Frankreichs Handball-Star Dika Mem Der Sieg des Schmächtigen

Dika Mem ist einer der besten Spieler der Handball-EM. Dabei hatte er vor sechs Jahren weder den idealen Körper noch Ahnung vom Spiel - eine Karriere gegen jedes Lehrbuch.

AP

Aus Zagreb berichtet


Wie aus dem Nichts explodierte Dika Mem. Er machte zwei große Schritte in Richtung Tor. Der Ball flog zu ihm. Mem täuschte eine Bewegung an und zog nach der Finte am Gegenspieler vorbei. Sein Sprungwurf wirkte wie ein Vollsprint. Tor.

Treffer wie diesen im Halbfinale gegen Spanien sieht man häufiger von Mem. So funktioniert das Offensivspiel des Handballers. Anfangs noch unscheinbar, dann die Attacke aus dem Rückraum.

Dika Mem, noch nie gehört? Mem verkörpert die perfekte Mischung eines Handballers. Er vereint Kraft und Tempo, Ausdauer und Technik wie kaum ein anderer. Mit bisher 22 Treffern ist er Frankreichs zweitbester Torschütze bei der Europameisterschaft in Kroatien.

Mem kann am Abend mit den im Halbfinale überraschend gescheiterten Franzosen die Bronzemedaille im Spiel um Platz 3 gegen Dänemark holen (18 Uhr, TV. Sportdeutschland.TV; Liveticker SPIEGEL ONLINE).

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Handballhoffnung Dika Mem: Der Spätzünder

Für viele der ambitionierten Franzosen klingt das nach einem Trostpreis. Für das 20 Jahre alte Talent wäre es aber ein kleiner Sieg. Sein Weg zum Handballstar passt eigentlich nicht zu diesem Sport und den gängigen Weisheiten.

Wer ist Karabatic?

Der Tag liegt fast acht Jahre zurück, 31. Januar 2010. Frankreich hatte mit einem Sieg gegen Kroatien die Handball-Europameisterschaft gewonnen. Nach dem Olympiasieg 2008 und dem WM-Titel im Jahr 2009 hatte das Team nun auch die Mission EM-Gold erfüllt. Der Triplegewinn der Franzosen ist bis heute einmalig in der Handballgeschichte. "Götter", schrieb damals das französische Sportblatt "L'Équipe".

Was Dika Mem an diesem historischen Tag gemacht hat, dürften nur die engsten Vertrauten wissen. Bekannt ist aber, dass er damals 12 Jahre alt war und nichts mit den Handballgöttern anfangen konnte. Mem kannte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal den Namen von Nikola Karabatic, der Zeus unter den französischen Handballern.

Die Zeit verging, Mem war 14 und er wollte raus. Von der Pariser Vorstadt auf die große Sportbühne. Das hatten vor ihm schon andere geschafft: Jungs wie Kingsley Coman im Fußball oder seine Halbbrüder, die Profi-Basketballer wurden - das Pariser Umland gilt als Schatzkammer der französischen Nachwuchsarbeit. Mem glaubte, er könne mit seinem schnellen Antritt ein großer Handballer werden - die Realität sah aber auch so aus: Bei seinem ersten Training soll er schmächtig ausgesehen haben und seine damalige Körpergröße von knapp 1,80 Meter passte nicht zum gängigen Bild eines Handballers, dessen Körper im besten Fall dem eines Schrankes gleichen sollte.

Mem hatte damals eher die Statik eines klapprigen Regals. In vielen Nachwuchsmannschaften hätte man es so schwer. Auch in deutschen Teams findet man im Rückraum selten flinke Spieler und welche, die ins Tempo gehen. Dafür aber Riesen wie den fast zwei Meter großen Julius Kühn. Wurfgewaltig und eine Kante - genau nach solchen Brocken werde für den Rückraum gesucht, sagen Nachwuchsspieler.

Dika Mem hatte aber noch ein zweites Problem: seine Unerfahrenheit. Techniken, Bewegungsabläufe, Regeln - für Mem war die komplizierte Sportart Handball auch im Alter von 14 Jahren noch Neuland. Ein K.o.-Kriterium?

"Der Computer würde Dika Mem erstellen "

Georg Clarke, Vize-Präsident des Deutschen Handballbunds Jugend (DHB), sagte dem SPIEGEL in einem Gespräch über die deutsche Talentförderung, Handballkarrieren würden in den jüngsten Nachwuchsklassen beginnen. Danach sei der Anschluss nur schwer zu schaffen. Mem mag ein Einzelfall sein, aber er hat den Anschluss geschafft.

Auch, weil seine ersten Trainer seine Qualitäten erkannten: die Athletik, das Tempo, die Sprungkraft - so viel Talent hatten sie noch nicht gesehen. Die Größe, der schmächtige Körper, beides war nebensächlich. Die guten Anlagen des Jungen sprachen sich schnell herum. Es folgte eine Einladung in die Jugendnationalmannschaft.

Der frühere Handballprofi Éric Quintin war in der nationalen Nachwuchsauswahl einer seiner Coaches. Der "L'Équipe" sagte der Ex-Nationalspieler kürzlich: "Hätten wir früher einen Spieler mit dem Computer erstellt, wäre es Nikola Karabatic geworden. Heute kann es Dika Mem sein."

Mem - der neue Karabatic?

Für Mem ging es vom Pariser Vorstadtklub weiter nach Barcelona. 2016 unterschrieb er einen Sechsjahresvertrag beim spanischen Top-Klub FC Barcelona. 2017 folgte der WM-Titel mit Frankreich. Mems Karriere begann mit später Zündung, aber verläuft seither im Eiltempo.

Die Geschwindigkeit bringt der mittlerweile 20-Jährige, der heute 1,92 Meter misst, auch auf die Platte. Das passt zum französischen Handball. Die Mannschaft von Trainer Didier Dinart hatte ihre Gegner bei der EM mit Tempospiel überfallen. Frankreich war ohne Punktverlust und mit den meisten Toren durch das Turnier geschwebt. Bis zum Halbfinale konnte kein Team den rasanten Handball stoppen.

Dann kamen die Spanier. Mem tauchte komplett unter und warf nur ein Tor. Frankreich spielte schlecht und flog im Halbfinale aus dem Turnier. Damit stand die schwache Leistung des 20-Jährigen symbolisch für die der gesamten gescheiterten Mannschaft.

Mems sportliche Bedeutung bei diesem Turnier wird auch an seiner Spielzeit von knapp vier Stunden deutlich - nur fünf andere im Team waren länger im Einsatz. Das bemerkenswertere an seiner Karriere ist aber der ungewöhnliche Beginn im Alter von 14, als er keinen besonderen Körper hatte und ohne Kenntnisse über diese Sportart zu seinem ersten Handballtraining ging. Damals zählte nur sein Talent.

Wer weiß, vielleicht hätte der Sprung in die Nationalmannschaft in einem anderen Land nicht geklappt. Heute trägt Dika Mem die Rückennummer 10, so wie einst Zinédine Zidane im Fußball. Vielleicht wusste Mem zu Beginn seiner Laufbahn nicht, dass diese Rückennummer im Handball bedeutungslos ist. Ob sich das ändern wird? Der Handball wusste anfangs auch nichts von Dika Mem.



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pahrump 28.01.2018
1.
Ich habe ihn 2016 bei der U20 EM in Kolding gesehen. Sein Zusammenspiel mit Melvyn Richardson und dem jeweiligen RA war traumhaft. So war sein weiterer Weg vorher zu sehen. Und in Deutschland werden die jungen Leute ignoriert bzw. " sie müssen noch geschont / vorsichtig aufgebaut / nicht überbeansprucht /... " werden! Dafür werden dann lieber Talente aus den skandinavischen Ländern geholt und verheizt.
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