenheit nie so hatten...)! 2. Die deutschen Spieler sind technisch gut, aber sehr statisch und wirken irgendwie nicht richtig wach - eine Einstellungssache? Die Slowenen waren viel mehr "auf Zack".
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