Handball-EM in Zagreb Die große Leere

Ganz großer Handball: Die Halbfinals der EM in Kroatien hätten nicht spannender sein können. Aber zu dieser Endrunde gehört auch dieses Bild: leere Tribünen, kaum Fans.

Mikkel Hansen
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Mikkel Hansen

Aus Zagreb berichtet


Der Sound schallte durch die Flure. Alle 30 Sekunden wurde es laut in der Arena von Zagreb. Doch es waren nicht die Handball-Fans mit ihren Tröten und Klatschpappen, die für den Höllenlärm sorgten. Der Krach kam aus der Musikbox. Die für über 14.000 Zuschauer ausgelegte Halle blieb halb leer.

Mit den Fans sind Franzosen, Spanier, Dänen, Norweger, Tschechen und Kroaten gemeint. Ihre Länder sind bei der Finalrunde der Handball-Europameisterschaft vertreten. Ihr Besuch hat sich gelohnt: Sie sahen spektakuläre Partien. Im ersten Halbfinale durfte Spanien über die Sensation gegen Weltmeister Frankreich jubeln. Europas Rekordchampion Schweden hatte im Anschluss einen überraschenden Erfolg in der Verlängerung gegen Dänemark gefeiert. Die Schweden träumen nun von ihrem fünften EM-Titel. Am Nachmittag hatte sich EM-Ausrichter Kroatien immerhin noch den fünften Platz gegen Tschechien gesichert.

Das klingt nach einem großen Spektakel, oder?

Für ein großes Handballfest hätte es aber schon mehr Fans gebraucht. Die Realität in der nicht einmal halbgefüllten Halle sah mit den vielen unbesetzten grauen Sitzschalen trist aus - wie so oft bei dieser schlecht besuchten Endrunde. Der Sound, der durch die Flure schallte, drang aus den viel zu laut eingestellten Musikboxen. Charts übertönten den Torjubel der wenigen Zuschauer vor Ort. David Guetta statt "Allez les Bleus".

Der erste Teil des Final Four war dafür aus sportlicher Sicht wie viele andere Duelle dieses Turniers beste Werbung für den Handballsport. Man erinnere sich nur an Deutschlands spätes Unentschieden gegen Slowenien und Mazedonien. Auch Frankreichs Halbfinale gegen Spanien ist ein Beleg für die Spannung im Handball.

In der Hoffnung auf eine Sensation vereint

Spaniens Torwart Arpad Sterbik hatte einen Siebenmeter abgewehrt und es blieb beim 22:14 für sein Team. Auf der Tribüne am linken Spielfeldrand tanzte nun eine Handvoll Männer. Rote Trikots hatten sie an, gelbe Schals um den Hals gelegt und Hüte in denselben Farben aufgesetzt. Es waren 15 spanische Fans, die dort so ausgelassen tanzten. "Viva España", brüllte der Hallensprecher nach dem gehaltenen Siebenmeter ins Mikrofon und Fans anderer Nationen riefen mit.

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Wenn etwas die Anhänger aus den verschiedenen Ländern vereinte, dann war es die Hoffnung auf eine Sensation: Viele wollten Frankreich scheitern sehen - und plötzlich wurde es dramatisch. Der Weltmeister kam wieder ran und lag fünf Minuten vor Schluss nur noch mit vier Toren zurück. Wurde die nahende Sensation durch eine spektakuläre Aufholjagd getoppt?

Queens "We will rock you" setzte den musikalischen Schlusspunkt dieser packenden Partie. Spanien hatte es am Ende gerockt und gewann deutlich 27:23. Frankreich muss damit weiter auf den vierten EM-Titel warten. Dem Turnierfavoriten bleibt nur das Spiel um Platz 3 am Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Nach einer Partie ist vor dem Verkaufsstand: In den Spielpausen soll die Kasse der Organisatoren klingeln. Die Trikots der kroatischen Nationalmannschaft sind an diesem Abend zwar das Gegenteil von einem Kassenschlager, Popcorn und Bier dafür umso beliebter. Bereits am frühen Abend stand der Geruch von Alkohol in der Luft der Stadiongänge wie im Bierzelt einer Dorfveranstaltung. Und wer nicht trinkfest war, blieb früh auf der Strecke: Der Handballtag in Zagreb ging von 15 bis 23 Uhr. Ein Hauch von Volksfest.

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Mitten im Getümmel standen auch viele Deutsche, die nach dem Aus der DHB-Auswahl noch geblieben sind. Zwei von ihnen fielen besonders auf: Sie trugen das Trikot der deutschen Nationalmannschaft und ihre Wangen hatten sie mit der dänischen Nationalflagge bemalt. Warum sie Dänemark unterstützen? "Norddeutschland", nuschelte einer von beiden und hickste dabei.

"Lieber an den Strand"

Mit den zwei Deutschen im Rücken lieferte sich Dänemark dann ein packendes Duell mit Schweden. Wenige Sekunden vor dem Ende hatten die Schweden mit einem Tor geführt. Sie waren im Angriff - alles klar? Von wegen. Es folgte ein Ballverlust und Geistesblitz von Superstar Mikkel Hansen, der aus der eigenen Hälfte den Ball an den gegnerischen Kreis brachte. Von dort traf Lasse Svan mit der Schlusssirene zum 28:28. Verlängerung. Dort siegte dann Schweden.

So viel Drama, so wenige Fans.

Am Ende bleibt die Frage, was es aussagt, wenn die Zuschauerzahl beim vielleicht größten Event im europäischen Handball so gering ausfällt? Vielleicht ist Handball ein besseres TV-Event oder mittlerweile so oft im Fernsehen zu sehen, dass der Gang ins Stadion überflüssig geworden ist.

Das schwache Abschneiden von Gastgeber Kroatien wird auch ein Grund für die enttäuschende Kulisse sein. Die ersten Werbeplakate für das Turnier sollen bereits am Tag nach dem Aus am Mittwoch abgenommen worden sein, sagt ein Taxifahrer. Ob er die mindestens 50 Euro für eine Karte an der Abendkasse ausgegeben hätte? "Mit dem Geld fahre ich lieber an den Strand."

Ob das auch andere Kroaten bei sonnigen Temperaturen in Zagreb so gesehen haben? Das EM-Abschiedsspiel ihrer Mannschaft sahen am Nachmittag kaum mehr als 2000 Fans.



insgesamt 26 Beiträge
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neighbourofthebeast 27.01.2018
1. Kann sein, dass ich mich
täusche, aber vielleicht liegt die Antwort schon im Text. Für mich ist Handball genau das: Ein TV Event. Ich sehe die Spiele der Nationalmannschaft sehr gerne, aber eine weite Fahrt würde ich dafür nicht auf mich nehmen. Außerdem würde ich vermuten, dass Handball - verglichen mit Fußball - sich doch eher vor Ort abspielt und einen ausgeprägt lokalen Bezug mit daraus resultierenden kleinen Fangemeinden hat. Fans des BvB, des HSV oder Borussia MG kann man überall antreffen, egal wo man sich in Deutschland befindet. Das sieht bei Lemgo, Göppingen, Melsungen und Wetzlar vermutlich anders aus. Dass sich von denen dann keine Massen auf den Weg machen, um ihren Jahresurlaub in einer Turnhalle zu verbringen, finde ich plausibel. Zudem finde ich einen zweijährigen Turnus für so ein Turnier viel zu kurz.
ein-berliner 27.01.2018
2. Wie bitte?
Zu viel Handball im Fernsehen? Vielleicht in Zagreb - deshalb das Desinteresse. Hier in Deutschland gibt er doch ausser Fussball im Winter nur billige Schneekönige tagelang im Fernsehen zu sehen.
Champagnerschorle 27.01.2018
3. wunder-o-wunder
Nun wird so getan, als ob die leeren Ränge überraschend seien. Hallo, wir sind in Kroatien. Nix Wirtschaftswunderland, nix Handballbegeisterung aus dem Herzen. Da ist schlicht keine Kohle für sowas. (...und jetzt sind auch kaum Touristen zum aufbessern der Handkasse da...)
ford_mustang 27.01.2018
4. Wie bei allen Events...
dieser Art. Preise die nur von Hardcorefans bezahlt werden. 50 Euro für eine Eintrittsarte, dass finde ich happig. Fußall-WM oder Olympiade, da ist es noch extremer. Auch wenn es im eigenen Land stattfindet, oder sogar in der eigenen Stadt, bin ich nicht bereit dreistellige Preise zu bezahlen. Ich denke, das geht vielen so.
toro1982 27.01.2018
5. Handball in Medien kaum präsent
Liebes SPON-Team, danke für den Artikel. Ich war regelmäßig sehr traurig, die leeren Ränge zu sehen, wenn ich mir die Deutschland-Spiele anschaute (leider die einzigen, die im TV übertragen wurden). Sicher sind die Gründe vielschichtig, natürlich, aber es fehlt einfach die mediale Präsenz. Erlauben Sie mir an dieser Stelle auch eine deutliche Kritik an Sie - spätestens nach dem ersten Spiel der Deutschen habe ich mir andere Internetseiten gesucht, um mich u.a. über Liveticker über die EM zu informieren. Es war unglaublich zeitaufwändig, bei Ihnen etwas zu suchen/ zu finden zum Thema. Nichts gegen Darts, aber zur kürzlichen Meisterschaft konnte man jeden Tag relativ prominent etwas dazu lesen. Passt irgendwie nicht zusammen. Das trifft natürlich nicht nur auf SPON zu. Es ist einfach nur traurig, wie stiefmütterlich Handball in puncto Medienberichterstattung behandelt wird. So etwas kann nämlich das Interesse an einer Sportart steigern. Wie wäre es, wenn das SPON-Team damit anfängt, Informationen zum Handball-Sport etwas leichter auffindbar zu machen?
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