Ohne Finn Lemke zur EM Muss Deutschlands Handball raffinierter werden?

Deutschland fährt ohne seinen Abwehrriesen Finn Lemke zur EM. Die Entscheidung von Bundestrainer Prokop schlägt hohe Wellen. Es geht um die Identität des deutschen Handballs.

Deutschlands Verteidiger Finn Lemke
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Deutschlands Verteidiger Finn Lemke

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Wenn Finn Lemke die Arme ausbreitet, könnte er eine halbe Handballmannschaft packen. Lemke hat eine Spannweite von circa 2,20 Meter und ist ein Verteidiger wie ein Schrank: 2,10 Meter groß und 115 Kilogramm schwer. Seit dem EM-Erfolg 2016 gegen Spanien (24:17, Gegentorrekord in einem EM-Endspiel) gilt der 25-Jährige als die Mauer der deutschen Defensive. Jeder Zweikampf mit ihm ist unangenehm, jeder Wurf an ihm vorbei schwierig.

Aggressivität und Präsenz: Das sind Lemkes Stärken. Die deutsche Nationalmannschaft wird bei der Europameisterschaft in Kroatien ab Freitag (hier finden Sie den Spielplan) ohne diese Qualitäten auskommen müssen. Bundestrainer Christian Prokop hat entschieden, auf den Abwehrriesen zu verzichten. Die Maßnahme sorgte für Aufregung.

Legende Daniel Stephan nannte die Nichtnominierung ein Risiko. Lemkes Melsunger Vereinstrainer Michael Roth war "schockiert". "Auf solche Qualität ohne Not zu verzichten, wirft Fragen auf. Wenn einer das alles mitbringt wie Lemke und keine Verletzung hat, ist es schon fahrlässig", sagte Roth bei "Sport1". Dem SPIEGEL sagte Lemke, das Aus sei für ihn ohne Vorahnung gekommen. "Der Bundestrainer hat es mir am Sonntag mitgeteilt."

Finn Lemke gegen alle
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Finn Lemke gegen alle

Lemke ist trotz seiner noch jungen Laufbahn in der Nationalmannschaft (Debüt im Januar 2014) bereits ein verdienter Spieler: Er war dabei, als die DHB-Auswahl im Januar 2016 mit dem EM-Erfolg in die Weltspitze zurückkehrte. Und er war dabei, als Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen im anschließenden Sommer Bronze gewann. Die A-Mannschaft soll Lemke vor allem mit seiner emotionalen Ansprache in den vergangenen Jahren mitgeprägt haben.

Lemke gilt im Team als beliebt und hat sich mit seinen knapp 60 Länderspieleinsätzen auch ein gewisses Standing bei Schiedsrichtern und den Respekt der Gegenspieler erarbeitet. Diese Qualitäten können bei einer Europameisterschaft für den Unterschied sorgen und zwischen Sieg und Niederlage entscheiden, zwischen EM-Aus und Weiterkommen. Vielleicht ist deswegen die Aufregung darüber gerade so groß, dass Lemke mit seinem wuchtigen Erscheinungsbild und seiner Emotionalität im Aufgebot der "Bad Boys" - die sich in der Vergangenheit oft über den Teamgedanken definiert haben - fehlen wird.

In der hitzig geführten Debatte über Lemkes Nichtnominierung scheint ein wichtiges Detail fast zur Nebensache zu geraten: Die Entscheidung von Bundestrainer Prokop verfolgt eine taktische Idee. Anders als Vorgänger Dagur Sigurðsson will der neue Nationaltrainer stärker auf eine flexiblere 6:0-Abwehrformation setzen. Beweglichkeit, situative Rotation, schnelles Attackieren des Angreifers - das ist in diesem Defensivsystem wichtig.

Kater versucht, über Lemke zu werfen
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Kater versucht, über Lemke zu werfen

Prokop hat entschieden, dass Lemke dafür offenbar der falsche Spielertyp ist. Den richtigen Mann sieht Prokop in Bastian Roscheck, ein flinker und zweikampfstarker Abwehrspieler aus Leipzig - und bisher ein Nobody. Sein erstes Länderspiel bestritt der 26-Jährige am vergangenen Freitag gegen Island. Damit ist seine EM-Nominierung zumindest eine mutige Maßnahme.

Vor allem aber ist sie nachvollziehbar. Prokop hat sich für ein System entschieden und dafür gezielt Spieler ausgesucht. Daran ist nichts auszusetzen, findet DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der eine hohe Ablösesumme im sechsstelligen Bereich für Prokop an dessen Ex-Verein Leipzig durchgesetzt haben soll. "Ich brauche keinen Trainer, der populistische Entscheidungen trifft, sondern einen, der die richtigen trifft", sagte Hanning der "Süddeutschen Zeitung".

Ob der Lemke-Verzicht tatsächlich die richtige Entscheidung ist, wird erst die Hauptrunde der EM zeigen. Dann wird Deutschland wahrscheinlich auf Titelkandidat Spanien treffen. Dass der deutschen Auswahl vor zwei Jahren ihr zweiter EM-Erfolg gegen die spanische Mannschaft gelang, war weniger ihrer taktischen Gewitztheit zu verdanken. Es war der Triumph einer funktionierenden Mannschaft mit einer starken Abwehr, die sich von Spiel zu Spiel steigerte und in ihrem Rausch am Ende den klaren Favoriten bezwang.

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Dem Team stellt sich in Kroatien nun die Identitätsfrage: Ist es lediglich eine Mannschaft, die wegen ihrer Geschlossenheit Erfolge feiern kann? Dass das zu wenig ist, um dauerhaft um Titel mitzuspielen, hat die WM 2017 gezeigt, als Deutschland im Achtelfinale sensationell an Katar scheiterte.

Hat das DHB-Team mittlerweile das Potenzial, mit taktischen Mitteln einen Titelkandidaten wie Frankreich, Spanien oder Dänemark auszuschalten? Oder wenigstens auf einen unangenehmen Gegner wie Katar flexibel zu reagieren?

Genau das will Prokop erreichen - und deswegen fährt der ihm aus Leipziger Zeiten bekannte Roscheck und nicht Lemke mit zur Europameisterschaft. Was übrigens nicht endgültig sein muss, denn im Handball sind Nachnominierungen möglich.

Deutschlands EM-Kader
Tor: Silvio Heinevetter (Berlin), Andreas Wolff (Kiel)
Feld: Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain), Maximilian Janke (Leipzig)**, Julius Kühn (Melsungen), Paul Drux (Berlin), Steffen Fäth (Berlin), Philipp Weber (Leipzig), Kai Häfner (Hannover Burgdorf), Steffen Weinhold (Kiel), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (Melsungen), Jannik Kohlbacher (Wetzlar), Patrick Wiencek (Kiel), Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen), Bastian Roschek (Leipzig)* *Finn Lemke wurde nach dem zweiten Vorrundenspiel für Bastian Roschek nachnominiert. **Rune Dahmke wurde nach dem ersten Spieltag der Hauptrunde für Maximilian Janke nachnominiert.


insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
ptb29 09.01.2018
1. Die Maßnahme sorgte für Aufregung.
Also Daniel Stephan hat sich aufgeregt. Daraus jetzt schon den zweiten Artikel zu basteln, ist typisch Spiegel. Wer ist Trainer der Mannschaft?
Karl Nörgeler 09.01.2018
2. Auch beim Handball..
gilt die Regel: der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr Titel! Jeder Titelgewinner, egal ob EM, WM oder Olympia hatte stets die beste Abwehr, und die war immer mit einem körperlich sehr robusten Mittelblock versehen. Ich kann Melsungens Trainer Roth verstehen. Ohne Not auf Lemke zu verzichten, oh je. Wenn sich da der Bundestrainer mal nicht so richtig verzockt hat.
MattKirby 09.01.2018
3. Handball ist nicht Fußball
lieber Journalist. Bei 6 Feldspielern und einem 20er Kader zudem mit der Möglichkeit, während des Spiels so oft zu wechseln wie man möchte, sollte man eine möglichst große Bandbreite an Spielertypen mitnehmen. Die taktische Variabilität und Persönlichkeit entscheidet im Handball mehr als Spielsysteme. Gegen manche Mannschaften braucht es eine defensive 6:0 Abwehr, gegen andere eine offensive 3-2-1 oder 5-1 Deckung. Diese muss man, je nach Spielsituation, auch während eines Spiels umstellen können. Aber bei allen Deckungsvarianten gibt es einen defensiven Mittelpfeiler, der bei allen guten Mannschaften von einer großen und erfahrenen Kante bekleidet wird. Eben so einer wie Lemke. Und in der crunch time, wenns eng wird, triumphiert beim Handball in der Regel Erfahrung über jugendlichen Wagemut.
lektra 09.01.2018
4.
Zitat von ptb29Also Daniel Stephan hat sich aufgeregt. Daraus jetzt schon den zweiten Artikel zu basteln, ist typisch Spiegel. Wer ist Trainer der Mannschaft?
Daniel Stephan ist als ehemaliger Welthandballer (einer der wenigen Deutschen, die das geschafft haben) schon jemand, der fundiert Kritik üben kann. Und er ist nur einen von etlichen Fachleuten, die die Kaderzusammenstellung skeptisch aufgenommen haben. Der Artikel hat Bedenken und die möglichen Vorteile doch sehr abwägend dargestellt (" typisch Spiegel"?). Dass es Härtefälle geben wird, war vor der Nominierung klar; dass es Dahmke, Wiede und v.a. Lemke erwischt, hat einen erst mal sprachlos gemacht. Wir müssen abwarten, was der Bundestrainer vorhat und wie es läuft. Immerhin gibt es ja die Möglichkeit der Nachnominierung im Verlaufe des Turniers.
lektra 09.01.2018
5. Genau: Handball ist nicht Fußball
Zitat von MattKirbylieber Journalist. Bei 6 Feldspielern und einem 20er Kader zudem mit der Möglichkeit, während des Spiels so oft zu wechseln wie man möchte, sollte man eine möglichst große Bandbreite an Spielertypen mitnehmen. Die taktische Variabilität und Persönlichkeit entscheidet im Handball mehr als Spielsysteme. Gegen manche Mannschaften braucht es eine defensive 6:0 Abwehr, gegen andere eine offensive 3-2-1 oder 5-1 Deckung. Diese muss man, je nach Spielsituation, auch während eines Spiels umstellen können. Aber bei allen Deckungsvarianten gibt es einen defensiven Mittelpfeiler, der bei allen guten Mannschaften von einer großen und erfahrenen Kante bekleidet wird. Eben so einer wie Lemke. Und in der crunch time, wenns eng wird, triumphiert beim Handball in der Regel Erfahrung über jugendlichen Wagemut.
Wir sind bei einer Handball-EM. Hier gibt es aber keinen 20er-Kader. Prokop zum Turnierstart genau 16 Spieler nominieren. Dann gibt es die Möglichkeit der Nachnominierung im Verlaufe des Turniers (aus dem gemeldeten 28er-Kader). Da Deutschland als einer der Turnierfavoriten ins Turnier gehen wird, wird es auch weniger darum gehen, angepasst an die Stärken anderer Mannschaften die eigene Aufstellung und Taktik ständig umzustellen. Deutschland muss das eigene Spiel, die eigenen Stärken durchsetzen können, sonst wird das eh nichts (auf jeden Fall in der Vorrunde, für die Hauptrunde kann man dann noch nachnominieren). Was Prokop plant, kann man ja schon an der Nominierung von vier (nominellen) Kreisläufern erahnen. Ob's aufgeht? Warten wir's ab.
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