Deutschland im Halbfinale der Handball-EM Da geht noch was

Plötzlich scheint alles möglich: Bei der Handball-EM steht Deutschland im Halbfinale. Das Geheimnis der DHB-Auswahl? Niemand muckt auf.

Aus Breslau berichtet Michael Wilkening


Die deutschen Handballer wachsen an sich selbst und sind auf dem Weg, ein Wintermärchen zu schreiben. Ohne sechs Leistungsträger besiegte das Team von Dagur Sigurdsson am Abend Dänemark mit 25:23 und schaffte den Sprung ins Halbfinale der Europameisterschaft in Polen. Dort kommt es am Freitag zum Duell mit Norwegen. Der Gewinn des EM-Titels scheint möglich.

Nach einem perfekten Teamwork über die komplette Spielzeit wich die Konzentration - und die Mannschaft feierte sich und ihren Erfolg. In den 60 beeindruckenden Minuten zuvor wurden neue deutsche Handballhelden geboren. Kein Einzelner ragte im letzten Spiel der Hauptrunde der EM heraus, im Kollektiv bezwangen die Deutschen ein Team voller Weltklassespieler.

Bundestrainer Dagur Sigurdsson, eigentlich kein Mann der großen Worte, sagte: "Das ist eine Sensation." Der Isländer glaubt zwar seit seinem Amtsantritt an die Fähigkeiten seiner Mannschaft, doch am Mittwochabend wurde selbst er von einem Team überrascht, das aktuell keine Grenzen zu kennen scheint.

Einfach Handball

Noch am Montag herrschte Tristesse im deutschen Lager, als klar war, dass Kapitän Steffen Weinhold und Torjäger Christian Dissinger verletzt aus dem Turnier ausscheiden müssen.

Am Montagmittag trafen Julius Kühn und Kai Häfner als Nachrücker im Teamhotel der Deutschen ein und spielten gegen Dänemark auf: Sie strengten sich an, sie machten wenig falsch, sie zeigten keine Angst. Häfner hatte am Ende drei Tore erzielt, Kühn den wichtigen Treffer zum 22:23 (in der 53. Minute). Damit hatten der Gummersbacher und der Hannoveraner gemacht, was alle anderen Akteure auf dem Feld auch getan hatten: einfach Handball gespielt.

Mit dieser professionellen Unbekümmertheit zermürbten sie den Favoriten aus Dänemark, der keine wirksamen Mittel gegen die variable Deckung der Deutschen fand. Immer wieder wechselte Sigurdsson zwischen einer defensiven und offensiven Abwehrformation - und sein Gegenüber auf der dänischen Bank wirkte zunehmend ratlos. "Die Jungs haben es geschafft, einen komplizierten Matchplan über 60 Minuten perfekt umzusetzen", lobte Sigurdsson sein Team.

Bob Hanning schritt nach dem Spiel ohne eine Geste des Triumphs durch die Katakomben der Jahrhunderthalle. Dabei hätte er Grund dazu gehabt. Dem Vizepräsidenten des deutschen Handballbundes war bewusst, dass die Spieler mit ihrem Trainer in den Tagen von Breslau die Grenzen immer weiter verschoben haben. Hanning hatte gegen Widerstände im Verband vor anderthalb Jahren Sigurdsson ins Amt geholt. Das zahlt sich nun aus.

"Das war eine Sternstunde für den deutschen Handball", sagte Hanning. Das Fernziel ist der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2020.

Kurz nach Spielende war es dann mit dem Jubel aber auch schon vorbei. Die deutschen Spieler wirkten gefasst und konzentriert. "Wir sind hier im Tunnel", umschrieb Erik Schmidt den Gemütszustand von sich und seinen Kollegen. Das Halbfinale ist erreicht. Das Ziel noch nicht.



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insgesamt 30 Beiträge
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mare56 27.01.2016
1. Bitte nicht im ZDF
Ahnungslosigkeit & Talentlosigkeit wird im ZDF-Sport zu Genüge präsentiert. Hoffen wir mal auf Florian Naß! Und auf ein Finale mit unserer U23 ohne Geschwätz von Christoph Hamm!
MattKirby 27.01.2016
2. Top!
nach quälend langen Jahren Brandtscher Lethargie, die durch seinen Adlatus Heumann noch verlängert wurde, endlich wieder schneller, engagierter und erfolgreicher Handball der HB-Nationalmannschaft. Und das fast ausschließlich mit Nachwuchskräften, welche die individuell sicher stärkeren Dänen mit mannschaftlicher Geschlossenheit und etwas Glück besiegt haben.
seit1958 28.01.2016
3. Erstaunlich, und ich
muss meine Meinung über das Team revidieren. Nie und nimmer hätte ich der jungen Mannschaft diese Leistung zugetraut. Super weiter so. Wenn nicht dieses Jahr, die Zeit spielt für Euch!
spmc-125536125024537 28.01.2016
4. Tolle Leistung
trotz des Ausfalls weiterer Leistungsträger war überhaupt kein Bruch im Spiel. Die "B" Mannschaft spielte über 60 min wie aus einem Guß. Super Abwehrleistung. Die Nachnomminierten warfen 4 Tore, und am Ende war der Europameister draussen. Ganz großer Handball und beste Werbung für diesen schnellen und athletischen Sport. Geil
klogschieter 28.01.2016
5. Herzlichen Glückwunsch, (aber).
Hinsichtlich der Leistung der deutschen Mannschaft gibt es natürlich kein aber. Die Leistung war phantastisch, die Leistung war zum Verlieben. Das war Weltklassehandball. Ohne sechs Stammspieler, einfach nicht zu fassen. Die Abwehr! Habt ihr die Abwehrleistung gesehen! Zum Niederknien! Anders formuliert: Die hätten das Spiel möglicherweise auch gegen eine angemessen regenerierte dänische Mannschaft gewonnen. Genau hier liegt aber natürlich das fette "aber", für das die deutschen Spieler nicht das Allergeringste können. Die Dänen waren halt nicht regeneriert, ganz im Gegenteil, und dafür konnten wiederum die nichts. Die Dänen hatten zu leiden unter der schwachsinnigsten und unfairsten Turnierplanung, an die ich mich sportartenübergreifend erinnern kann. Gibt es eigentlich überhaupt noch irgendeinen Spitzensport, der nicht von ebenso unfähigen wie bornierten Funktionären kontaminiert wäre? Naklar mutet es nicht gerade souverän oder sonderlich sympathisch an, wenn der dänische Trainer sich bereits im Vorfeld eines Spiels über die Umstände beklagt, aber der gute Mann hat ganz einfach recht.
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