Handballer mit Remis gegen Mazedonien Ein ganzes Spiel in 14 Sekunden

Erst eine Weltklasse-Parade, dann die vergebene Chance zum Siegtor: In der Schlussphase gegen Mazedonien zeigte die deutsche Handball-Mannschaft, was sie ausmacht - im Guten wie im Schlechten.

DPA

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Schlusssekunden: Noch 14 Sekunden, Deutschland im Angriff. Philipp Weber hatte die Wahl: Noch warten, direkter Abschluss oder Zuspiel an den Kreis? Stattdessen entschied er sich für einen Querpass weit raus auf die rechte Seite zu Patrick Groetzki. Keine gute Idee, die mazedonische Abwehr stoppte den Angriff per Foul. Den anschließenden Freiwurf aus spitzem Winkel warf Steffen Fäth in die Mauer. Schluss.

Das Ergebnis: Deutschland hätte mit einem erfolgreichen letzten Angriff gewinnen können. Hätte. "Wir spielen zu undiszipliniert die letzte Szene", sagte Bundestrainer Christian Prokop. So blieb es bei einem enttäuschenden 25:25 gegen Mazedonien. Damit erreicht Deutschlands nur als Zweiter die Hauptrunde der Handball-EM in Kroatien, Mazedonien als Erster.

Ab ins Risiko: Mazedonien - trainiert vom spanischen Top-Trainer Raúl González Gutiérrez, der in Doppelfunktion auch Champions-League-Sieger Vardar Skopje coacht - ging von der ersten Minute ins Risiko. Das Team spielte im Angriff ohne Torwart und stattdessen mit sieben Feldspielern. Bei Ballverlust und schnellem Umschalten des Gegners kann das gefährlich werden.

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Handball-EM: Mazedonien mit Masse und Klasse

Die erste Hälfte: Gefährlich wurde die riskante Spielweise schon nach wenigen Sekunden: Steffen Weinhold warf aus der eigene Hälfte ins leere Tor. Danach ging Mazedoniens Taktik besser auf. Die DHB-Auswahl stand in der Defensive permanent unter Druck, und lag nach der frühen 1:0-Führung erst wieder ab der 19. Minute (8:7) vorne. Seiner Favoritenrolle wurde Deutschland nicht gerecht.

Lemke-Comeback: Die Nicht-Nominierung von Finn Lemke hatte für Diskussionen gesorgt. Nach dem schwachen Spiel gegen Slowenien holte Coach Prokop den Abwehrriesen (2,10 Meter, 115 Kilogramm, Spannweite circa 2,20 Meter) zurück, um der Abwehr "mehr Körperlichkeit und Blockarme" zu verleihen, so Prokop. Ab der vierten Minute stand Lemke dann auf der Platte.

Zweite Hälfte I: Der Titelverteidiger blieb nervös - und hatte in der Abwehr mit Filip Taleski (acht Tore) und besonders mit diesem Mazedonier Probleme:

Kiril Lazarov
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Kiril Lazarov

Der ewige Lazarov: Er ist 37 Jahre alt - und immer noch Weltklasse. Wie stark der mazedonische Torjäger (über 1500 Länderspieltreffer, bester Torschütze der EM-Qualifikation) ist, bewies Kiril Lazarov mehrfach, auch als Passgeber. Beispielhaft dafür diese Szene: Mit viel Übersicht leitete der Profi des französischen Erstligisten Nantes einen doppelten Kempa-Trick ein (Ballannahme und Weitergabe in der Luft), den er dann vom Kreis selbst vollendete (5. Minute). Es war Lazarovs erster von fünf Treffern und das schönste Tor des Spiels.

Zweite Hälfte II: "Volle Pulle!" Wer die EM-Auftritte der deutschen Mannschaft im TV verfolgt, weiß, dass Coach Prokop diese Vorgabe in jedem Timeout mitgibt. Hohes Tempo blieb jedoch die Seltenheit. Auch als Mazedoniens Kräfte schwanden, spielte das deutsche Team zu selten in die freien Räume. Warum der Bundestrainer den Gegner erst sehr spät mit der 7-Feldspielertaktik unter Druck setzte, bleibt sein Geheimnis. Nach dem dramatischen Slowenien-Remis reichte es erneut nur für ein Unentschieden.

Lemke-Fazit: Lemkes Rückkehr könnte sich noch als wichtig herausstellen, mit seiner Präsenz scheint er dem Team viel zu geben. Auch gegen die mazedonische Überzahltaktik war Lemke eine hilfreiche Stütze im Mittelblock. Er wehrte drei Bälle ab - Bestwert des Spiels. Das Problem: Für schnelle Gegenzüge - und die haben sich aufgrund Mazedoniens Spielweise häufig ergeben - ist Lemke nicht der ideale Spielertyp.

Deutschlands Torhüter: Es heißt, Deutschland hätte das beste Torhüterduo der Welt. Im zweiten Vorrundenspiel gegen Slowenien war davon nichts zu sehen (Andreas Wolff, 1 von 13 Bällen abgewehrt, Silvio Heinevetter, 5 von 18). Wolff zeigte erneut eine durchschnittliche Leistung und war mit einer Fangquote von 28 Prozent noch nicht auf dem Niveau, das der Kieler-Torwart beim EM-Sieg 2016 hatte. Heinevetter spielte kaum besser (33 Prozent), rettete aber mit einer Glanztat wenige Sekunden vor Schluss zumindest das Remis.

Ausblick: Deutschland zieht nun mit zwei Punkten in die Hauptrunde ein (den Spielplan finden Sie hier). Dort warten mit Spanien und Dänemark Titelkandidaten und mit Tschechien (Siege gegen Dänemark und Ungarn) die große Überraschung dieser Endrunde. Wenn die DHB-Auswahl sich nicht schon im nächsten Spiel am Freitag deutlich steigert, wird die Finalrunde Ende Januar ohne den Titelverteidiger stattfinden.

insgesamt 12 Beiträge
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FK-1234 17.01.2018
1. Hohe Erwartungshaltung
...scheint dem Team nicht gut zu tun. Erinnert mich irgendwie an die Handball Frauen beim Turnier in Deutschland. Alle haben sich vor den Turnier "super" gefühlt. Bei den ersten stärkeren Gegnern war dann Schluss. Der Trainer macht zudem nicht immer einen guten Eindruck.
Thomasthl 17.01.2018
2. So ist das mit den Laptop-Trainern.....
...er krempelt die Mannschaft um, um seine Philosophie umzusetzen. Dann im Spiel gegen Slowenien ändern die Spieler eigenständig das System. Anschließend holt der Trainer über Nacht den aussortierten Verteidiger zurück. Der nicht ins System passt. Eigentlich. In München krempelt zur gleichen Zeit ein "Oldie" eine Top-Fußballmannschaft um. (Scholl und Effenberg lassen Grüßen) Oder Kahn- wie war das mit den "Eiern"? Der Mannschaft und dem Trainer alles Gute! Den Titel bestenfalls!
RalfHenrichs 18.01.2018
3. Hanning raus
Lemke raus, Lemke rein. von Mazedoniens 7er-Taktik überrascht. Prokop ist nicht mehr zu halten. Da er aber für viel Geld geholt worden ist, muss Hanning gleich mitgehen. Mit mehr Komptenz muss der deutsche Handball dann wieder aufgebaut werden.
tobiasdrews 18.01.2018
4. Es war Weber...
... nicht Fäht, der wohl in der letzten Auszeit nicht zugehört hat - und einen Pass spielt, für den man in der C-Jugend ausgeschimpft wird...
provinzler68 18.01.2018
5. Weiter spielen ...
Naja die Chance auf den Siegtreffer in den letzten Sekunden wäre wohl deutlich höher gewesen, wenn der Trainer nicht die Auszeit genommen hätte.
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